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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 9 und 10)

SAKRALE KUNST 
IN SAKRALEM RAHMEN: 
DAS STlFTSMUSliUM KLOSTERNEUBURG 
Von der Öffentlichkeit viel zu wenig beachtet, wurde im Mai dieses 
Jahres das Sliftsmuseum von Klosterneuburg in einer von Dr. Flori- 
dus Röhrig durchgeführten völligen Neuaufstellung dem kunstinteres- 
sierten Publikum wieder zugänglich gemacht. Das Kloster, welches 
als kostbarsten Schatz den Altar des Nicolaus von Verdun birgt, ist 
gemäß seines hohen Ranges und seiner überragenden Stellung unter 
den Stiften Österreichs überrcich an künstlerischen Beständen von oft- 
mals unvergleichlicher Qualität; in aller Flüchtigkeit seien zunächst 
der sogenannte Albrechtsaltar und die Kalksteinfigur der „Klosterneu- 
burger Muttergottes" (um 1310) genannt. Das eigentliche Stiftsmuse- 
um in den Erzherzogszimmern des d'Allio'schen Baues enthält in der 
Gemäldegalerie als älteste Objekte die vier großen Tafclbilder von der 
Rückseite des Verduner Altars (1330-31), bekanntlich die ältesten 
Arbeiten dieser Art in Österreich. Derzeit sind diese Werke noch nicht 
schaugestellt, da sie sich in Restaurierung befinden. Der Mittelteif 
eines gleichzeitigen Passionsaltars hingegen, die Arbeit eines Nach- 
folgers des Meisters der Verduner Tafeln, ist ausgestellt und vermag 
uns den Stil des großen Namenloscn nahezubringen. I-lochbedeutend 
sind die acht Tafeln aus einem Marienleben-Zyklus vom „Meister der 
Darhringung" (um 1435). Vor allem von historischem Interesse ist 
das Riesengcmiilde des sogenannten „Babenberger-Stammbaumes" von 
Hans Part (H91). In einem eigenen Raum befinden sich die Werke 
von Rueland Frueauf d. J. (um H70 bis nach 1545). Mit einer einzi- 
gen Ausnahme besitzt Klostcrncuburg alle bekannten, unangezweifelten 
Werke des Meisters. Hervorgehoben sei nur die auf vier Tafeln dar- 
gestellte Gründungssage von Klosterneuburg, die „Schleierlegende". 
Frueauf ist einer der Väter der sogenannten Donauschule, die in der 
Stiftsgalerie durch eine Reihe von Gemälden gut vertreten ist. 
Von besonderer Bedeutung ist die Klosterncuburger Sammlung von 
Klcinbronzen, die Spitzenqualitiiten von Severo da Ravenna, Andrea 
Riccio, Giovanni da Bologna und Pietro Tacca umfaßt. Die „unver- 
gleichlich schöne" (Röhrig) Bleistatuette des Merkur von G. R. Don- 
ner vereinigt „klassische Würde mit barocker Anmut". Das edelste 
Stück der Elfenbeinsammlung ist ein byzantinisches Relief des Marien- 
todes aus dem 10. Jahrhundert. Ihm gleichwertig zur Seite steht ein 
persisch-arabisches Kästchen des 12.-13. Jahrhunderts. Barocke Schnit- 
zereien von Jakob Auer (Engelsturz, Jüngstes Gericht) haben wohl 
nur Virtuoscnwcrt. 
Die Aufstellung der Sammlung ist betont zurückhaltend; sie bcläßt 
die Bilder auch dort an den Wänden, wo ungünstige Beleuchtungsver- 
hiiltnissc herrschen, ja man verzichtete sogar auf das bewährte Mittel 
der Schriighiingung. Dieser „Konservativismus" ist betonte Absicht: 
Man steht im Stift Klostcrncuburg auf dem Standpunkt, daß all diese 
Werke einst dem Kultgebrauch dienten, sich immer noch unverändert 
in kultischem Zusammenhang befinden und - zumindest theoretisch - 
jederzeit wieder der ursprünglichen Bestimmung zugeführt werden kön- 
nen. Aus Gründen der religiösen Bedeutung und Würde war also eine 
Zurückhaltung geboten, die man heute, da ein neues positives Ver- 
hältnis zum „inneren" Rang eines Kunstwerks wieder im Werden ist, 
nur durchaus begrüßen kann. 
E. K. 
AUSSTELLUNG IN CHARLEROI 
Aus Anlaß der Brüsselcr Weltausstellung zeigte in der Zeit vom vierten Juli bis 
