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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 1 und 2)

EHREN DER KINDERMALEREI 
Milchzähne der Amcbnu 
malereien nennen. 
mg, so könnte man die Kimler- 
Wolignng Grözingm 
Von JORG 
LAMPE 
mer wieder tauchen im Wiener Ausstellungsleben die Kin- 
malercien auf, und man wird gewahr, daß ihnen, trotz Franz 
reks in die ganze Welt hinaus wirkender Tätigkeit, nur ein 
grenztes Verständnis zuteil wird. Eine Ausstellung beispiels- 
ise am Schillerplatz im Januar 1958 wies eine geradezu er- 
lFCCkCIIdC Verfälschung auf; eine andere, die gleichzeitig in 
' Wollzeile stattfand und sich sogar „Das Problem: Kinder- 
chnungen" zum Titel wählte, also äußerst seriös tat, war 
tau so ahnungslos. Im November 1958 gab es dann wieder 
ei Kindermalerci-Ausstellungen, allerdings von höherem 
veau. Die eine im Stadtschulrat-Gebäude an der Bellaria, von 
lks-, Haupt- und Mittelschule und Lehrerbildungsanstalt he- 
tickt, war zwar bei den zwei letztgenannten Schultypen ziem- 
1 dürftig, doch wetztcn Volks- und Hauptschule die Scharte 
:der aus. Eine gleichzeitige, vom Landesjugendreferat Wien 
:l den Leitern seiner Zeichenkurse ausgewählte Schau 
i Kindermalereien im Konzerthaus hingegen schenkte unge- 
bte Freude. 
che MiLleilungen haben freilich, vor allem abseits von den 
ierten Ausstellungen, wenig Sinn, wenn man nicht zugleich 
:h den Fragen- und Aufgabenkreis des kindlichen Zeichnens 
:l Malens überhaupt und im Verhältnis zur Gesamtsituation 
t Menschen in unserer Zeit zumindest aufreißt und so die 
Wichtigkeit dieser Fragen deutlich macht. Gewiß soll man 
2h in diesem Falle nicht gleich von „existenzentscheidend" 
echen, weil nämlich der Mensch selbst unter den negativ- 
n Umständen ganz munter weiter existiert. Nur ist es frag- 
1, ob man dann immer noch „existieren" sagen kann oder 
ht vielmehr von vegetieren sprechen muß. Das aber mögen 
lcrc entscheiden. 
er ist allein die Rolle wichtig, die das bildncrische Tun des 
1des für das Werden und Reifen des Menschen in einer Epoche 
elt, in der auf Grund seiner enormen sachlichen und ratio- 
en Beanspruchung die Wissensschulung von Kindheit an 
uezu seine gesamten Kräfte mit Beschlag belegt. Ist also. 
t es anders zu formulieren, das was das Kind von sich aus 
m Zeichnen und beim Malen zutage fördert, nur ein Bild 
nes sogenannten Unvermögens, als welches es auch heute 
:h sogar manche Pädagogen hinzustellen sich berechtigt 
hnen, oder ist es nicht vielmehr das Sinnbild einer reichen 
ienwelt, die sich auf diese Weise nicht nur ihre eigenen 
ichen setzt, sondern sich auch die Außenwelt anzuverwandeln 
chtet? 
1 Satz des schon im Motto zitierten Wolfgang Grözinger aus 
nem bei Prestel in München erschienenen Büchlein „Kinder 
tzeln, zeichnen, malen" trifft da offenbar ins Schwarze. „Das 
nd", so heißt es, „kann nichts, ist aber sehr viel, weil es der 
iöpfung näher lebt als der Erwachsene, der vieles kann, aber 
niger ist." Die reiche Innenwelt des Kindes steht jedoch 
hl außer Frage, und die Feststellung von der An- und Einver- 
ndlung der Außenwelt durch sein bildnerisches Tun will 
ner nichts anderes besagen, als daß das Kind, zumal bis 
lahre, aber auch dann noch bis zu 10 oder gar 13 Jahren, je 
nach der Schnelligkeit seines „Fertigwerdens", fast seine ge- 
samte Umweltbeziehung als einen innerlichen Schau-Prozeß 
erlebt, für den ein Außen noch gar nicht richtig existiert. Es 
findet also in den Kinderbildnereien ein analoger Vorgang zu 
dem in der Bildnerei der sogenannten Primitiven statt, die auch 
noch gar nicht wirklich Außenwelt, sondern in dieser nur eine 
Verkörperung irrationaler Gewalten erblicken, der sie das ent- 
sprechende bildnerische Gleichnis zu entlocken suchen. 
