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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 11)

Wolsey um die englische Allianz. In Spanien wurde gleichzeitig 
die Revolte niedcrgekämpft. Die ganzen ungeheuren Probleme, 
die der Kaiser zu bewältigen hatte, waren gestellt. 
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Karl ist ein Zeitgenosse Macchiavellis. Er war 27 Jahre alt, 
als der Verfasser des Principe starb. Was der Kaiser als großer 
Brückenbauer über die Zeiten hinweg unternahm, liegt in der 
Sphäre Dantes und nicht in derjenigen des dem Kaiser an Klug- 
heit so überlegenen Schreibers aus dem Palazzo Vecchio. Das 
Zeitalter, in welchem Karl wirken mußte, hat der Florentiner 
gekannt wie kein anderer. Könige wie Franz I. von Frankreich 
oder Heinrich VIII. von England gehörten schon völlig in seinen 
psychologischen Bereich. Wenn Macchiavelli die politische 
Technik auseinandersetzte, die von nun an bis in unsere Tage 
gelten sollte, so hat er unter rastlos und kurzfristig zielstreben- 
den Gruppen, deren Gewühl beständig von Tätern und Könnern 
durchkreuzt wurde, völlig richtig geurteilt, und er hat recht 
behalten. Im Unterschied zu dem grundgescheiten Florentiner 
Realisten aber besaß Karl V. die Fähigkeit, sich immer wieder 
über die Bedingungen des Zeitalters zu erheben und über das im 
Augenblick Nützliche hinauszudenken. Für ihn ging es immer 
um Universalität. Nur von diesem Standpunkt aus läßt sich sein 
Verhalten zwischen Reformation und römischer Kirche ver- 
stehen. Die Kirche war für ihn Einheitsprinzip wie das Kaiser- 
tum. Sein Wille ging dahin, die Reformation innerhalb der Kir- 
che zu vollziehen, daher seine Schonung Luthers, daher später 
der ausschließlich seiner Initiative entspringende, rein politisch 
gedachte große Versuch des „Interims", der an jeder politischen 
Lenkung sich entziehenden Kräften zerschellen sollte. Karls 
Hoffnung auf Rettung einer allgemeinen Christenheit durch das 
große Gespräch, durch Konzilien, sollte sich ebensowenig er- 
füllen wie ähnliche Bestrebungen einer säkularisierten Welt in 
unseren Zeiten. Auch der Ausbruch und das Wesen der Gegen- 
reformation hat sich der Einsicht dieses Fürsten, der in der 
Rolle des Mediators, somit in der undankbarsten aller mensch- 
lichen Rollen, lebte, immer wieder entzogen. 
Er hat im Beginn seines Wirkens und wieder zuletzt in der Ent- 
täuschung Augenblicke der Härte, der scharfen Entschlüsse ge- 
habt. Aber ein vorherrschender Zug bei ihm ist die Geduld und 
das immer wieder sich herstellende Streben nach Gleichgewicht. 
Man hat dies auf einen Einfluß des Erasmus zurückführen 
wollen. Viel mehr mag, so scheint es, eine ganz bestimmte in 
Spanien damals vorhandene Richtung dem Kaiser konform ge- 
wesen sein. Gewaltanwendung in Dingen des Glaubens und 
der Gesinnung hatten die Spanier im Verlauf ihrer Kämpfe 
gegen den Islam im Überfluß und in bitterster Weise angewandt. 
Der Bewunderer des Raimundus Lullus, Raimund von Sabunde, 
dieser Visionär, der Montaigne und Pascal beschäftigen sollte, 
hatte gepredigt, die Konversion der Ungläubigen müsse durch 
Überredung und nicht durch die Schärfe des Schwertes erfolgen. 
Hernando von Talavara, der erste Erzbischof von Granada, 
hatte schon 1501 seine sehr objektive „Reprobaciön del Alco- 
rän" herausgegeben. Eine große liberale, in Spanien immer wie- 
der vorhandene minoritäre Bewegung hatte den Kaiser, wie wir 
aus seinen Äußerungen wissen, beeindruckt, eine Bewegung, an 
deren Ende eine Persönlichkeit wie diejenige des Begründers 
des internationalen Rechtes, Vittoria, steht und aus der die 
ganze große spanische Literatur, Calderon wie Lope, hervor- 
wächst. 
