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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 3)

MODERNES GLAS AUS TIROL 
ZUR AUSSTELLUNG VON RIEDELGLAS IM ÖSTERREICHISCHEN MUSEUM FÜR 
ANGEWANDTE KUNST 
Von WILHELM MRAZEK 
Die Geschichte der (iliserzettgung kennt mannigfache Höhe- 
punkte aber auch ebensoviele Atempausen im Laufe ihrer jahr- 
tausendettlten Entwicklung. Immer sind diese mit den historisch- 
politischen und wirtschaftlich-s0zialen (legebenheiten verbun- 
den. Und immer sind es im Auf und Ah des geschichtlichen 
Werdens die gleichen Orte (MiCF Distrikte, denen das Glas zum 
Schicksal wird und tun welchen die Impulse zur Erneuerung 
der Glasmacherkunst ausgehen. 
Vom 13. bis zum I6. Jahrhundert war die Stadt Yenecig das un- 
bestrittene Zentrum der (iltscrzt-ugung. Die technische Hoch- 
lcistung eines farbloscti, durchsichtigen Glases und dessen 
künstlerische Gestaltung zu htuchzttrten, meist uncekorierten 
(iebildcn, machten den Ruhm der Venezianer Hütten aus. Aber 
schon im Laufe des 16. Jahrhunderts gingen Deserteure aus 
Venedig nach dem Norden und errichteten Hütten, cie Glas in 
Venezianer Art erzeugten. Unter ttnderen auch in Tirol und da- 
mit trat dieses Land zum ersten Äilale als (ilnserzetiger auf. Aber 
schon die läaroekzeit brachte mit ihren neuen Stitendenzen 
zu Beginn des l7. Jahrhunderts einen netten Distrikt in die füh- 
rende Position. Die Hütten des schlesiseh-höhmischcn Ratimes 
waren es, die dicscn neuen, vom Kristallschnitt herkommendcn 
Glasstil favorisierten, der dann innerhalb weniger ahrzehnte 
die Gläser in Venezianer Art villlig verdrängte. Diese Zeit 
liebte stztrkwctndigt- Formen mit reichstem Schliffdekor und die 
Glasvcredelung erreichte damit einen einzigartigen Höhepunkt. 
Auch das gztnze I9. Jahrhundert stand im 7. ichen (es böhmi- 
schen (ilasstiles. Die unbedrohten Zeitläufte und der wirtschaft- 
liche Aufschwung der habsburgischen Monarchie in den Grün- 
dcrjahren brachten eine stiintligt- Ausweitung der (Jlaserzeu- 
gung mit sich. Eine breite und in lebendiger "Tradition stehende 
GiätSmatlatitistCltiChl war schier unCrSChÖpfliClt im Erfinden von 
technischen X rbessertingcn und im Variieren von Formen und 
Dckoren. Vielfach w. en cs Rückgriffe auf den Formenbestand 
der Vergangenheit, aber selbst diese Stilkopit-n vermitteln noch 
ein anschauliches Bild von dem (Qualitiitsgefühl und dcm her- 
vorragenden technischen Können der höhmisch-schlesischen 
Cvlttsmrtchcr. 
Aus einer solchen alteingesessenen (Ülasherrenftimiiic stammen 
dic jetzigen Besitzer der Kufsteincr (ilashüttc. Seit 1756 war die 
Familie Riedcl in ununterbrochener liolge mit der Glitserzeti- 
gung verbunden. (ilas, dieses faszinierende Niateriztl, war den 
Riedcis zum Schicksal geworden. im 19. Jahrhundert stclltcln 
sie mit Joseph Riedel den „(ilaskünig" des Iscrgebirges. Eine 
tatkräftige Pcrsiänlichkcit, die so ganz der Gründerzeit entsprach. 
herrschte er tiber z1hlreicht' Glashütten und betrieb daneben 
auch noch eine Reihe textiler Unternehmungen. Zentrum war 
die (Elttshüttc in Polaun, die vor allem clic Rohgläser für die 
  
 
[im (illläfl1lllihtt' bei der Fertigung eines Pnkales. 
(iiihlonzer Schmtickwarcnintlustrie lieferte, aber auch Preß-, 
Hohl- und technisches Glas erzeugte. 
im Jahre 1945 ttndigle die Tätigkeit der Glashcrren von Polaun 
in ihren böhmischen Betrieben. 
Im Jahre 1957 begannen die Riedels von neuem die Glaserzcu- 
gung in der Kufsteiner Hütte aufzunehmen. Diese war einige 
Jahre vorher gegründet wurden, aber durch eine unsachgemäße 
Führung schon nach wenigen Jzthrcn in Konkurs gegangen. In 
der Re ganisieritng der Kufsteiner Hütte fanden die Riedels 
e c Aufgabe, zu der sie alle Voraussetzungen mitbraclttcn. In 
kurzestcr l'risl wurde aus dcfn bxlnkrotten Unternehmen ein 
 
 
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