Damit also, daß der Erwachsene „von oben herab" das Kind 
wie ein leeres Gefäß erst mit Inhalt zu erfüllen habe, ist es 
zweifelsohne nichts, und auch der geschäftige Ehrgeiz, das 
„kann nichts" des Kindes auf schnellstem Wege durch die Bei- 
bringung äußerer Fertigkeiten - manche „Pädagogen" halten 
sogar regelrechte Schemata bereit - aus der Welt zu schaffen, 
ist nur lächerlich und höchst vermessen. Als ob es beim 
bildnerischen Tun um solche Fertigkeiten und nicht um ein 
innerlich gedeckte-s Vermögen ginge, gleichgültig, ob man nun 
jenes Tun des Kindes mit der „Kunst" in Zusammenhang brin- 
gen odcr es beim Begriff des bildnerischen Tuns bewenden lassen 
will, was bescheidener und zutreffender ist, auch wenn man zur 
Zeit Cizeks noch gerne von „Kinderkunst" gesprochen hat. 
Dem Erwachsenen jedenfalls, der mit seinem „vieles kann, aber 
weniger ist" den äußeren Fertigkeiten nähersteht als dem 
innerlich gedeckten Vermögen, ist nur ein einziger Eingriff in 
das bildnerische Tun des Kindes erlaubt, nämlich der, ihm den 
rechten Raum, die rechten Umstände und Anreize zu vermit- 
teln, also die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Alles andere, 
alle Tricks und Rezepte (wie die vom „Strichmännchen"), die 
gar kein Innen haben und dafür das Außen routinieren wollen, 
sind eine regelrechte Versündigung an den Reserven der mensch- 
lichen Substanz. 
Wichtiger freilich als die Erörterung dessen, wie der Erwachsene 
dem Kinde helfen kann, ist zunächst die der Leistungen des 
Kindes selbst, die aber keine wie immer geartete Glorifizicrung 
bedeuten sollen. Es geht dabei vielmehr um sehr einfache und 
stille Dinge, und die An- und Einverwandlung der Außenwelt 
berührt nur eine Seite des Problems. Auch die bildnerischen 
Zeichen, durch die sich die Innenwelt des Kindes, seine Seele, 
sein Leiden und sein sich Freuen, seine Furcht und sein Ver- 
trauen, sein Ausge ztsein und seine Geborgenheit bekunden, 
machen nur einen weiteren, wenn auch für die Behandlung des 
Kindes aufschlußreichen Teil der ganzen Frage aus. Durch die. 
Art, in der es zeichnend und malend sein Zuhause, seine Ange- 
hörigen und die Menschen seiner weiteren Umwelt schildert, 
wie es sich selbst in dieser Welt placiert, welche Farben es ihr 
verleiht, wie es sie gruppiert und strukturiert, mit der Natur 
und den Gestirnen konfrontiert, legt es bedenkenlos seine 
seelische Lage und Verfassung dar. 
Darüber hinaus jedoch findet auch im hildnerischcn Tun des 
Kindes eine geheimnisvolle Kommunikation mit den Kräften 
und Rhythmen in der gesamten Lebenswirklichkeit als solcher 
statt. Zeichnend und malend also tritt das Kind kaum anders in 
diese Sphäre ein, als das in den Kulttänzen der schon einmal 
 
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