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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 11)

Raumdarstellung mit ihrer unmittelbaren Verbindung von Bild 
und Besehauer hat bei ihm keinerlei Niederschlag gefunden; sein 
Fortschritt gegenüber der Stilstufe Orleys besteht nur in der 
Erweiterung des Freiraumes zur kartographischen Landsehaltrs- 
darstellung. 
Die Tunisfolgc war der rcpräsentativste Auftrag, den Kaiser 
Karl V. in den Brüsseler Wandteppiehen zur Ausführung bringen 
ließ. Die aus dem 15. jahrhundert, vor allem von den Burgun- 
dischen Herzögen herstammende Tradition, in den gewirkten 
Bildteppiehen in monumentaler: und kostbarer Weise den Ruhm 
des Herrschers und seiner Familie darzustellen, hat in ihr ihre 
beste Manifestation im 16. jahrhundert gefunden. Aber nicht 
nur dieses eine, durch ein bestimmtes historisches Faktum be- 
stimmte Werk zeugt von der großen Bedeutung, die gerade in 
den beiden letzten Jahrzehnten seiner Regierungszeit die kost- 
baren niederländischen Bildteppiehe für den Kaiser besessen 
haben. Aus der großen Zahl derartiger Arbeiten, die sich in 
seinem Besitz befanden, ragen vor allem noch zwei Teppich- 
serien hervor, die jede in ihrer Art zu den schönsten Brüsseler 
Arbeiten dieser Zeit gehören. Im jahre 1548 wird die Folge mit 
der Geschichte von Vertumnus und Pomona nach den Ovidschen 
Metamorphosen im Besitz des Kaisers genannt. Diese Folge, 
die bis ins erste Viertel des 17. jahrhunderts eine der belieb- 
testen der Brüsseler Ateliers überhaupt war, - allein in Madrid 
befinden sich noch heute vier, allerdings unvollständige Serien, 
während die Wiener Sammlung das einzige vollständige Exem- 
plar besaß - gehört sowohl in der Eigenart ihrer künstleri- 
schen Erfindung, wie in der außerordentlich schönen und rei- 
chen Ausführung der Teppiche zu den köstlichsten Erzeugnis- 
sen der Brüsseler Tapisseriekunst der Spätrcnaissance. 
Wie die große Historienfolge mit der Darstellung der eigenen 
Siege in der Tunisserie beredten Ausdruck fand, so stellen die 
Teppiche mit den Wappen des Kaisers die vielleicht überhaupt 
schönste Ausgestaltung des alten Themas des Wappenteppichs 
mit Blumengrund dar (Wien, Kunsthistorisches Museum). In 
der außerordentlichen Sorgfalt und Feinheit ihrer Ausführung 
gehören diese reich mit Gold durchwirkten 'l'eppiche ebenfalls 
zu den Meisterleistungen aus dem Atelier Wilhelm Panne- 
makers. In dem Reichtum der stets wechselnden Blumen.- 
arrangements bei stets gleichem, durch das große vom kaiser- 
lichen Adler bekrönte Wappen bestimmten Grundschema, ge- 
hören sie zu den schönsten Beispielen dekorativer Wandtcppiche 
des 16. Jahrhunderts. 
Über den künstlerischen und historischen Wert der 'I'apisserien 
Karls V, hinaus erscheint gerade die berühmte Tunisfolge in 
eigenartiger Weise mit dem Schicksal Spaniens und des Hauses 
Österreich verbunden. Entstanden im Auftrag des größten Herr- 
schers des 16. Jahrhunderts, als Spanien unter den Habsburgern 
zur Weltmacht aufgestiegen war, haben gerade die beiden Ri- 
valen, die im spanisehen Erbfolgekrieg sich fast zweihundert 
Jahre später als Anwärter auf den spanischen Thron und das 
späte Erbe Karls V. gegenüberstanden, beide diese Folge noch 
einmal ausführen lassen. Als erster Bourbone in Spanien hat 
Philipp V. die Originalteppichc in der Madrider Tapisserie- 
manufaktur wiederholen lassen und nach den zehn noch erhal- 
tenen Originalkatrtons wurde von 1712 bis 1721 im Atelier des 
Jodocus de Vos in Brüssel noch eine Serie gewirkt (Wien, Kunst- 
historischcs Museum). Sie entstand im Auftrag Karls VI., der 
sich so gerne mit Kaiser Karl V. in Vergleich setzte und in 
vieler Hinsicht an dessen Tradition anzuknüpfen suchte, ge- 
rade als dessen Erbe endgültig für das Haus Österreich ver- 
lorenging. 
