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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 4)

sich zu seinen frühen Weggenossen wic etwa Braque zu Picasso; aus- 
gereifte, feinste sublimierteste Kultur veredelt, besänftigt, sublimiert 
primitives, elementares Erleben und Gestalten. Tod und Teufel sind bei 
Massoi. um nichts weniger grausam als etwa bei Picasso - aber sein 
Tod („Der Tod als Sieger", KaL-Nr. 2) ist ein raffinierter, zärtlicher, 
unzweifelhaft perverser Tod, aber auch ein echter Proteus-Tod, der sein 
Opfer mit sich identifiziert, um gleich darauf gleichsam zum Opfer seines 
Opfers zu werden... So ist Massuns früher Surrealismus alles andere, 
nur nicht marktschreierisch, plakathalt, vulgär, er ist aber auch weit we- 
niger theoretisch-illustrativ als etwa der eines Max Ernst. Die absolute 
Übcrordnung der Form, das Primat des Bildgefüges im Ästhetischen über 
das Thematische - all das erscheint bei Massen als eindeutige Voraus- 
sctzung seines Schaffens gegeben. Und doch - auch hier hat man nicht 
das Gefühl, auf festem Grund zu stehen, man weiß nie so recht... 
 
Und wiederum manifestiert sich der proteushafte Charakter von Mas- 
sons Kunst. Inhaltlich streift die neue Periode Reste surrcalistischer 
Voraussetzungen völlig ab - Freude am Leben, an der Form ersetzt 
Pessimismus, Resignation und passiven Zynismus. Völlig neue Vorbilder 
sucht sich nun der Künstler. Er schafft Landschaften im Stile der chine- 
sischen Malerei, der Sung-Epoche, das Figurale lehnt sich an Impressio- 
nistisches an. Aber eine Tendenz, die schon in der „surrealistischen" Pe- 
riode gegeben war, verstärkt sich noch- der Hang zum Transitorischen," 
Transparenten. Die Faktur dieser Blätter ist von unbeschreiblicher Zärt- 
lichkeit und süßer Weichheit, selten gibt es eine Kunst. die so schmei- 
chelt und kost, ohne auch nur den Bruchteil eines Moments in Gefahr 
zu kommen, den Untiefen des Kitsches zu erliegen. Der „Flammenvogel" 
(1955, Kam-Nr. 122) vermag in der Schwarzweiß-Reproduktion kaum 
eine Ahnung vom Glanz, der Gewähltheit, aber auch der Fülle an far- 
biger Phantasie des Originals zu vermitteln. 
Summa summarum: Es wird schwer sein, Masson den großen schöpferi- 
schen Genies unserer Zeit zuzurechnen. Er ist ganz gewiß „fin du 
demi-sieele", überrcife Frucht auf einem schwer um Leben und Fortbe- 
stehen kämpfenden uralten Baum, in dessen Stamm die Kräfte des Ver- 
gehens nicht schwächer sind als die des Werdens. Seine nächsten gei- 
stigen Verwandten sind Beardsley und in gewisser Hinsicht auch Klimt. 
Sicher ist er der ewige Ästhet im Kleid der Mitte des 20. jahrhunderts; 
es wäre gar nicht so verwunderlich, wenn seine Kunst gerade hier in 
Wien allen Erwartungen zum Trotz auf stärkeren Widerhall stoßen 
sollte. 
Sixypbu: (1. Zustand). 1946. 42 X 62 cm. 
Kam-Nr. 42. 
Dieses Blatt verkörpert stärker als andere die 
Idee dcs ununterbrochenen Spiels vorn Wer- 
den und Vergehen, des ruhelosen Wechsels 
der Erscheinungen und Strukturen. Es ist ge- 
plant, das Werk in den Besitz der Albertina 
überzuführen. 
Nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Rückkehr aus der Emigration 
setzt Massons eigentliche Hauptschalfenszeit ein. In der Technik findet 
ein allmähliches, gleitendes Übergehcn von den Tiefdruckverlahren zu 
lruchtbarsten Experimenten mit den Möglichkeiten des Flachdrucks, 
der Lithographie statt. Auch hier ist das Streben des Künstlers nach 
extremem Raffinement bezeichnend; immer wieder steht man geradezu 
bestürzt vor Blättern, die sich schlicht „Radierung" nennen und doch 
kaum mehr mit dieser Technik gemein haben als nur dcn Namen. 
Ähnlich steht es mit den Lithos, bei denen sowohl die Grenzen als auch 
die Voraussetzungen des Arheitsmatcrials ins Nichts verraucht sind. 
 
