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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 9 und 10)

JEAN BERAIN UND DIE DEKORATION 
DER KÖNIGLICHEN PALÄSTE IN TURIN 
Von LUDWIG DORY 
Als juvara 1718 seine stolze Treppenhausfassade vor dcn alten 
Block des Palazzo Madama in Turin setzte, ließ er die Mauer- 
substanz des Castells unberührt bestehen. Um das Repräsenta- 
tionsbedürfnis zu befriedigen, mußtcn die Wohnräume neu deko- 
riert werden. Dieser Neugestaltung des Appartements im Piano 
Nobilc verdankt Turin einen seiner schönsten Salons des Set- 
tecento. 
Dieser Raum, die Sala delle Quattro Stagioni, liegt in der Südost- 
ecke des Gebäudes. Über der Lambriszone ist die Wand mit einem 
gleichmäßig gemusterten Stoff bezogen, von dem sich Kamin 
und "Türen mit ihren kostbaren Schnitzereien ' lebhaft abheben. 
Die Fensterleibungen schmücken von Malereien begleitete Stuk- 
katuren des Bandlwerkstils und über der energisch durchzoge- 
nen Volute mit ihrem stark ausgekehltcn Gesims schließt eine 
Muldendecke den Raum ab. Betrachten wir diesen Plafond 
etwas genauer. ' 
Die leichte Wölbung der Oberfläche wird durch ein fcinglicdri- 
ges Gitter aus Stuck überzogen. Indem die Stege ihre Neigungs- 
winkel verschiedentlich verändern, folgt das Gitter elastisch den 
Deckenflächen und verlebendigt sie. In der Mitte bildet das Git- 
terwerk sogar perspektivische Formationen, die den Gesamtein- 
druck einer Laube unterstreichen. 
In dieses Gitter sind nun kräftigere Formkomplexc, ebenfalls aus 
Stuck, verwoben. Das Lineament besteht aus Bandlwerk, das 
sich an bestimmten Stellen konzentriert und somit den dekora- 
tiven Aufbau bestimmt, wobei dem Gitterwerk lediglich die Rolle 
die Folie zufällt. Das Auge empfindet die Bandlwerkaufbauten 
als ein tragendes Gerüst, zwischen das sich leicht und elegant die 
Gitter spannen. 
Die Schmuckmotive teilen den Plafond in drei Zonen: die erste, 
aus Bandlwerk, steht fest auf dem Gesims, die zweite, ebenfalls 
aus Bandlwerk, bildet in der Dcckenmitte eine große Ellipse, 
und die dritte, aus Gitterwerk, füllt den Zwischenraum. Der 
gestreckt-rechteckige Grundriß bringt es mit sich, daß die Längs- 
seiten dreimal, die Schmalseiten nur einmal unterteilt werden. 
Diese Zäsuren bilden zusammen mit den Eckaufbautcn die 
Hauptachsen, um deren Knochengerüst sich dann das Fleisch 
des Ornaments legt. 
In den Ecken und in den Längsseitenmitten befinden sich die 
größten Aufbauten, während die anderen Achsen die Zwischen- 
akzente abgeben. Die Mittelellipse besteht aus einem Kreuz von 
alternierend einzeln und paarweise angeordneten, und durch 
Bandlwerk verbundenen Medaillons. Ihr schließen sich in der 
Längsachse Bandlwerkkomplexe an, deren annähernd quadra- 
tische Grundform durch acht Achsen durchstoßen wird, wobei 
die drei Achsen zur Deckenmitte hin von der Mittclcllipsc vcr- 
schnitten werden. Im Mittelpunkt dieser quadratischen Gebilde 
treffen sich entlang den fünf optisch wahrnehmbaren Achsen fol- 
gende Unterteilungslinien der Decke: Längsachse, Diagonalach- 
sen der Eckmotive und die Achsen der sekundären Aufbauten der 
Längsseiten. 
Exakte Modellierung zeichnet den Stuck aus. Er wird durch Ma- 
lereien aufs glücklichste ergänzt. Die im Sinne Berains einge- 
streuten „grotcs n" Tiere beleben das geometrische Linea- 
ment der Stuckstränge: Vögel (Strauß, Papagei, Taube, Phönix, 
usw.) und Panther, aber auch Fruchtgehänge und Rauchgefäße. 
