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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 5)

zr, vorweggenommen, die sich etwa in Preußen, dem natur- 
ebenen Vcrgleiehsobjekt, zeitweisen Vorbild und politischen 
ilen Österreichs, auf die Zeit vom Großen Kurfürsten bis zu 
Stein-Hardenbergischen Reformen, also auf mehr als andert- 
) jahrbunderte erstreckte. Die wohl unvermeidliche Folge 
er vielleicht allzu stürmischen Entwicklung war dann auch 
durch das Erlebnis der Französischen Revolution verstärkten" 
:kschlag unter der Regierung Kaiser Franz. Bedenken wir 
r etwa, daß zwischen dem Tod von Maria Theresias Vater 
'l VI. - der nicht nur der letzte Althabsburger, sondern 
leich der letzte österreichische Barock-Herrscher nach Herr- 
1fts-, Glaubens- und Lebensstil war - und dem Regierungs- 
"itt Leopolds in der Toskana (1765), das heißt dem Regie- 
gsbeginn eines Herrschers, der sich zu den Gedanken der 
kssouveränität und des Verfassungsstaates in einer allen an- 
zn Fürsten seiner Zeit weit vorauseilenden Weise bekannte, 
ein Vierteljahrhundcrt, beziehungsweise nur eine Generation, 
n die Maria Thercsias und ihres Gatten Franz Stephan von 
bringen, lag, so wird uns bcwußt, daß wir hier eine der größ- 
und umwälzendstcn, wenngleich unblutigen Revolutionen der 
rrreiehischen, ja der europäischen Geschichte vor uns haben. 
sind die Auswirkungen jenes großen europäischen Bewußt- 
iswandcls, den der Franzose Paul I-lazard einst treffend die 
ise des europäischen Bewußtseins" genannt hatte, die in 
erreieh, in Verbindung mit einem Kampf auf Leben oder Tod 
Staatswescns, jene Umwälzung ausgelöst haben. An die 
le des politisch-religiösen Systems des aus der Gegenreforma- 
erwachsenen habsburgischen Barock-Katholizismus der 
:tas Austriaca" tritt ein religiöser Rationalismus, in dem 
mente des aus den Niederlanden nach Österreich hereinwir- 
den janscnismus, der katholischen Aufklärung Italiens und 
französischen und englischen Aufkliirungsphilosophie zu- 
imenwirken; an die Stelle des Glaubens an die Auserwähltheit 
„Domus Austriaca" tritt der Begriff der Arbeit für das Wohl 
„Monarehie", deren „Geburtstag" von Maria Theresia auf 
Tag der Schlacht von Kolin verlegt wird. Dieser Begriff der 
anarchie" stellt aber bereits einen Übergang dar zu dem 
erizianisch-josephinischen Begriff des „Staates", dessen „er- 
Diencr" dann der Monarch wird. Schon bei Prinz Eugen, den 
wohl überhaupt als einen der Vermittler des west- und süd- 
apäischen Denkens ansehen dürfen, taucht dieser Begriff der 
Jnarchie" auf und cs ist bezeichnend, daß mehrere Personen 
engsten Umgebung des Prinzen Eugen (Koch, Silva-Tarouca) 
n unter Maria Thercsia eine entscheidende Rolle spielen. Sehr 
wer zu fassen ist die Bedeutung Franz Stephans von Lothrin- 
, des Gemahls der Maria Tberesia, dessen Einfluß wohl all- 
ehr unterschätzt wird. Gerade für die Ausbildung jenes bür- 
lieh-sparsamen Lebensstils, der die Habsburg-Lothringer so 
entlich von den Althabsburgern unterscheidet, wie bei der 
iehung der Kinder, aber auch in Fragen der inneren wie der 
ercn Politik, vielleicht sogar auch in den grundlegenden reli- 
aen Fragen, hat er wahrscheinlich einen stärkeren Einfluß 
geübt, als man gemeinhin annimmt oder als man jemals mit 
ierheit feststellen kann. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß 
s war, der Maria Theresia auf den Grafen Haugwitz, den spii- 
n Schöpfer der großen mariatheresianischen Staats- und Be- 
denreform, aufmerksam machte. 
id in Hand mit dem Wandel der religiös-politischen Auffas- 
gen geht der Wandel des Lebensstils. Wenn der traditions- 
undene Obersthofmeister Graf (später Fürst) Khevcnhüller- 
sch (dessen Tagebücher für die Kenntnis des Hof- und Fa- 
ienlebens Maria Thcresias eine Quelle von unschätzbarem 
rt darstellen) bewegliche Klage führt über den „unglück- 
en Neuerungsgeist, welcher bald nach weiland Kaisers Ca- 
VI. Absterben sich eingefunden und täglich mehr zugenom- 
i" habe, über die „gänzliche Vcrkehr- und Umgießung einer 
ch viele Saccula und von Anbeginn des durchlauehtigsten 
hauses üblich gewesenen Regierungsform", so bezieht sich 
das ebenso auf den Hcrrsehafts- und Lebensstil wie auf die Re- 
gierungsprinxipien. Mil der „Verbürgerliehung" beginnt zugleich 
das Auseinandertreten einer „öffentlichen" und einer „private-n" 
Sphäre auch im Leben der Fürsten selbst in einer Weise, die 
früheren Zeiten und Generationen noch durchaus Fremd war. 
XWenn Maria Theresia einmal schreibt: „Hwvelehe Wahrheit 
mir täglich vor Augen geleget und reiflieh erwogen, daß nicht 
mir selbst, sondern dem Publieo allein zugehörig sei", so weist 
dies schon auf den späteren Gedanken des Staatsdienertums hin 
und es gibt in den Schriften gekrönten" Häiupter kaum eine 
sehliehtere und ergreifendere Stelle als jene, in der zugleich die 
Stiirkc und Seelengröße der Mutter und Herrscherin sichtbar 
wird: „Und so lieb ich auch meine Familie und Kinder habe, der- 
gestaltrn daß keinen Fleiß, Kummer, Sorgen noch Arbeit vor 
selbe spare, so hätte jedoch deren Länder allgemeines Beste 
 
