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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 11)

tige Entwicklung von Staaten und Völkern beeinflussen mag, 
erhält in den Augen des Kaisers doch erst seine allgemeine Be- 
deutung durch die Beziehung, die es zu diesen Fragen besitzt. 
Vicle Widersprüche im Leben und Handeln Karls V. lösen sich 
unschwer auf in dieser Beziehung zum Ganzen eines integralen 
christlichen Bewußtseins. 
Die Kaiseridee, wie wir sie eben noch bei Karl V. verwirklicht 
sehen, reicht ins Metaphysische und abstrahiert vielfach von 
der Realität konkreter Erscheinungen. In dem sich stürmisch 
entwickelnden System staatlicher individueller Gebilde auf 
nationaler Grundlage findet sie kaum mehr einen anerkannten 
Platz. Wenn selbst die universale Autorität der Kirche um- 
stritten ist, wie könnte dann das universale Kaisertum anerkannt 
werden! In allen sich immer mehr vertiefenden Gegensätzen 
bleibt aber doch die Einheit des christlichen Bewußtseins ge- 
wahrt. Es gibt noch kein „Europa". Es gibt nur die „res publica 
christiana". Noch in den Verhandlungen des Westphälischen 
Friedens, hundert; Jahre später, wird in kritischen Momenten 
nicht an Europa, sondern an die Einheit christlicher Gemein- 
schaft appelliert. Deshalb behält auch das Kaisertum seine uni- 
versale Würde und seine moralische Autorität: denn immer 
noch repräsentiert sie eine ideale Grüße, die Idee einer verloren- 
gegangenen Einheit und einer Friedensordnung im universalen 
Bereich christlicher Gemeinschaft. 
Um Karl V. erheben sich die nationalen Staaten, erhebt sich der 
Individualismus religiösen Denkens und subjektiver religiöser 
Erfahrung. Er steht mitten in dem Widerstreit gärender Kräfte, 
die zum Durchbruch drängen. Sie branden heran und brechen 
sich an seinem festen Glauben an eine „göttliche Weltordnung 
mit Kaisertum und Papsttum je in ihrer Sphäre, beide voll 
höchster Verantwortung gegenüber der gesamten Christenheit". 
Brandi, den ich mit den letzten Worten zitierte, schließt seine 
berühmte Biographie des Kaisers mit den Worten: „Nach dem 
Maß seiner Kräfte, aber mit vollkommener Hingcbung hatte 
dieser Mann im Sinne solcher Ideen seinen Lebensweg voll- 
führt - immer cin Mensch und im täglichen Leben gebrechlich 
und schwach in Neigungen und Eigenwilligkeiten, aber in den 
bleibenden Zügen seines Wollens, in der Tapferkeit seiner Hal- 
tung doch zur historischen Figur geworden." 
Peter Rassow, dem wir viel Einsicht in das Wesen der Aus- 
einandersetzungen dieser Zeit danken, beendet seine jüngste 
zusammenfassende Studie über den „letzten Kaiser des Mittel- 
alters" mit den Worten: „Ein Mann hatte seine Bahn vollendet, 
der, ausgerüstet mit seltener Intelligenz, Willenskraft und Hart- 
näckigkeit, alle seine Kräfte in den Dienst einer Idee gestellt 
hatte, die nicht mehr die Idee seiner Zeit war. Ein Herrscher, 
durchglüht von christlicher Frömmigkeit und dem Pflichtgcfühl 
der Christenheit gegenüber, dem eine Macht zugeiallen war, 
wie seit Karl dem Großen keinem vor ihm - doch sich selbst 
zur Machtlosigkeit verurteilend, weil er seiner Idee treu bleiben 
wollte." Und der Amerikaner Royall Tyler, der bisher letzte 
seiner Biographen, beendet sein Werk über Karl V., das zugleich 
das letzte seines Lebens war, mit den Worten: „Er war  ein 
Mann, der seine Pflicht gemäß seiner Einsicht tat, der hart 
arbeitete und zu sich selbst härter war als zu anderen. Blicken 
wir in seine Augen in Tizians Porträt von ihm in München, und 
dieser Blick wird uns sagen, was Quijada, der mit ihm 30 Jahre 
lebte, in den letzten Worten seines Berichtes über Karls letzte 
Augenblicke ausdrücken will: „So endete der größte Edelmann, 
der je lebte oder jemals leben wird." 
