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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 4)

AUF DER SUCHE NACH EINER NEUEN ZEICHENSPRACHE 
Von RAOU] 
HAUSMANN 
 
Ruuul llmmnunn. Limuges 1'157. 
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Ich bin geboren am 12. ]uli 1886 in Wien, als Abkömmling steirischer, 
italienischer und mährischer Familien. Ich kam im ]änner 1900 mit mei- 
nen Eltern nach Berlin, wo ich unter Anleitung meines Vaters, der 
akademischer Maler war, die Malerei erlernte. 
Im ]ahre 1905 begann ich, unter dem Eindruck der Bilder von Manct, 
Renoir und Cäzanne, die ich in der Nationalgalerie in Berlin sah, im- 
pressionistisch zu malen. 
Später, 1912, unter dem Einfluß der Ausstellungen der Futuristen und 
der Pariser Schule (Delaunay, Leger) in Berlin, entwickelte ich neue 
Ideen, die, nach mehreren ]ahren von Versuchsreihen, im Laufe des 
fahre: 1917 zur Abkehr von jeder Gegenständlichkeit führten. 
Ich schloß mich im April 1918 dem Mnuuemeni international dada an 
und schrieb zu dieser Zeit drei Manifeste, die meine sehr ambivalenten 
Standpunkte hinsichtlich der Malerei umfingen: „Synthetisches Cinu 
der Malerei" 1918, "Material der Malerei, Plastik, Architektur 1918" 
und „(Wie sind nicht die Photographen". Zur selben Zeit erfand ich die 
Photomoniage (1918). 
Es ist ausdrücklich zu betonen, daß ich stets zwei Tendenzen ver- 
folgte: die eine rein ungegenstündliche, die andere als eine Art nicht- 
bewegter Naturfilm in der Photomontage, die ich allerdings später, 
1923, aufgab, ebenso wie icb zur selben Zeit die Malerei aufgab, da 
ich mit der Erfindung der eIektro-akustischen Formmusik, dem Op- 
tophon beschäftigt war. Ich nahm die Malerei 1946 wieder auf und 
verfuhr derart, daß ich Papierstücke xerriß, die ich in Aquarellfarbe 
tauchte. Ich preßte diese Farbflecke auf ein neues Blatt Papier auf. 
Ich war der Ansicht, daß die "geometrische Abstraktion" im Grunde 
nichts „Ungegenständliches" darstellte, da geometrische Farmen im 
letzten Sinne Gegenstände umschreiben. Auch war und bin ich der An- 
sicht, daß die geometrische Abstraktion nur eine gewisse Seite der 
"Neuen Wirklichkeiten" erfassen kann und in ihrer endlosen Wieder- 
holung schließlich nur einen neuen Akademismus darstellte. 
Hingegen hat meiner Überzeugung nach die neue Wirklichkeit auch 
neue psychomorphologische Voraussetzungen, nicht nur formaler, son- 
dern auch emotioneller Art zu erfassen. 
Die Darstellung rein euklidischer Formen (Kreis, Viereck, Dreieck, Spi- 
ralen) kann nicht mit unseren neuen eidolurgirchen und zcichenlaaften 
inneren Antrieben übereinstimmen, wir müssen also neue Ausdrucks- 
elemente suchen, ohne uns um Stilfragen zu kümmern. 
Ich bin in meiner neuen malerischen Epoche natürlich vor allem durch 
Mikro- und Makrophotographie und durch die überraschende Reich- 
beit der Farbformen der Mineralien usw. angeregt worden, ebenso wie 
durch meine eigenen Experimente mit Photogramm und Photopikto- 
gramm. ]edocb trachte ich danach, eine Art neuer Zeichensprache zu 
erlangen. 
Raoul Hausmann, "Zeichen". 1956.
	        

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