Das fast explosiv ausbrechende Ereignis der Gegenreformation 
dagegen geht weit über Wille und Einwirkung dicses Kaisers 
oder irgendeiner historischen Person hinaus, es ist ebenso ele- 
mcntar wie die Reformation, und es ist nicht allein religiösen 
Ursprunges. Wenn nordisches Wesen sich im Protestantismus 
kundtut, so wirken auch in der Gegenreformation gewaltige An- 
triebe aus dem kulturellen Selbstbehauptungswillen des um das 
Mittelmeer gelagerten, der Antike unlöslich verbundenen Men- 
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schen. Antike Formensprache, sinnliche Gestaltungskraft cr- 
heben sich gegen Nüchternheit und schlichte Strenge. Eine 
mächtige Gefühlswelle mystischer Ekstase, wie bei der heiligen 
Therese, rauscht auf; gleichzeitig herrscht römische Leiden- 
schaft der absoluten Tat bei Ignatius, hiezu gesellt sich bald 
fanatischer christlicher Rationalismus eines Melchior Cano im 
dogmatischen Zurückgreifen auf Aristoteles und Thomas. All 
dies setzt sich um in tausendfältige Gestalt und schafft einen 
neuen Stil, den letzten, den Europa gekannt hat, in welchem 
man sich in voller Reaktion gegen darbenden Verzicht nicht 
genug tun kann an plastischem Jubel, an Schwung, an leuch- 
tendem Weiß und Gold, an Licht und rauschenden Tönen, so 
daß die ganze europäische Musik aus solchem Aufruhr heraus- 
tönt und übergrcift bis in jenen lutherischen Barock, dem ein 
Johann Sebastian Bach entstammt. 
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Dies alles ereignet sich fernab von dem schwcigsamen Kaiser, 
der lebenslang im Gebet um Erleuchtung und richtige Führung 
flehte, aber Erleuchtung und Führung auf dem Gebiet, das ihm 
zugewiesen war, dem Gebiet der Politik als dem Mittel, die 
ihm anvertrauten Menschen von zerstörendem Wahn und aus 
auswcglosen Gegensätzen zu retten. Wie einst im äschyläischen 
Denken wurde bei diesem Habsburger die Vorstellung blind 
wirkenden Schicksals nicht zugelassen, er sah den Menschen 
und alles, was ihm geschieht, als von Gott gewollt; sein Welt- 
bild war theonom, der menschliche Wille war für ihn souverän, 
sobald er dem Willen Gottes diente. Hier lag das Wesen seiner 
Frömmigkeit, die Wurzel seines Wirkens, seines Glaubens an 
Ausgleich und Einheit, da doch der höchste Wille nur Einheit 
und nicht Widerspruch sein konnte. 
Luther hatte die Größe, Karl gerecht zu werden, obwohl es seine 
hemmungslose Urgewalt gewesen ist, die das Messende und Wä- 
gende des Monarchen, seine weit voraussehenden Pläne, zu- 
nichte machte. 
In einer seiner Tischreden hat er gesagt: „Wir haben einen 
frommen Kaiser, der hat einen Keil in seinem Herzen, es hat 
ihn darin gesteckt, wer da wollte, er ist still und fromm. Ich 
halte, er redet in einem Jahr nicht so viel wie ich in einem 
Tag". Und Mclanchthon sollte äußern: „Sein Leben ist voll der 
ehrenhaften Beispiele der Enthaltsamkeit, der Beherrschung und 
der Mäßigung." Bucer schrieb an Zwingli: „Der Kaiser ist von 
klarem Geist und zäh in der Verfolgung seiner Pläne. Kaiserlich 
sind seine Taten, Blicke und Haltung." Wie tief hat der Eng- 
länder Thomas Morus Karl verehrt! Unter den Italienern aber 
haben die Venezianer und hat der Kardinal Contarini immer 
wieder gestaunt über sein hervorragendes Proportionsgefühl in 
Augenblicken des Triumphes; denn sicher offenbart sich ein 
Charakter im hohen Gelingen viel deutlicher als in der Not. 
Karls Wesensart wurde sichtbar nach seinem Sieg bei Pavia, am 
24-. Februar 1525, und nach der Gefangennahme seines trotz 
aller Bemühung unversöhnlichen Gegners, des französischen Kö- 
nigs Franz I. Als Karl die Siegesnachricht erhielt, weilte er 
mit der geliebten Gattin, Isabclla von Portugal, in der Alham- 
bra zu Granada, wo er wohl die einzigen vom Glück berührten 
Wochen seines Lebens verbrachte. Damals hat er seinen ganzen 
Einfluß eingesetzt: um einen durch seinen Sieg leicht gemachten 
Angriff der Engländer gegen Frankreich, den er ursprünglich 
durch seine Verhandlungen mit Kardinal Wolsey als äußerste 
Möglichkeit ins Auge gefaßt hatte, nun zu verhindern. Auch 
hat er geschrieben: „Danken wir Gott für diesen großen Sieg. 
Das Volk möge ihn feiern wie ich im Innern der Kirche. Die 
Freude soll nicht nach außen dringen, weder in Festen noch in 
Musik noch in Feuerwerk, da doch der Sieg mit dem Blut von 
Christen erkämpft worden ist." 
Er tat alles, um zu einem raschen Friedensvertrag zu kommen. 
Einzig sein hartnäckiges Verlangen nach dem seit mehr als 
50 Jahren zu Frankreich gehörenden und in Sprache und Ge-
	        

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