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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 7 und 8)

Schönheit und die Augen, die aus diesem gcistvollen Kopf blik- 
kcn, sind tief wie das Meer. 
In der Löwengestalt des Markus sind gewaltige Kraft, (ic- 
scbmeidigkeit und wilde Gier vereinigt. Den schlanken Leib 
katzenartig gebogen, den buschigen Schwanz zwischen den Hin- 
terfüßen eingezogen, scheint das mächtige Tier mit gewaltigem 
Sprung am linken Bildrand emporsehnellen zu wollen. Ein- 
drucksvoll der große Löwenkopf! Mit einem gewaltigen Ruck 
ist er von der übrigen Körperhaltung in Vicrteldrehung nach 
rechts oben gewendet, sodaß man alle Einzelheiten desselben, 
die Mahne, die abgestumpftc Nase und das zähnestarrcnde Lö- 
wcnmaul in Muße betrachten kann. Mit leicht geöffnetem Ra- 
chen läßt der König der Wüste seine Donncrstimme ertönen - 
siegreiche Kraft des ljvangelismus, die auch härteste Sünder- 
hcrzen zu erschüttern vermag. Dieser wilden Urkraft steht in 
der zarten Figur des Evangelisten Markus vollendete Ergebung 
gegenüber. Ein schmächtiger, junger Mann sitzt auf seinem 
Stuhl. Sein zartes, edles Antlitz ist durch das breite Goldkoller 
besonders hervorgehoben. Der Kopf ist leicht seitwärts dem Sym- 
bol zugewcndet, ohne es anzublieken. Die aufmerksamen 
Augen und die auf das Symbol hinweisende Rechte wollen wohl 
sagen: Von dem ist alles, was ich geschrieben habe. 
Der Stier des Lu k as ist wohl das Gewaltigstc, was man sich 
an drängender Werbung denken kann. Zwischen die Hinterfüße 
hindurch peitscht das wütende Tier die Luft mit dem langen 
Schwanz. Die beiden VorderfülSe sind derart zum Sprung ange- 
setzt, daß sie mit dem Körper eine Waagrechte bilden. In mäch- 
tigcm Schwung wirft das starke Tier seinen gewaltigen Stier- 
nackea nach links herum und wendet seinen Kopf dem Evange- 
listen zu. Dieser Stierkopf, dieser richtige „QuadratschädeP ist 
mit wenigen Strichen in seiner ganzen robusten Kraft meister- 
haft gezeichnet. Die kurzen Ohren sind aufgerichtet; die gedrun- 
genen Hörner stoßen seitwärts vor; die Augen sind _weit aufge- 
sperrt und die Nüstern zu runden Scheiben - gleich „Pflugra- 
deln" - gespannt. XVic Sturmcswetter kommt das alles über 
den Evangelisten - der Geist der Offenbarung! Ein jungmann 
sitzt, in sich gekaucrt, mit gekreuzten Füllen auf seinem Stuhl; 
die Linke weist wiederum auf das Symbol hin als die Quelle und 
den Gegenstand der geoffenbarten Wahrheit zugleich. 
Ergrcifend ist das vierte Bild. Der „Adler aus der Höhe" 
hat sich zu geheimnisvoller Mitteilung an der Seite des Evange- 
listen niedergelassen. Breitflicßende Goldstreifen zeichnen die 
Umrisse des großen Vogels. Bei aller scheinbaren Ruhe herrscht 
höchste Aktivität. Nicht die Brust, sondern der Rücken ist dem 
Evangelisten zugekehrt. Die Flügel ruhen nicht am Körper, son- 
dern sind über die Schultern hochgezogen. Und über sie hinweg 
hat der Adler nach echter Vogelart seinen Kopf voll dem Evan- 
gelisten zugewendet. Zu übernatürlichcr Offenbarung sich leicht 
neigend, läßt das sprechende Vogelauge darüber keinen Zweifel 
aufkommen. In höchster Erregung, mit voll Verwunderung ins 
Leere starrcndcn Augen führt derjugcndliche Evangelist nur eine. 
aber in dieser Situation höchst bezeichnende Bewegung aus: 
Seine Rechte faßt mit energischem Griff das Gcwandkoller am 
Hals, was doch nur bedeuten kann: „Einfach unfaßbar!" - was 
hier mitgeteilt wird. Theologisch will die unerwartete Haltung 
des Adlers und die tief erschütterte des Evangelisten sagen, dafl 
trotz übernatürlicher Offenbarung das Wesen der Gottheit ein 
Geheimnis, ein jedes menschliche Verstehen übcrsteigender Be- 
griff bleibtr „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei 
Gott und Gott war das Wort. . ." (Job. 1,1) 
Das Zentralbild des Kelehes, das Heilan d bild, ist Flächen- 
haft von gleicher Größe und Umrabmung wie die Bilder der 
Evangelisten. Und doch hat es der Künstler verstanden, dasselbe 
zum überragenden Mittelpunkt der Gcsamtdarstellung zu ma- 
chen. Während bei den Evangelistcnbild-ern je zwei Figuren als 
Ganzdarstcllung aufscheinen, tritt hier der Heiland allein und 
nur in Halbfigur entgegen. Blumen mit ihren geöffneten Blüten- 
kelehen drängen sich zu beiden Seiten hinter dem Rücken des 
Der Evangelist johannes mit seinem Symbol, dem Adler. 
Heilande- hervor. Sie reichen bis zur Schultcrböhe. Damit ist die 
Rückenlehne des "Fhrones angedeutet, auf dem der Erlöser sitzt. 
Auf der Rückwand des Thrones erhebt sich eine Art „Attika", 
eine durch zwei kräftige Goldstreifen horizontal abgegrenzte 
Flache, in welche die Anfangs- und Endbuchstaben des griechi- 
schen Alphabctes A und u) eingegraben sind. Zwischendem 
Hintergrund und dem Haupt des Erlösers schiebt sich dic präch- 
tige, zwcigeteilte Goldseheibe des großen Krcuzstrahlenkranzcs 
ein, der von jeher nur dem Heiland zukommt. Vor diesem Hin- 
tergrund sitzt die zarte Gestalt des Gottmcnschen in aufrechter, 
edler Haltung. Das in der Mitte sorgfältig gescheiteltc Haar 
fällt in reicher liülle auf die schmalen Schultern des Erlösers 
herab. Ein kurzer dünner Bart bedeckt Kinn und Wangen. Das 
Unterkleid ist bis zur Halsgrubc hochgezogen. Über Rücken, 
Schultern und Arme fließen die breiten Goldlinicn des Mantels. 
Die linke Hand ruht auf der Brust. Tief ergriffen schauen wir 
die erhobene Rechte des Heilandes. llr hält sie ebenfalls vor der 
Brust. Ihre innere Fläche ist dem Beschauer zugekehrt. Die 
überschlanken Finger sind zum Segnen so gehalten, daß Ring- 
finger und Daumen sich leicht berühren, während die übrigen 
gerade nach oben streben - eine Segensform, die in damaliger 
Zeit im XVesten und Osten der Kirche gebräuchlich war.
	        

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