In den Medaillons tummeln sich Puttcn oder Personen eines bac- 
chischen Zuges; die Ecken nehmen jahreszeitendarstcllungen 
ein. Von dem goldpunziertcn blauen Grund hebt sich das gol- 
dene Gitterwerk nur leicht ab, umso kräftiger tritt dafür der glie- 
dernde, weiße Bandlwerkstuck hervor. Innerhalb der Bandi- 
werkaufbauten ist der Grund Gold, die Rauchgefäße werden 
durch Rotgold herausgehoben. Menschen, Putten, Tiere und Fe- 
stons haben ihr natürliches Kolorit, tillerdings unter Verwen- 
dung von viel Rot. Diese intensiv roten Flecken tragen nicht un- 
wesentlich zum festlichen Charakter der Anlage bei. 
Unserem Plafond liegt der Berainstich Weigert 2 Nr. 69 zu 
Grunde. Am Aufbau hat der Turiner Meister nur die Mittelpartie 
geändert, indem er an Stelle der „Mittelrosette" seinen ellipti- 
schen Kranz setzte und die begleitenden Teile an der Längsachse 
zu einem Quadrat ergänzte. Dies bewcrkstelligtc er dadurch, daß 
er den größten achsialcn Aufbau des Stiches ( an der Längsachse) 
nun auch entlang der Querachsen wiederholte. Da in Turin der 
Grundrili noch gcstrcckter ist als bei dem Stich Berains, konnten 
die Querachsen, welche durch die Mitte der quadratischen Bandi- 
wcrkkomplexe gehen, zugleich zu untergeordneten Untertei- 
lungsachscn der Längsseiten werden. 
Motivisch hielt sich der Künstler getreu an die Vorlage. An dcn 
Eckfiguren hat cr kaum etwas geändert, ebensowenig an den Ge- 
simsaufbaulcn in den Längsseitenmitten. Bei den entsprechenden 
Gebilden in den Qucrseitcnmittcn ersetzte er die geflügelte Her- 
me durch ein Medaillon. Für die untergeordneten Aufbauten der 
Längssciten henützte er nicht jene des Stiches, sondern wieder- 
holte scinc Komposition von den Qucrseitenmitten. Die niedri- 
gen Verbindungsstücke, auf denen die Vögel stehen, entsprechen 
wiederum Bcrain. 
Wir haben es also mit einem Beispiel jener zahllosen Über- 
nahmen aus den Ornamcntstichen zu tun, wie sie damals gang 
und gehe waren. Die Benützer der Stiche haben mit mehr oder 
weniger Geschick die Erfindungen zurechtgcmacht und dem Ma- 
terialzwang ihres eigenen Handwerks angcpaßt. Eine Steigerung 
der Vorlage erfolgte nur selten. Wenn der Benützer begabt war, 
ging er weitgehend selbständig vor und verstand es, die Spuren 
des anregenden Vorbildcs zu verwischen. Umso höher ist es dem 
Turiner Künstler anzurechnen, daß er nicht nur die graphische 
Vorlage auf den Plafond geschickt übertrug, sondern darüber 
hinaus noch die Qualität steigerte. Bcrains abstrakte Vorstellungs- 
welt, er kümmerte sich fast nie um die praktische Verwend- 
barkei: seiner Erfindungenß - mußtc dem italienischen Form- 
empfinden zu steif erscheinen. Durch Hinzufügung des Gitter- 
werks, Änderung der Proportionen, Abwandlung einzelner Kom- 
positionstcilc und durch eine lebhafte Farbgebung hat der Künst- 
  
 
1 Angum Telluccilli: ll Paluzzo Mndnmn dl Torino. Torlnn 192a, s. 111411, 
lnn entsprechenden Abbildungen. - Über dle lm der Schnitzereien Inlnrmleren 
außer den Abbildungen bei Tellueclnl noch die Abbildungen 20 nnd a4 bei Arluru 
Midana: unne del legno ln Piemont: nel llel e nel settecento, Torluo 0.1 
1 Roger-Armnnd Welgert: Jenn I. Benzin, Pnrls m: Der zwelte Tell cnthlll eln 
Verzeichnis der Stiche Berulns, nnch dessen Nllmeritrung hier zltlerl wlnl. .- 
Auch bei Hunn Nonne: Spilhuruck, München 19T), Abb. 185, 
3 Hlldo Schwarz: Das Blndlwerk. ullgcdrutkte Dlaaerlullnn, Wien 1951], S. 84-35, 
1M H. - Cßll Hemmurck: 1599 Ar! lrönlnguvagn, Llvruslkumlnnren, Journal o! 
(he lloyul Armoury, Stovkholxu, VuLVl. 1952, S. 82. - Wclgext. Abb. 16. - Sey- 
mou: de Rlccl: Louis XIV. und Hegence, Stullgurt 19H, Abb. all! S. XXl: Selten- 
verkehrte: Nuchatlch. 
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