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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 5)

Porzellanmanufaktur Du Pnquicrs und ihr nahestehende Haus- 
mnler haben einen sehr verwandten Dekor auf Porzellan mit 
Vorliebe gepflegt. Auch diese Sehwarzlotgläser bilden nur ein 
Zwischenspiel, allerdings eines von guter Qualität. Es müssen 
natürlich keine direkten Beziehungen zwischen den Wiener Por- 
zellunmalern und den Sehwarzlotmalereien auf den böhmisch- 
sehlesischcn Gläsern der zwanziger und dreißiger Jahre be- 
stehen; aber fast gleichzeitig kommt der Sehwarzlotdekor auf 
Glas und auf Porzellan aus der Mode. 
Die böhmiseh-schlcsischen Glashütten und ihr Einflußbereieh be- 
saßen eine erstaunliche künstlerische Regsamkeit. Ihnen ver- 
danken wir ja auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die 
Zwischengoldgläser mit allen ihren Abwandlungen im Dekor. 
Kein Wunder, dzxlS hier auch die Frage des Emaildekors in einer 
von der sonst üblichen Emttilmalerei abweichenden Form auf- 
gegriffen wurde. Diese Gläser - meist einfach faeettierte Be- 
eher, Pokale und Flaschen - tragen dem geänderten Zeit- 
gesehmaek Rechnung. Die zierlichen Figuren des Rokoko und 
des Frühklassizismus bewegen sich Zwischen Rocaillen, Land- 
schaits- und Archilekturandeutungen. Die Furhen sind häufig 
Ton in Ton nhschallicrt; etwa von Weiß bis Purpur oder von 
Weiß bis Blau; aber auch die viellarbigen Darstellungen zeugen 
von einem feineren Farbemplinden und sind malerisch wert- 
voller als man es von den Humpen und Flaschen dieser Zeit 
sonst gewohnt ist. Neben dem Limaildekor gibt es noch reizende 
Goldmalcreien mit duftigen Roeziillen und kleinen Figürchen in 
einfachsten Landschaftsnndeutungcn. Die Frage nach Entste- 
hungsort und Künstlerpersänlichkeiten läßt sich für diese Glas- 
veredelung ehenso wenig beantworten wie für den Schwarzlot- 
dekor und die Zwisehengoldverzierung. Da aber die limailmalcrei 
auf Glas nicht an die Glashüue gebunden ist, sind Beziehungen 
zu den Malern der Wiener Porzellnnmanulaklui" auch in diesem 
Falle nicht ganz von der Hand zu weisen. 
DIE PFARRKIRCHE VON WILTEN BEI INNSBRUCK 
Von OTTO R. v. l.L"I"I'l.R()' 
I)iv Wiltcnrr PIurI-Ltiirlni lUllHfP in (Im: fahren 1953-56 
unter Leitung 11er Dmkmulanzlci" nach Plänen der Archi- 
tekten Robert IWm-zrr (T) und Ingo Forxlcr in vorbild- 
licher [Weise l'c.tfzttll'it'l'f. 
Dem XVandercr, der vom Süden her die Brenncrstraße ins lnntll 
herabsteigt, fällt allsogleiclt eine mächtige G bäudemasse, von 
Türmen und Kuppeln überragt, ins Auge. Es ist die Gottcsburg 
des Stiftes Wilten mit den zwci Kirchen, ein tirolischer Escorial 
und zugleich Nordtirols älteste Kulturstätte, in vergangenen 
Jahrhunderten Mittelpunkt im weiten Inntal, Keimzellc des 
Frühchristcntums, führend als Pflcgestätte von Kunst und Wis- 
senschaft. Das Alter der an einem wichtigen Straßenknotcnpunkt 
gelegenen Siedlung reicht nach den Funden bis in die vorge- 
schichtlichc Zeit zurück. Auch dic. Römer ließen sich hier auf 
dem Sillschuttkegel nieder; der Ort wird im Itincrar des An- 
tonin „Vcldidena" genannt und es haben sich auf dem Boden 
des heutigen Klosters viele römische Altertümcr gefunden. 
Nach den Stürmen der Völkcrwanderungszeil taucht erst 870 
der Name „Wiltina" wieder auf. Es bestand hier eine dem rö- 
mischen Märtyrer Laurentius geweihte Kirche unbestimmten, 
aber sicher hohen Alters, später verbunden mit einem Konvent 
von Klerikern. Bischof Reginbert von Brixen ersetzte diese Kon- 
vcntualen zwischen 1128 und 1138 durch den Orden der von 
St. Norbert gegründeten Prämonslratenser und schuf damit ein 
rcichbestiftctes Kloster, auf dessen Grund und Boden seit 118i) 
die Stadt Innsbruck emporwuchs. Die förmliche Bestätigung des 
neuen Klosters zu Willen erfolgte 1138 durch Papst Inno- 
zcnz II., die Schenkungsurkunde des Brixner Bischofs Rcginbcrt 
stammt von 1140. - 
Damals übernahm der erste Propst Marchward, Norberts Schü- 
ler, Kirche und Kloster Wilten samt der Pfarrkirche aus den 
Händen des Bischofs. Diese Kirche für die Pfarre Wilten, der wir 
uns heute im besonderen zuwenden wollen, bestand also sicher 
schon bei der Ankunft der Prämonstratenser und ihre weitaus- 
gedehnlc Seelsorge erstreckte sich über das Gebiet des heutigen 
Innsbruck („St. Jakob in der Au", „St. Moritz am Inn"), Höl- 
ting, Mutters-Natters, Völs und St. Siegmund im Scllraintal. 
1261 wurde die Kirche, ein wohl romanischer Bau, vom Bischof 
Bruno von Brixen neuerdings bestätigt, fiel um 1299 wahrschein- 
lich samt Kloster und Stiftskirche einer verheerenden Feuers- 
brunst zum Opfer und wurde 1310 als „ecclesia nova in Wilthina 
prope monastcrium" (als neue Kirche in Wilten nächst dem 
 