Die Herrscherfnmilie in der privaten Sphäre zeigt die Gouache der 
herzogin Maria Christina ,.Nikolausbescherung". die sich ebenlnlls in 
Schönbrunn befindet. Die lxialerin hat sich selbst dargestellt, wie sie 
ihrem jüngeren Bruder F"dinand mit der Rute droht, am Boden kauert, 
(iebäek knabbernd, Erzherzog Maximilian. der spätere Kurfürst von 
Köln, Marie Antoinette spielt mit einer Puppe, der Ka _ sitzt im 
Schlalroek, mit Naehtmütxe und Pantoffeln bei der Morgenschokolnde, 
die ihm Maria 'l'heresin bringt. 
 
 
denen allezeit vorgezogen, wann in meinem Gewissen überzeuget 
gewesen wäre, daß solches tun könne und daß dcrerselben 
Wohlstand dieses erheischte, indcme sothaner Länder allgemeine 
und erste Mutter bin." 
So hat Maria Theresia, die oft und gerne für sich den Ehrentitel 
einer „Landesmutter" in Anspruch nahm, die Spannungen zwi- 
schen Familientradition und Zeittendenzen, zwischen privater 
und politischer Sphäre, zwischen dem barocken Erbe und dem 
Rationalismus der Aufklärung für sich wie für den Staat über- 
wunden durch ihren gJUIZ auf die praktischen Probleme gerich- 
teten unspekulativen Geist, durch die Kraft ihrer starken herr- 
scherlichen Persönlichkeit und durch die Übertragung des ober- 
sten Prinzips, das ihr Wesen beherrschte, ihrer Mütterlichkeit, 
auch auf die politische Sphäre. Der staatliche, der dynastische und 
der familiäre Bereich wurden gleicherweise beherrscht von der 
konkreten, lebensvollen Gestalt der Mutter, die Oberhaupt der 
Dynastie, Mutter ihrer großen Familie und Landesmutter zu- 
gleich war und auf die sich alle jene gemüthaften Kräfte ihrer 
Untertanen konzentrierten, die durch die gleichzeitige Zurück- 
drängung und Beschneidung der barocken Frömmigkeit freige- 
worden waren. Vielleicht liegt darin der tiefste Grund für die 
starke Wirkung ,die Maria Theresia, die kaiserliche große Mutter 
Österreichs, auf Mit- und Nachwelt ausübte.
	        

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