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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 9 und 10)

MEDITATION UND INTELLEKT 
DER MALER-GRAPHIKER SLAVI SOUCEK 
Von 
ERNST KOL 
LER 
 
'I'r'uja. "Fcmpera, 62 X 46 cm, 
19.2. Turin, Privulhcsilz. 7 
Eine raffinicrlc Fnliicxung 
durch „Schcin-Sßhaxllen" cr- 
wuckl dic Illusion von Raum- 
hzulligkclt und gibt dcm Werk 
cincn collngcn 7 oder monlzl- 
gcnhuflen Charakter, 
„In der Verabsolutierung des Elementaren licgt die Schlagkraft, aber auch das Unbefriedigende 
und Begrenzte jeder abstrakten Kunst begründet." Diese sehr wesentlichen Worte stammen aus 
einer Kritik von Franz Fuhrmann, die anläßlich einer Anfang August in Salzburg eröffneten 
wichtigen Ausstellung von Werken des Professors und Staatspreisträgers Slavi Soucek in den 
„Salzburger Nachrichten" vom 9. August 1958 erschien. 
Ohne Zweifel ist Soucek einer jener Künstler, denen es um die Rückeroberung grundlegender 
Werte in der Flächengestaltung und der Farbgebung geht. Sein künstlerisches Hauptthema ist da- 
mit die Komposition im weitesten Sinn des Wortes. Komponieren in der Malerei aber heißt, eine 
gegebene Fläche mit Formen und Farben so auszufüllen. daß ein dichtes, in sich geschlossenes. 
harmonisches Gefüge entsteht. das frei ist von leeren Stellen (im übertragenen Sinn) und jedem 
nicht unbedingt nötigen, nicht strukturell bedingten Zuviel. Frankreichs Künstler waren es, die 
als erste seit etwa 1907 mit dem Problem der Rückeroberung elementarer Darstellungsqunlitäten 
rangen. Ihr „Purismus", besonders bei Braque entwickelt, hat im eher expressiv eingestellten mit- 
teleuropäischcn Kulturraum mit seiner uralten Schicksalsfrage nach Inhalt und Bedeutung nie 
rechtes Verständnis gefunden, er erschien als zu gering an innerem Gewicht, zu sehr dem Deko- 
rativ-Spielcrischen verhaftet. Wie bezeichnend ist es, daß gerade heute wieder von einem Öster- 
reicher, nämlich von Oskar Kokoschka, die massivstcn Angriffe gegen die „Abstrakten" des We- 
stens ausgehen! Fuhrmanns Bemerkung entstammt unzweifelhaft einer zwangsläufig verwandten 
Geisteshaltung. 
Aus all dem ist ersichtlich, daß Soucek es nicht leicht haben konnte, sich in Österreich durchzu- 
setzen. Dall er dennoch nicht zu den isolierten, zu den „Zwangs-Esoterikern" zählt, ist wohl in 
wesentlichcm Ausmaß auf den „leise surrealistischen Einschlag" (Fuhrmann) zurückzuführen, 
der seiner abstrakten Kunst ihre wie verzaubert wirkende Stimmung verleiht. Soucek hat die an 
sich uralte Erfahrung aufs neue erlebt und gestaltet, daß jeder Farbe, jedem liarb-Akkord Aus- 
druckswerte sublimster Art zu eigen sind, die am ehesten als eine Art von Symbolik des Gefühls 
erlebt werden können. Dies bannt die Gefahr der Erstarrung im bloß Formalistischen; hierzu 
kommt, daß Souceks Formgebilde neues, eigenes Leben durch zarteste Ansätze zu einer neuen 
Raum-Konstellation erhalten. Fuhrmann nennt einen magisch durchlichteten, einen geschichteten, 
durch absolute Farben durchflochtenen, einen rnathematisch-geometrischen und letztlich sogar 
einen ansatzhaft-pcrspektivischen Raum. Aus der Vielfalt dieser Möglichkeiten geht hervor, daß 
Soucek sich in keiner Weise festgelegt hat, sondern viele Türen zu vielen neuen XVegen öffnete. 
Rein menschlich möchte man ihn als Künstler-Philosophen ansprechen. Immer wieder drängt es 
ihn zu theoretischen Betrachtungen über die Grundlagen des künstlerischen Schaffens und über 
das Problem der Lehr- und Mitteilbarkeit jener Vorgänge, die zur Entstehung eines Kunstwerks 
führen. Ausgangsort seines Schaffens ist eine meditative Auseinandersetzung mit dem gegebenen 
liormproblem (sei es von ihm selbst gestellt oder ihm als Auftrag auferlegt). die in eine Schaf- 
fens-Ekstase mündet, aus der heraus die Gestaltung des Werkes unter vollem Einsatz von Wis- 
sen, Intcllekt und Erfahrung erfolgt. 
 
Allxlrzlhlv Szenerie. Ol, 60 X 40 cm, 1952. Im 
Besitz des Künstlers. - Kuhistische, illusio- 
nisxische und surrcale Elemente verleihen die- 
sem Werk, über dem Kalastrophenslimmung 
liegt, eine geisterhafle Realität.
	        

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