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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 3)

den Parterresälen des Oberen Belvedere wird dieser Tage eine 
astellung von 114Wcrken Van Goghs eröffnet, die zwei Mo- 
e lang zu sehen ist. Die ausgestellten Gemälde und Zeichnun- 
l stammen last durchwegs aus dem Rijksmuseum Kröller- 
ller in Ottcrlo, einer der bedeutendsten öffentlichen Samm- 
gen neuer Malerei. Die Ausstellung, eine gemeinsame Veran- 
tung dieses holländischen Museums und des Kulturamtes der 
dt Wien, ist als Anfang einer Reihe ähnlicher Kollektivaus- 
lungcn gedacht, die die Kunst der großen Begründer der mo- 
nen Malerei: Cezanne, Gauguin, Seurat, Munch, Hodler, zei- 
t sollen, und als Abschluß die Kunst im Wien der jahrhundert- 
ide, in der bereits manches von der neuen Anschauungsweise 
er Maler fruchtbar wurde. 
ist Jahrzehnte her, daß man in unserer Stadt eine Ausstellung 
l der Art dieser Van Gogh-Ausstellung sehen konnte. Die 
sachen sind bekannt und eine davon ist sehr einleuchtend, 
nlich die kunstfeindliche Diktatur und ihre Folge, der Krieg. 
den Parterresälen des Oberen Belvedere wird dieser Tage eine 
sstellung von 114Werkcn Van Goghs eröffnet, die zwei Mo- 
e lang zu sehen ist. Die ausgestellten Gemälde und Zeichnun- 
t stammen fast durchwegs aus dem Rijksmuseum Kröller- 
ller in Otterlo, einer der bedeutendsten öffentlichen Samm- 
gen neuer Malerei. Die Ausstellung, eine gemeinsame Veran- 
tung dieses holländischen Museums und des Kulturamtes der 
dt Wien, ist als Anfang einer Reihe ähnlicher Kollektivaus- 
lungen gedacht, die die Kunst der großen Begründer der mo- 
nen Malerei: Cezanne, Gauguin, Seurat, Munch, Hodler, zei- 
t sollen, und als Abschluß die Kunst im Wien der jahrhundert- 
tde, in der bereits manches von der neuen Anschauungsweise 
er Maler fruchtbar wurde. 
ist Jahrzehnte her, daß man in unserer Stadt eine Ausstellung 
t der Art dieser Van Gogh-Ausstellung sehen konnte. Die 
sachen sind bekannt und eine davon ist sehr einleuchtend, 
nlich die kunstfeindliche Diktatur und ihre Folge, der Krieg. 
Gogh im Barockpalais, Blick in ein Kabinett. Links Van Goghs 
hrender Mann". Kreidezeichnung 1881. 
Mittlerweile hat es in aller Welt große Ausstellungen von Wer- 
ken Van Goghs gegeben. 
Nun wird man also in hundert Werken alles Wesentliche eines 
Gesamtwerkes erleben, das zu seiner Zeit die mit dem Preis der 
Selbstaufopferung erkaufte Lebensleistung eines unbeachteten 
Außenseiters war, bald nach seinem freiwilligen Tod aber die 
Malerei zu revolutionieren begann. Von Van Gogh geht ja doch, 
mehr als von irgendeinem andern einzelnen, der moderne Ex- 
pressionismus aus. 
Von den Besuchern der Ausstellung werden die einen, die von 
Van Gogh schon einiges w"scn und gesehen haben, bestätigt 
finden, wie sehr dieser „Klassiker der modernen Malerei" heute 
eben schon ein „Klassiker" ist, und das ist ein Stück Wahrheit, 
aber nur ein kleines. Die anderen, die Van Gogh zum ersten Mal 
in dieser Weise, in Originalen, sehen - das sind die Beneidens- 
werteren, ihnen wird es wie denjenigen ergehen, die zum ersten 
Mal in ein ersehntes, oft vorgestelltes Land reisen. Sie sind in 
ihrer Beziehung zur Kunst Van Goghs „im Stand der Unschuld", 
und das ist etwas, zu dem man im Grunde bei jedem Kunstwerk, 
auch dem bereits gut bekannten, immer wieder kommen müßtc. 