SIGISMUND FREIHERR VON HERBERSTEIN 
EIN ÖSTERREICHISCHER FORSCHER UND DIPLOMAT DER EPOCHE KARLS V. 
Von WALTER 
LEITSCH 
Als sich in der Zeit Maximilians I. und Karls V. der geogra- 
phische Horizont des gebildeten Europäers mit einer Geschwin- 
digkeit ausdehnte, die nie zuvor oder nachher erreicht wurde, 
leistete auch ein aus Krain gebürtiger Adeliger, der einem steiri- 
sehen Geschlecht entstammte, einen bedeutenden Beitrag zur 
Erweiterung der Kenntnisse von der Welt. Fuhren die anderen 
über Meere und entdeckten neue Kontinente, so gewann er ein 
am Rande der europäischen christlichen Welt gelegenes Land 
für das Bewußtsein Europas: die nördlichen und östlichen Ge- 
biete Rußlands, den Moskauer Staat. 
Sigismund v. Herberstein (Abb. 1) hat außer dem berühmten Werk 
über Moseovia auch noch eine Reihe kleinerer, meist autobio- 
graphischer Werke und eine umfangreiche Autobiographie 
hinterlassen, so daß wir uns von seinem Leben und Wirken ein 
klares Bild machen können. Um seine Verdienste besser ein- 
schätzen zu können, wollen wir uns kurz die Epoche vergegen- 
wärtigen, in die er gestellt war. Zu Beginn der Neuzeit stießen 
die an den Atlantik grenzenden Länder Westeuropas über den 
Ozean vor und bereiteten die europäische Schwergewichtsverla- 
gcrung nach dem Westen vor. Das Zentrum der mittelalterlichen 
europäischen Welt wurde zu einem östlichen Vorposten, zumal 
der alte Osten den Türken anheimfiel, also aus dem christlichen 
Europa für längere Zeit ausschied. Es war eine Epoche der 
äußersten Kraftanstrengung für Europa, die geistigen Werte 
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wurden auf neue Grundlagen gestellt, die politische Welt wurde 
umgebaut, zu gleicher Zeit wurde der Ansturm eines mächtigen 
asiatischen Reiches zum Stehen gebracht und die Welt gegen den 
Westen hin in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß und 
Tempo ausgedehnt. Als nach dem Tode Kaiser Maximilians I. 
seinem Enkel, dem spanischen König Karl, die österreichischen 
Lande und die Kaiserwürde zufielen, schien es - zumindest 
für eine kurze Zeit -, als könnte die Abwehr im Osten und 
das Vordringen gegen Westen durch diesen mächtigen Fürsten 
in dem Gesamtplan einer Universalmacht verbunden werden. 
Die inneren Widerstände gegen die Vereinigung einer solchen 
Machtfülle in einer Person waren jedoch zu groß und es über- 
stieg wohl auch die Krait eines Mannes, die beiden großen euro- 
päisehen Aufgaben allein zu bewältigen. Ferdinand, der jüngere, 
in Spanien erzogene Bruder des Kaisers, übernahm die weitaus 
weniger dankbare Aufgabe der Türkenabwehr, während sich 
Karl mehr den atlantischen und mediterranen Problemen wid- 
mete. 
Sowohl Karl als auch Ferdinand, in den österreichischen und 
osteuropäischen Geschäften unerfahren, wußtcn die Adeligen 
zu schätzen, die sowohl verläßlich als auch sachkundig waren 
und bereit, ihre Kräfte in den Dienst des Landesfürsten zu 
stellen. Unter den Abgesandten der österreichischen Länder, 
die nach dem Tode Kaiser Maximilians (jänner 1519) von den
	        

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