KARL V. UND ÖSTERREICH 
Von ALPHONS LHOTSKY 
Zu den quälenden Sorgen des schon seit langer Zeit auch kör- 
perlich leidenden Kaisers Maximilian I. gehörte die Regelung 
der Frage seiner Nachfolge vor allem im Kaisertum. Um 1516[17 
hatte er allen Ernstes daran gedacht, diese Last keinem seiner 
Nachkommen, sondern König Heinrich VIII. von England auf- 
zuhürden, und er hat ihm Zusagen gemacht, die zwar noch keine 
Rechte begründeten, heim künftigen Wahlkampfe aber unter 
Umständen doch ins Gewicht fallen konnten. 
Um diese Zeit hat sein älterer Enkel Karl die Nachfolge seines 
anderen Großvaters als König von Spanien angetreten. Seine 
Herrschaft stand dort anfänglich auf einigermaßen schwachen 
Füßen - der junge Mann war in den Niederlanden erzogen 
worden, verstand die spanische Sprache noch nicht, galt daher 
vielen für einen Fremden und es gab eine Partei, die lieber 
seinen in Spanien aufgewaehsenen Bruder Ferdinand als Herra 
scher begrüßt haben würde, was übrigens auch der Wunsch des 
heimgegangenen Königs Ferdinand von Aragdn gewesen War. 
Als nun Karl, der schon in der spanischen Sukzessionsfrage dem 
Bruder gegenüber höchst energisch sein Erstgeburtsrecht betont 
hatte, von den Plänen Kaiser Maximilians erfuhr, das Kaiser- 
tum aufzugeben, gericten er und seine Umgebung sichtlich 
außer sich und sofort wurde dagegen Protest erhoben. Mit Er- 
folg; es gelang Karl, den bekanntlich nie sehr beständigen Ma- 
ximilian umzustimmen, so daß dieser seit Ende des Jahres 1517 
nur noch für die Kandidatur seines Enkels eintrat, freilich ohne 
sicheren Erfolg. 
Wenn man weiß, wie stark Maximilian zeitlebens gerade die 
Kaiserwürde als providentielle Auszeichnung seines Geschlech- 
tes aufgcfaßt hatte, wie er seine genealogisch-literarische und 
künstlerische Propaganda - man denke nur an Dürers „Ehren- 
pforte" - gerade darauf pointierte, so wird seine Absicht, auf 
diese Krone zu verzichten, verwunderlich, fast unglaubwürdig 
erscheinen. In die wahren Beweggründe sieht man nicht hinein. 
Erkannte er damals, daß seine und selbst Karls Machtgrundlagen 
für eine wirkliche Kaiserpolitik zu schwach waren? Befürchtete 
er im Falle offener Aspiration seines Enkels auf die deutsche 
Krone, mit der der Kaisertitel verbunden war, Gegenaktionen 
Frankreichs, das sich der drohenden Umklammerung am Rhein 
und an der Pyrenäenfront erwehren mußte? Sah er voraus, daß 
auch der Papst einen Spanier nicht zum Kaiser haben wollte, 
weil ihn ein solcher von Unteritalien her bedrohen konnte? Oder 
glaubte er etwa, vermöge des 1515 begründeten Bundes mit den 
jagellonen künftige Aufgaben eher im Osten als im Westen 
sehen zu sollen? 
Wir wissen es nicht. Wir sehen nur, daß in ihm der Appell 
Karls an das dynastische Interesse und das Familiengefühl eine 
rasche Willensänderung bewirkte, die alsbald zu höchst kom- 
plizierten Verhandlungen mit den deutschen Fürsten im Ver- 
laufe des ganzen Jahres 1518 führten. Der Reichstag von Augs- 
burg im Sommer brachte keine Klärung. Da Maximilian ,nur 
den Titel eines „Ei-wählten Kaisers" führte und nicht rite in 
Rom gekrönt worden war, weigerten sich die deutschen Herren, 
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