Dahin sollten auch jene anderen, über Van Gogh schon Be- 
scheid Wissenden, kommen, dort sollten sie sich beide treffen. 
Selbstverständlich soll man auch die Kunst Van Goghs mit wis- 
senschaftlicher Besonnenheit betrachten, und man hat Gewinn 
dabei - aber das darf man doch sagen, daß man es zuweilen 
mit schlechtem Gewissen tut. 
Von allem Anfang an, schon in den Lebensabschnitten Van Goghs 
vor der Ausübung der künstlerischen Tätigkeit zeigen sich 
Züge, die auch für seine Kunst bestimmend blieben: eine lei- 
denschaftliche, ruhelose Aktivität, eine oft bis zum Ekstatisehen 
getriebene Hingabe, der Drang zum Helfen und Mitteilen. Dem 
entspricht ein starker Anteil des Willensmäßigen und Gedank- 
lichen, der in verschiedenen liormcn in seiner Kunst bis ans Ende 
verblieb. Er ist besonders deutlich ausgeprägt in den Bildern von 
Bauern, Arbeitern und Armenhiiuslcrn, die das Hauptthema wäh- 
rend seiner „holländischen Periode" ausmachen. (Diese Schaf- 
fenszeit wird in der Ausstellung besonders eindringlich vorge- 
führt.) Damals hat Van Gogh das thematische Programm des 
von ihm zeitlebens verehrten jean-lirttngois Millet vom Lyri- 
schen und Idyllischcn in eine härtere Realistik umgesetzt. Er 
hat dabei auf das Anekdotische verzichtet, nur Gesehenes dar- 
gestellt und dessen Höhung ins Typische vor allem mit der 
Form erreicht. In dem Ungeliigen, Groben, „Proletarischen" der 
zeichnerischen und plastischen liorm und in den trüben, düsteren 
Farben sehen wir heute Anfangsformen des modernen Expres- 
sionismus. Das Bild der „Erdäpfelesscf von 1885 stellt in ge- 
wissem Sinn die Summc seiner damaligen Gestaltungsweise dar 
und ist das erste Hauptwerk Van Goghs. In den Pariser Jahren 
1886f87 tritt das Gedankliche gegenüber dem Artistischen zu- 
rück. Die Thematik und die Form werden bereichert und ver- 
feinert, vor allem aber wird die Farbe radikal verändert. Unter 
dem Eindruck des Impressionismus und japanischer Farbholz- 
schnittc wird die Palette hell und bunt, und sehr rasch macht 
sich Van Gogh die radikale Konsequenz des Impressionismus, 
nämlich den Pointillismus, zu eigen. Zugleich damit tritt die seit 
seinen Anfängen beherrschende Kraft des Zeichncrischen immer 
stärker hervor. In seiner Malerei war der Impressionismus nur 
ein kurzes Durchgangsstadium. An dem Hauptproblem des Im- 
pressionismus, der Darstellung des Lichtes, läßt sich am leich- 
testen erkennen, in welcher Weise Van Gogh die impressionisti- 
sehe Malerei überschritt. Es gibt in seiner voll entwickelten 
Kunst kaum eine illustrative Lichtdarstellung, obwohl er so oft 
die Sonne selbst wiedergegeben hat und seine Bilder blendend 
hell sind. In dieser sehattenloscn Helligkeit seiner Farben ist das 
Lieht mitcnthalten. Die einzelnen Farben in seiner Malerei ge- 
hören den einzelnen Gegenständen zu, im Gegensatz zum Prin- 
zip des Impressionismus. Während in diesem der individuelle 
Gegenstand schließlich aufgehoben, zu einem bloßen Fleck und
	        

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