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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 11)

kannt, daß Frankreichs allerehristlichster König sich mit Hilfe 
der Osmanen gegen den spanischen Druck zu entlasten suchte 
- die Kosten des Schauspiels dieser wunderlichen Bundes- 
genossenschaft trugen aber die Völker Österreichs und mittel- 
bar auch Böhmens, ohne dessen nie versiegenden Reichtum die 
Grenzen auf die Dauer wohl nicht hätten gehalten werden 
können. Von Deutschland war keine wirkliche Hilfe zu erwar- 
ten. Als sich das osmanische Heer drei Jahre nach der ersten 
Belagerung Wiens neuerlich näherte, hat Karl V. allerdings den 
Nürnberger Reichstag dazu vermocht, ihm die Mittel zur Auf- 
stellung eines für jene Zeit gewaltigen Heeres zu bewilligen; mit 
diesem rückte er heran und weilte - im Oktober 1532 - zum 
ersten und letzten Male in Wien. Zu einer Schlacht gegen 
die Osmanen aber oder gegen den vom Sultan favorisierten 
ungarischen Gegenkönig Ferdinands, Johann Zapolya, ist es 
nicht gekommen: instruktionsgemäß weigerten sich die Gene- 
rale gegen jede militärische Aktion jenseits der ungarischen 
Grenze, solange der Feind diese nicht seinerseits überschreite. 
So wurde eine lange nicht mehr wiederkehrende Gelegenheit 
preisgegeben, unserem Volke jahrzehntelange physische und 
wirtschaftliche Leiden zu ersparen. 
Wenn aber Karl V. nicht in der Lage war, den Bruder materiell 
hinreichend zu unterstützen, so daß dieser und seine Nachfolger 
langc nicht an eine radikale Bereinigung der unerträglichen 
Zustände denken konnten, so hat er ihm wenigstens ideell 
Handhaben zum Ausbaue der landesherrlichen Gewalt zu bieten 
versucht. Nach seiner zu Bologna im Jahre 1530 stattgefundenen 
Kaiserkrönung - es war bekanntlich die letzte, die vorgenom- 
men wurde - hat er die schon von Friedrich III. 1453 mit Zu- 
stimmung der Kurfürsten zu reichsrechtlicher Gültigkeit er- 
hobenen österreichischen Freiheitsbriefe aus der Zeit Ru- 
dolf IV. seinerseits nicht nur bestätigt und erweitert, sondern 
auch kraft imperialer Machtvollkommenheit in einer Weise 
authentisch interpretiert, daß dem Erzherzog von Osterreich 
eine geradezu königliche Stellung gewährleistet schien, woferne 
er Macht und Geschick besaß, diesen Bestimmungen Nachdruck 
zu verleihen. Auf einen gelegentlichen früheren Vorschlag 
Karl V., Österreich zum Königreiche zu machen, war Ferdinand 
damals mit guten Gründen nicht eingegangen. Die nunmehr 
erfolgte starke Betonung des erzherzogliehen Splendors ist umso 
mehr bemerkenswert, als Karl V. andererseits am Vorrange des 
Titels eines „Infanten von Spanien" starr festhielt. In der Folge 
haben die Habsburger von dieser feierlichen Verbriefung ihrer 
Vorrechte, die mehr theoretischen als praktischen Wert hatte. 
keinen wesentlichen Gebrauch gemacht - ihre Position in der 
Welt war anders fundiert als auf Pergamenten. 
Jener Brüsseler Vertrag von 1522 hatte aber auch noch eine 
andere Folge, nämlich die Teilung der Casa de Austria (daß 
dieser ßcgriff dem spätmittelalterlichen der Domus Austriae 
nicht entspricht, kann hier nicht weiter verfolgt werden) in 
eine spanische und eine deutsche Linie. Es versteht sich, daß 
für den Fall des Aussterbens der einen oder anderen wechsel- 
seitige Eventualsukzession verfügt und in der Folge durch die 
bekannten Verwandtschaftsehen gegen mögliche Ansprüche in- 
zwischen eingeheirateter anderer Dynastien immer wieder ge- 
sichert wurde. Schon Ferdinand I. ältester Sohn, Maximilian II., 
erhielt 1548 Karls V. Tochter Maria zur Frau, ihrer beider erste 
Tochter Anna wurde naehmals die vierte Gemahlin des Sohnes 
Karls, Philipps II., und hat ihm das erste lebcnsfähige Kind ge- 
boren: Philipp III. 
Wie die Dinge lagen, mußte das Kaisertum bei der deutschen 
Linie bleiben, zumal Ferdinand I. selbst bereits am S. Jänner 
1531 anstandslos zum „Rex Romanorum" gewählt und damit zur 
Nachfolge designiert worden war. Als aber Karl V. nach dem 
Siege bei Mühlberg 154-7 eine Zeitlang daran zu denken schien, 
nun alles nach seinen Konzepten zu ordnen. glaubte er, sich 
auch über die Rechte des Bruders hinwegsetzen und seinen Sohn 
Philipp II. als Kandidaten für den Kaiserthron vorführen zu 
dürfen. Noch einmal trat Sein Gedanke hervor, daß das Intpee 
rium, wenn es sowohl für den Konfessionsstreit wie für den 
Krieg gegen den Islam aktionsfahig bleiben solle, des Rück- 
haltes an einer europäischen Weltmacht bedürfe. Allein die 
deutschen Fürsten waren, als Philipp sich ihnen vorstelltc, von 
ihm sehr wenig erbaut, und in ihren Sympathien behielt Fer- 
dinand I. Oberhand, der in Wien längst zum Deutschen ge- 
worden war - schon kurz vor dem Schieksalsjahre 1526 tau- 
chen in seiner Familienkorrespondenz die ersten deutsch ver- 
faßten Briefe auf. So hat der Kaiser dieses Projekt schließlich 
selbst fallen gelassen. 
Hatte der Augsburger Reichstag von 1530 die Inkompatibilität 
der beiden Bekenntnisse erwiesen, so hat Karl und selbst noch 
Ferdinand die Hoffnung auf einen Ausgleich doch niemals 
fallen gelassen. Die Folge erwies aber, daß die militärische Nic- 
derlage der Schmalkaldener der Sache, die sie vertraten, keines- 
wegs den Untergang brachte. Karl V. war darüber ebensowenig 
im Zweifel wie über die Notwendigkeit, sich mit der Pforte auf 
der Basis der Koexistenz zu verständigen. Wiederum in Augsa 
burg fand im Jahre 1555 ein Reichstag statt, der letzte, zu dem 
Karl V. noch in gewisser Verbindung stand. Daß hier die innen- 
politische Niederlage des Kaisers offenbar werde, war bereits 
gcwiß. Der alte Edelmann wollte persönlich dessen nicht mehr 
Zeuge sein und überließ das Präsidium bereits seinem Bruder, 
nicht ohne selbst noch in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt 
pflichtgemäß die üblichen Einladungen ergehen zu lassen - 
sogar an den Papst. 
König Ferdinand I. - derselbe Ferdinand, von dem Karl ange- 
Hans Schaufclcin, 'I'rnumphwngcx1 Knris V. A; '" 
aus dem "Triumphzug. 
Alburllna, Wien. 

	        

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