fünfzehnten August die belgische Industriestadt Charleroi unter dem Thema „Die 
Kunst und die Arbeit" eine internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst, 
in der Namen von Weltrang, wie Gromaire, Leger, Munch, Henry Moore, Per- 
meke und Zadkine aufscheinen. Österreich ist mit drei Olbildern des in Salzburg 
lebenden Malers und Gründers der österreichischen Sektion des internationalen 
vertreten, dessen Bild „Erinnerung an ein 
Fabriksstiegenhaus" hier reproduziert wird. Becks Bilder, unter ihnen die zur 
Ausstellung in Charleroi gesandten Werke „Fabrik" und „Hafen im Süden" 
waren zuletzt auf der Biennale von Tokio und in der von W. Sandberg getrof- 
fenen Auswahl österreichischer Kunst des Stedelijk-Museums von Amsterdam ge- 
„Art Clubs", Gustav K. Beck 
zeigt worden. 
32 
ERNST DIEZ EIN ACHTZIGER 
Ernst Diez wurde am 27. Juli 1878 in Lölling (Kärnten) geboren, stu- 
dierte Kunstgeschichte und Archäologie in Graz und promovierte im 
Jahre 1902. Ein Aulenthalt in Berlin seit 1908 leitet die Hinwendung zur 
Kunst des Ostens ein. 1911 wurde er von Strzygowsky als Assistent an 
die Universität Wien zurückberufen. Einer Studienreise nach Kairo 1911 
folgte ein Jahr später eine Expedition nach Persien, die Diez und seinen 
Begleiter, den bayrischen Leutnant Niedermayer von 'l'chcran bis zur 
afghanischen Grenze und von Mcshed quer durch die Wüste nach Ispha- 
han und schließlich über Schiras nach dem Persischen Golf führte. Publi- 
zistisclt fand die Reise in einer Abhandlung über Churasanische Batt- 
denkmiiler (Berlin 1918) ihren Niederschlag. Gleichzeitig entstand der 
Islam - Band des Handbuchs der Kunstwissenschaft, nach Kühncl die 
„einzige umfassende Publikation in deutscher Sprache" über dieses 
Kunstgebiet, „wegen ihrer besonderen Vorzüge noch lange unentbehr- 
lich . . ." 
1924 erfolgte die Ernennung des Privatdozenten Diez zum ao. Professor, 
1926 wurde er an das University College von Bryn Mawr, Pa., USA, 
berufen; 1930 entsandte ihn die Harvard-Yenching University über 
Ceylon, Indien und Java nach China. lir weilte mehrere Monate in 
Peking und frequentierte die dortige amerikanische Sprachschule für 
Chinesisch. 1933 finden wir ihn nach vorbei-gegangener farbphotogra- 
phischcr Invcntarisierung byzantinischer Mosaiken im griechischen 
Orient in Wien. Doch schon 19-13 erfolgte seine Berufung an die Uni- 
versitiit Istanbul wo er die islamisch-türkische Kunst sowie die Ge- 
schichte der euro  chen Architektur behandelte. Wichtige Veröffent- 
lichungen zur türkischen Kunstgeschichte in türkischer Sprache ('I'ürk 
Sanati, 1946, Karaman Devi Sanati, 1950) waren die wissenschaftliche 
Ernte dieses Aufenthaltes. 
Als Verfasser ausgezeichneter populitrwisscnschaftlicher Werke ist Diez 
auch ins Bewußtscin breiterer Bevölkerungsschichten eingedrungen. 
Sein „Entschleiertes Asien", Wien 19-10 erschien in 20.000 Exemplaren 
und wurde ins Französische, Italienische und Englische übersetzt, 
„Glaube und Welt des lslam" erzielte eine Auflage von nicht weniger 
als 17.000. „Iranische Kunst", 19-14 bei Andermann erschienen, ist 
heute auf dem Buchmarkt ein Rarum, „Shan Shui" (chinesische Land- 
schaftsmalerei), gehört zu den repräscntativsten Büchern über dieses 
Fachgebiet. Abhandlungen über „Die Sprache der Ruinen" (Rohrer), 
„Gottsucher und Kaiser" (i. e. Akbar), „Knnbn und Kihla" (Leben und 
Werk des Propheten Muhammed, Bergland-Verlag) und „Malerei der 
Steppe" (Forum) sind im Druck, resp. in Vorbereitung. 
 

	        

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