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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 7 und 8)

Der Evangelist Markus mit seinem Symbol, dem Löwen. 
Damit haben wir das Große erlebt, das eine Künstlerseele an die- 
ser Kelchkuppa in so früher Zeit in herrlichster Weise vollen- 
det hat. Es wird ein Thema aufgezeigt, das zu den tiefsten Gllu- 
bensgeheimnissen der christlichen Religion - die Doppelmlur 
in Christus - gehört und das durch Jahrhunderte hindurch in 
vielen Handschriften unter Aufbietung allen Künstlerkönnens 
und Künstlerfleißes illustriert ist; ein Thema, das die Apsidcn 
und Tiriumphbögcn ungezählter Gotteshäuser seit den frühesten 
christlichen Jahrhunderten beherrscht; das englische Glaubens- 
boten schon im 7. und 8. Jahrhundert auf ihren hohen Stein- 
kreuzen cinmeißeln ließen; das viele Meßkleider schmückt; mei- 
nes Wissens aber nie an der Kuppa eines anderen Kelches ver- 
wirklicht wurde: das Thema der „Majestas Domini", der Maje- 
stät des thronenden Christus, umgeben von den Symbolen der 
Evangelisten nach der Beschreibung von Ezcchiel 2,4 und der 
Geheimen Offenbarung 4,7. 
Und nun zu den liußbi I dern des Kelchcs. Im Aufbau des 
Tassilokclches treten zwei Horizontalbänder, das Schriftband am 
Fuß und der Rundbogenfries an der Kuppa markant hervor. Das 
Schriftband wirkt ausgesprochen architektonisch; der zierliche 
Rundbogcnfries nach oben abschließend. Das breite, mit mäch- 
tigen Mrtjuskellaucltstaben gezierte Schriftband faßt den Kelch- 
fuß zu einer straffen Einheit zusammen und bietet so die gedie- 
gene Grundlage für den Aufbau des Gesamtwerkes. Und dieser 
Aufgabe entspricht attch der Inhalt der Schrift: „TASSILO DVX 
FORTIS + LIVTPIRC VIRGA REGALIS". Die Inschrift im 
Kreisband ist durch Kreuze in zwci Teile geteilt, von denen einer 
dem Tassilo, der andere der Liutpirga - jeder der beiden Per- 
sönlichkeiten zu gleichen Teilen - zugewiesen wird. Das be- 
deutet betonte „Ebcnbürtigkeitß Die Gegenüberstellung von 
DVX FORTIS und VlRGA REGALIS ist offensichtlich. „Liut- 
pirg, königlicher Sprößling", also aus königliehem Gcblüte ist 
klar, mahnt aber ernstlich zur Vorsicht bei der Übersetzung des 
ITORTIS. Ein „tapfereff Herzog würde gegenüber dem königli- 
chen Sprößling doch in diesem Zusammenhang eine schwache 
Rolle spielen. Hier geht es sichtlich um mehr. In der Tat nennt 
sich Tassilo in Anlehnung an das merowingischc Vorbild in Ur- 
kunden selbst auch „vir illustris". Man wird also kaum zu weit 
gehen, wenn man unter dem FORTIS etwa den „Erhabenerf, 
den „Er]:tuchten" Herzog sieht, der sogar gelegentlich als „Kö- 
nig" bezeichnet wird. Die Übersetzung der Inschrift wäre dem- 
nach! „TASSILO HERZOG, ILRLAUCILTER + LIUTPIRC, 
SPROSSE KOENIGLILHER". Tassilo und Liutpirga haben sich 
zu diesem Werk vereinigt und sind zu gleichem Anteil die Auf- 
traggeber desselben; „ficri fecerunt", würde man spiitcr sagen. 
Jede Kreishiilfte hat über ihrer Mitte und über dem entspre- 
chendem Kreuz ein Heiligenbild. Über dem Namcnszug Liut- 
pirgas blickt uns ein lieblichcs lirauenantlitz mit lang herib- 
wallcndem Haar entgegen, das zu beiden Seiten die Buchstaben 
M(aria) und T (heotokos), also Nlztria, Gottesmuttcr, hat. Zur 
Linken des Bildes befindet sich über dem Kreuz ebenfalls ein 
lirauenbild, das die Buchstaben P und T aufweist. Da die Dame 
ein Zepter in der rechten Hand hält, darf man wohl ergänzen 
P (anhagia) T (heodelinde) (hochverehrte, heilige Theodelinde), 
die den Langobardcn den katholischen Glauben gebracht hat. 
Das Bild über dem Namen Tassiltfs stellt einen kriiftigcn, jun- 
gen Mann dar. Auf dem Hals sitzt der energische Rundkopf -- 
man möchte sagen: Römcrkopf - mit dem straffen, quergc- 
bundenen Kurzhaar, den charakteristischen Ohrmuscheln und 
scharfbliekcnden Augen. Auf der Brust hat er die zcugnisablc- 
legende Rechte gelegt. Das ist T(heodor) hlkgalomartyrcr), 
Theodor der lirsatzmartyrer, der römische Soldat und Feldherr, 
der in Klcinasien sein Leben für den Glauben hingegeben hat 
und im 7. und 8. Jahrhundert besonders von den Soldaten - 
auch int Abendlande - sehr verehrt wurde. Der Großvater Tas- 
silols, der Bayern den katholischen Glauben gebracht hat und 
dort Diözesen errichtete, hieß Thcoto (: Theodor). Auch der 
älteste Sohn Tassilds trug diesen Namen. Über dem Kreuz zur 
Linken sieht man einen Mann mit langem Haar und wildem Bart. 
Es ist l(0hannCs) Bßtptista), der Wüstenmttnn. Liutpirga hat 
also als Hauptpatronin die liebe (iottesmutter und als Nebenpa- 
tronin die heilige Theolinde; Tassilo den Soldaten Theodor und 
den Wüstenmann. 
Bei der Wahl dieser Heiligen ist sehr wohl zu beachten, daß Tas- 
silo mit seinem Hauptpatron Theodor und Liutpirga mit ihrer 
Nebcnpatronin Theodelindc über ihre persönlichen Beziehun- 
gCrt zu den Heiligen hinausgegangen sind und Ptttrone ihrer Fa- 
milien, ihres „Hauses", aufgestellt haben. Das bedeutet Verbin- 
dung des Herrscherhauses der Agilolfinger mit dem langobardi- 
sehen Königshaus. Daß dabei aber auch schwerwiegende per- 
sönliche Vorgänge mit im Spiel gewesen sein müssen, zeigt das 
auf dem Kelchfuß dargestellte Verhältnis zwischen Maria und 
Liutpirga. Maria hält in der linken Hand eine Schriftrolle und 
weist mit dem Zeigefinger auf den Namen Liutpirga hinunter. 
Eine Vorlage für eine solche Darstellung Mariens gab es wohl 
nicht. Der Künstler hat also die Hand vom Evangelisten Johan- 
nes entlehnt, wie leicht festgestellt werden kann. Die rechte Hand 
Mariens ist erhoben und wendet die innere Fläche dem Beschauer 
zu. Das ist zweifellos eine Verhcißungsgebiirdc. Aber dafür war 
noch weniger eine Vorlage vorhanden. Die geradezu schreck-
	        

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