GALERIE ST. STEPHAN: 
Im Schlagschatten der van Gogh-Ausstellung im Belvedere stand die 
Schau von Radierungen und Lithos Marc Chagalls zum Thema der 
Bibel. Im wesentlichen bekam man den Kern einer Ausstellung zu 
sehen, die im Sommer 1957 bei Welz in Salzburg mit größtem Publi- 
kumserfolg gezeigt wurde. Daß die Ausstellung in der Galerie St. Ste- 
phan ihrem Umfang nach kleiner war und lockerer gehängt werden 
konnte, gereichte der Kunst Chagalls nur zum Vorteil; Chagall gehört 
zu jenen SuperaArrivierten, die von ihrem Publikum, ähnlich wie das 
bei Filmstars der Fall ist, auf einen bestimmten Stil - bei Chagall 
„meschugge" -- festgelegt wurden und gerade in Caghalls Spätwerk 
findet sich im gleichen Maß zunehmend Manieriertes, als der Künstler 
sich rein äußerlich von seiner jugendzeit und den alten Bindungen an 
die Geistigkeit und Religiosität seiner Heimat entfernt. Umso beglük- 
kender ist es, angesichts der Bibel-Folge festzustellen, daß der Künstler 
Chagall hier, wo es ums Letzte, Höchste geht, keinen Deut von künst- 
lerischer Verantwortung und Seriosität geopfert hat. Die Bibel-Illustra- 
tionen sind überraschend wenig „chagalliseh", vergeblich sucht man 
nach kopfstehenden Juden, fliegenden Kälbchen und ähnlichen Attri- 
buten. Dafür isl das Maß an innerer Monumentalität und echtem, tie- 
fern Pathos aus tiefer religiöser Überzeugung kaum überbietbar: Klar 
wie am ersten Tag tönt die Stimme jahwes gleichsam aus dem Munde 
Chagalls, des späten Nachfahren Mosis'. Ein bekannter Wiener Kritiker 
warf die Frage auf, ob das hiesige Publikum zu Chagall finden und sich 
damit weiterer Großausstellungen a la van Gogh würdig erweisenl 
würde; obwohl die Ausstellung in der Galerie St. Stephan durch äußere 
Reklamemittel kaum publik gemacht worden war, herrschte ein rela- 
tiv großer Zustrom. Soll das bedeuten, daß die Wiener, ihrer eigenen 
Überzeuging zum Trotz, doch keine so entsetzlichen Provinzler sind, 
wie man ihnen das gerne einreden möchte? 
Flammenvogel (farbig). 1955. SO X65 crn. 
Kam-Nr. 122. 
Mit einer Konzentration, die Ostasiatischcs 
erreicht, wenn nicht überbietet, setzt Mas- 
son seine „Zeichen". Äußerster formaler 
Vereinfachung steht klügstes, gewagtcstes 
Ausspielen koloristischer Eflckte entgegen. 
LONDON: 
In London hntte lhr Berichterstatter den Vorzug, mit einem österrei- 
chischen Maler zusammenzutreflen. der den künstlerischen Ruf seiner 
Heimat seit mehr als drei jahrzehnten eines neuen Lebens in England 
wahrt und mehrt: Es ist Alfons Purtscher, ein gebürtiger Kärntner, von 
dessen Werk hier kurz die Rede sei; in zwei Jahren wird er seinen fünf- 
undsiebzigsten Geburtstag begehen und es ist zu hoffen, daß die Oster- 
reichische Galerie (Oberes Belvedere) sich entschließt, dieses Ereignis 
durch eine würdig gestaltete Retrospektive zu begehen. Purtscher ist 
Schüler von H. v. Zügel, dem bedeutenden Münchner Tierimpressio- 
nisten. Auch in seinem Werk spürt man die Liebe zur Kreatur, immer 
wieder ist es das große Thema Pferd - in der bildenden Kunst nach 
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