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Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 12)

das sich in der ungarischen Stadtkirchc von Sümcgg befindet. 
Der geniale österreichische I ant gibt die exttttischc Gewalt 
seiner Deckengemälde nicht pr s. Auf dem strahlend hellen 
Mantel Mariens ist das kleine (lhristuskind gcbrcitct. Das über- 
irdische Licht das in der himmlischen Erscheinung des Engels 
ebenso wie im Antlitz der stattnendcn Hirten leuchtet, ist das 
geistige Zentrum des Gemäldes. Alles Irdische, das Milieu des 
Stalles, Ochse und Esel, di: hitucrlichen Hirten, die mit ihren 
primitiven Geschenken gekommen sind, haben im Vergleich dazu 
einen grotesken Zug. Ein echt barocker Kontrast steht der lyri- 
schen Einheit des Andachtsbildes entgegen. 
Ein neues stimmungsvolles Verhältnis zum inhaltlichen (JcscheA 
hen hatte unter den österrcic sehen Barockmalttrn erst Daniel 
Gran angebahnt. Er verzichtete, wie es die dramatische Rohr- 
federskizze und das ausgeführte Bild mit allcr Deutlichkeit im 
Vergleich zeigen, auf den Effekt. Er strebte nach klarer bildhaf- 
tcr Umsetzung und gab durch die Harmonie der musikalischen 
Farbstimmung seinen Szencnfolgen ein feines künstlerisches Le- 
ben. Als ein besonders schöner 7.ykl ' dieser Art seien die drei 
Bildet: aus Ovids Nletamorphnsc im Festsaal d.'s Schlosses Fridau 
zu nennen. Freilich wandte sich der große kaiserliche Hofmalcr, 
der mythologische, religiöse und historische Stoffe wählte, sel- 
tcn einfachen, volkstümlichen Themen zu: dies war Nlartin Jo- 
hann Schmidt vorbehalten. 
Obwohl sich die frühen Andachtsbilder KFCITISCI" Schmidts von 
der Auffassung seines verehrten Lehrmeisters Daniel Gran ab- 
leiten lassen, sind sie Ausdruck einer allgemein zu beobachten- 
den Gesinnung. Vor allem die genremäfligen Szenen vom 
„'l'raum Josefs" und der ,.Flucht nach Ägypten" geben Anlaß, 
an die letzten Bilder Giovanni Battista Tiepolos zu erinnern, 
Kurz vor seinem Tod malte - große Italiener zwei voneinander 
verschiedene Fassungen dcr l ucht nach Ägypten. Die kleinen 
Lcinsvandbildchen zeigen die Szene inmitten einer dramatischen, 
nahezu tragischen Landschaft, dic das menschliche CiCSt'l!t'l1Cn 
in seiner Ohnmacht fühlen lätlt. Das zweite Bild zeigt die Flucht 
der heiligen Familie in einem von Engeln geführten Boot. Es hat 
eine schlichte lnnigkeit des llmpfindcns, die dem Thema etwas 
von dem Zauber einer märchenhaften Erzählung verleiht. Daß 
Tiepolo gerade diese Szene besonders liebte, beweisen die vielen 
Zeichnungen, die zwar untereinander verschieden sind, aber in 
ihrem innersten Empfinden mit den beiden nun in Lissabon vcr- 
wahrten Bild:rn in eine Reihe gehören. Der barocke Prunk der 
(ieburts- und Anbetungsszcnen hat einer persönlichen, volkstüm- 
 
 
 
 
  
 
M. J. Schmidt, Anbetung der 
Hirten. Ol auf Leinwand, 
1790. Wfchselbild für den 
Hochaltar St. Ostvald bei 
Oberzciring (Steiermark). 
liehen Note Platz gemacht. Es ist vielleicht kein Zufall, daß diese 
läiltJt-i- in Spanien entstanden sind,in dem Land. in dem lylurillo das 
Andaclitsbild eincrkünstlerisehen Vollendung zuführt; man denke 
an die lmmaculatadarstcllungen,an seine heilige liamilic im Prado, 
die entfernt an Kremsei" Schmidts Aufforderung zur Flucht er- 
innert, und an seine Wcihnachtsbiltlcr. Domenico Tiepolo gab 
übrigens - und das soll gleichfalls in diesem Zusammenhang 
Erwähnung finden - 1753 einen Zyklus von 27 Radierungen 
unter dem Titel „ldee pittoreschc sopra la liuga in Egittc" 
heraus. 
Vierzehn Jahre später malte Krcmscr Schmidt über Auftrag sei- 
nes (iiänncrs Pater Josef Schaukcgel im Stift Seitenstetten die 
kostbaren kleinen Kupferbildci" „'l'r.tum des hl. Josef" und die 
„Flucht nach Ägypten". ln ihrer (jrundstimmting sind die bci- 
den reizvollen XVcrkc den Gemälden des ltalie -rs verwandt, in 
der Art der Erzählung aber gebsn sie der heimischen Art lie- 
bcnstvürdigstcn Aus-Lbuck. Der 'l'raum des hl. Josef ist ganz 
in eine zarte atmospl ische Lichtstintmung getaucht. Schlafcnd 
ruht der hl. Josef, von seinem Zimmcrmannswerkzeug um- 
geben, auf einer groben hölzernen Bank. Da senkt sich zu ihm, 
von feinstem dämmrigen Licht umflossen, ein Engel herab, der 
ihm den Befehl zur lilucht gibt und auf die heilige Maria vere 
weist, die schlafend das Kind im Körbchen behütet; die Öllampc 
mit dem schattenspcndendcn Schirm verbreitet einen milden rüt- 
lichcn Schein Jede einzelne der liebevollen Beobachtungen ist 
der heimischen Welt entnommeni Das Geschehen wird dadurch 
dem Beschauer menschlich nahe gebracht, es spricht sein Emp- 
finden an und versenkt ihn in eine andachtsvolle Stimmung. 
Reiche." im lnhalt ist die „Flucht nach Ägypten", die als Gegen- 
stück im gleichen Jahr entstand. Mit einer schaurigen Darstel- 
lung führt uns Krcmser Schmidt mitten in die Dramatik des 
Themas. Rechts im Vordergrund liegen die Leichen der ermorde- 
ten Kinder von Bethlehem. Die (iestc Josefs hebt dieses Bild- 
elcmcnt noel. mehr hervor. Darüber aber ist ein tröstliches Sym- 
bol zu sehcn: auf hohem Podest zerbricht ein hcidnisches Götzen- 
bild, die neue Religion der Licbc tritt in die Welt. Während die 
hl. Maria ihren Blick noch den grausam ermordeten Kindern 
zuwcndct, umschwcbcn kleine Himmelsboten das sicher in ihrem 
Arm geborgenc Kind. Ein großer Lngcl führt das hlaultier durch 
die Nacht, einem goldigen hellen Schein entgegen. 
liin solches zartes Versenken macht es verständlich, daß auch 
die Geburt Christi, das zentrale Thema der Wcihnachtsdarstel- 
lungcit vor. derselben innigen menschlichen Teilnahme verklärt 
 
 

	        

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