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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 6)

Prokrustesbett gefesselt die Gestalt eines Dichters. Er trägt die 
Narrenkappe auf den Kopf und die Feder in der Hand. Schnee 
fällt auf ihn und seine Einsamkeit und der geteilte Mond sendet 
sein gleichmütigcs Licht über den schwebenden der sich über 
Gestrüpp - Birkenrinde die menschliche Gestalt angenommen 
hat - emporhebt. 
Seiner Enthaltsamkeit - unter dem nächsten Schicksalsrad - 
stehen zwei Tiere entgegen, die sich zerfleischen. Sie sind Gleich- 
nisse der Gier und des falschen Geltungsbedürfnisscs. Der Kampf 
des Alltags, der laute Lärm der Menge, das Ringen um Aner- 
kennung bekommen in ihnen Gestalt. 
Im nächsten Lebensrad stürmt, die Speichen tretend, ein jüng- 
ling vor, mit Bändern und Federn geschmückt. Seine eine Hand 
greift nach einer Herme, die ihm aus dem vorhergehenden Rad 
entgegcnstrebt, die andere nach einer nackten, orientalisch ge- 
schmückten Frau, die unter ihm glcichmütig dahinschreitet. 
Die Hermc - mit aztekischen Gesichtszügen, gekrönt und ver- 
schleiert - verkörpert hier das geistige Ideal. Aus einer Seiten- 
wunde spritzt ihr Blut und verweist den jüngling auf die Ge- 
fahren, die in der Hingabe an das Ideal liegen. Die Frauengestalt 
steht für das Irdische, seinen flüchtigen Durchgang und seine 
Banalität. 
Hinter dem Jüngling schwebt auffahrend die Figur der Weis- 
heit, gewappnet und gchörnt, das goldene Vlies an den Lenden. 
Sie stützt sich auf den jüngling und hält ihn gleichzeitig zurück, 
auf die Unvereinbarkeit seines doppelten Strebens hinweisend. 
Hier liegt ein Schwerpunkt des Gobelins, das Dynamische des 
Geschehens unterstützend. 
Eine farbige abstrakte Öhrform bildet danach eine Zäsur. Tor 
und Eingang, lcitct sie zum Schlußteil des Teppichs über. Sie 
öffnet sich auf eine Landschaft und das nächste Rad, in dessen 
Biegung sich eine schlanke Frauengestalt schmiegt. Ihre Armlo- 
sigkeit verkündet Vollendung ohne Tun, Beharren im Sein. Unter 
ihr liegt eine zerbrochene, bärtige Männerfigur die ihr opfernd 
eine Flamme darbringt: die Flamme des Lebens, der Schöpfung. 
Sie stützt sich auf eine Amphora, in der ein blaues Gefäß mit 
Trauben angedeutet erscheint. Blut und Wundsekret vermischen 
sich mit dem Todcsschweiß der Figur, deuten ein letztes Opfer 
als Tribut wirklicher Liebe an. Das Geheimnis des Künstlers, 
des schöpferischen Menschen hat hier seine Darstellung ge- 
funden. 
Zwei heraldische Tiere, die Rücken gegeneinander gekehrt, bil- 
den den Absehluß des Gobelins. Sie sollen Unverstand und Klug- 
heit verkörpern. Bekriinzt und geschmückt, tragen sie eine Kette 
in der die jeweils drei Sigel der Tier-, Pflanzen- und Gesteins- 
welt, die Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe dargestellt 
sind. 
Aber über ihnen erhebt sich in einer goldenen Kuppel und zum 
erstenmale im Teppich in konkreter fleischlicher Plastizität, ein 
weiblicher Körper. Plastisch und anschaulich entschwebt er in das 
Blau des Himmels, als Zeichen der körperlichen Aufnahme, eine 
Apotheose die das Leitmotiv noch einmal zusammenfaßt und 
verklärt. 
Dem Schicksalsratd zu entspringen ist nur durch die Liebe und 
die Liebestat des Weibes möglich, das in ihr seine eigentliche Er- 
füllung findet." Damit erscheint dieser Gobelin dem Schicksal 
und dem .Weibe gewidmet, den Kräften des Lebens, in denen 
sich, wie in ihm, das Ende zum Anfang fügt. Tragik und Heiter- 
keit verbinden sich in ihm zu einem Sinnbild des Lebens. 
Der oberflächliche Betrachter ist vielleicht dazu verführt, weite 
Teile des Teppichs als gegenstandslose Kunst zu bezeichnen. 
Der grundlegende Unterschied aber gegenüber der zeitgenössi- 
schen gegenstandlosen Kunst besteht bei Boeckl darin, daß jede 
liarbform einer konkreten Vorstellung geistiger Natur entspricht, 
also ihr So-Sein nicht nur dem strukturellen Gefüge allein ver- 
dankt. Diese Tatsache ermöglieht, wie in Seckau, die nahtlose 
Vereinigung noch naturbezogener Formen und Gestalten mit 
dem gegenstandsloscn Formengleichnis, ermöglicht vor allem 
auch die Setzung des dreidimensionalen Frauenaktcs mit all 
seiner unmittelbaren Gegenwärtigkcit, in seine schwingende Am! 
biance ohne daß das Gleichgewicht gestört wird. Die einzelnen 
Figuren erscheinen in ihrer Formung leicht in den Raum, der um 
sie herum in Kristallisationsflächen der Farbe gebildet wird, auf- 
gefächert und heben sich damit von einer rein dekorativen Wir- 
kung entschieden ab. 
Möglich wurde diese Leistung nur durch eine äußerste Hingabe 
des Künstlers, der selbst bei den Webearbeiten noch täglich und 
 
Detail, Abschluß des G0- 
belins von Herbert Boeckl.
	        

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