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Kloster, so genannt 1309) neu geweiht durch Bischof Johannes 
Wulfing von Brixen. Die Form dieser Kirche is s einem Grund- 
riß zu erschließen, den der Stiftsprior und spatcrc Abt Andreas 
Mayr 1609 einer Eingabe an die oberösterreichische Regierung 
um Bcisteuer zum Umbau der alten Pfarrkirchc beigelegt htttc. 
Lis war ein einfacher rechteckiger Kirchcnraum, durch vier Pfei- 
lcr in drei Schiffe geteilt, unsicher ob mit flacher Balkendeck-e 
oder doch eher schon (um 1300!) gewölbt. Der polygonale go- 
tische Chor wurde wahrscheinlich erst unter Abt Alexius Stoll 
(1470-1492) angebaut und wohl damals, falls es nicht schon 
früher geschehen war, auch das Schiff eingewölbt. An der Süd- 
ostecke erhob sich ein hoher Glockenturm. Der Hochaltar, ein 
Ziboriumbau, mit dem Gnadcnbild „Maria unter den vicr 
Säulen" stand mitten im Kirchenschiff. 
Die Wiltcner Pfarrkirchc ist ja zugleich eine der ältesten und 
berühmtesten Wallfahrtsstältcn Tirols. Die mittelalterliche Le- 
gendc, nach der christliche Soldaten der römischen „Legio ful- 
minata" (Blitzlegion) bei ihrem Feldlager in Veldidena ein Ma- 
donnenbild unter vier Bäumen aufgestellt und so den Anlaß zur 
Wallfahrt gegeben haben sollen, deutet zumindest auf den früh- 
mittelalterlichen Ursprung der Wallfahrt und Kirche hin. Nach 
Übernahme der Pfarrkirchc durch die weißen Mönche um 1128 
erlebte diese Wallfahrt eine Blütezeit. Nach Urkunden aus dem 
13. Jahrhundert zogen die Chorherren mit dem Volk jeden 
Mittwoch und später auch Samstag in Prozession vom Stift in 
die Pfarr- oder Fraucnkirche. Der Neubau von 1310 war daher 
wohl auch wegen der großen Pilgerscharen notwendig, die aus 
den Kirchengemeinden von nah und fern nach Willen zogen. 
Die heutige, auf dem Hochaltar befindliche gotische Statue der 
thronenden Maria mit Kind (aus Sandstein, 88 cm hoch, nach 
Restaurierung wieder in alter Fassung) stammt aus der ersten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts und ist der sogenannten Anger- 
Muttcrgottes im Bayerischen Nationalmusctim in München 
ähnlich. 
Die Verehrung zu Maria unter den vier Säulen zeigte u. a. dic 
jährliche Prozession der Stadt Innsbruck zum Agathafest (5. lieb- 
ruar), um die Agathenkcrzcn gegen Feuersgefaht" zu opfern. Als 
1529 Wien von den Türken belagert wurde, unternahm die Stadt 
ebenfalls eine große Wallfahrt. Daß Wilten und Innsbruck beim 
Bauernaufstand 1525 und später beim Einfall des Kurfürsten 
Moritz von Sachsen (1552) von der Plünderung verschont blieb, 
schrieb man dem besonderen Schutz des Gnadenbildes zu. Schon 
Herzog Friedrich mit der leeren Tasche (gcst. 1439) stiftet-e 1418 
 
	        

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