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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 4)

 
lll. Llrich aus St. Stephan; aus den spaten 
vierziger Jahren des 15. jhs.; Beispiel des 
"Harten Stiles" mit Ansatzen der Verriium- 
lichung der Figur. 
ist, führt in der liolgc zu einet- weiteren Verhärtung, l)ie drei 
Figuren der Westwand von St. Stephan, der Erzengel Michael 
und die beiden Diakone Stephan und Laurentius, der Bauge- 
schichtc des Domes nach vor l-HO entstanden. zeigen die bereits 
ausgebildete Versteifung des liigurenstilcs. lhr hoher Standort 
und die damit verbundene Entrücktheit einer näheren Sicht, die 
schon bei der Herstellung bestimmend waren, ist für ihre Be- 
urteilung zu berücksichtigen. Bei Stephan und Laurenlius, dic 
beide in gleich blockhafter Ruhe ihre Attribute halten (die des 
Laurentius sind weggebrochen), verschiebt nur das leicht vor- 
gesetzte Bein den senkrechten FlulS der parallel gelegten Falten. 
Auch der hl. Michael nimmt dieselbe Stellung ein. Daran ändern 
auch dic reicheren Details seiner Kleidung, die gegürtete Alba 
mit der ornamentierten Stola wenig. Und selbst die Kampf- 
gebiirde, die er gegen den eng an sein Bein geklammcrtcn Teufel 
einnimmt, ist auf ein Mindestmaß an Bewegung beschränkt. ln 
der Bildung der Falten steht er dem Stcphanus näher; sie sind 
härter, gratigcr als die des Laurentius. liigttren mit dem gleichen 
Parallelfztltengefüge, dem leicht vorgesetzten Bein, mit klaren, 
etwas herben Gesichtern, in einer Art manieristischer Erstarrung 
stehend, sind auch unter den Langhausfiguren des Domes 
zu finden (Österr. Kunsttopographie, Bd, XXIII, St. Stephan, 
Abb. 4+8, 466, 471). 
Von diesen hebt sich eine zweite Gruppe der Statuen au; 
St. Stephan ab, unter denen die des hl. blrich eine der frühesten, 
aber auch der qualitätsvollsten ist. Die strenge Faltenführung, 
die Bcinstellung, die Mantelfalten links mit Clcn scharfen Bügen 
uncl die nun gleichmäßig hingelegten lialtenbogen am Sockel 
sind eine Weiterführung der in der johanncsfigur begonnenen 
liormänderung. Dureh die Haltung der rechten Hand wird eine 
Öffnung an der sonst in ihre Kleidung eingeschlossenen Figur 
verursacht, die einer bald in weiterent Ausmaße einsetzenden 
Lösung des Körpers aus den umhüllenden (jewandstücken voran- 
geht und zusammen mit dcn gcquctschten lialten des Mantels 
oben entscheidende Züge der Plastik der z '-'ten jahrhundert- 
hälfte erkennen liißt, Auch die Haltung de. mbols des Heili- 
gen, der in ungewöhnlicher Größe gebildete .ch, mildert schon 
den Parallelismus der Kleiderfaltcn. Der hl. Ulrich ist Vorbild 
und Ausgangspunkt jener Langhausfigttren, bei dcncn zwar die 
Härte der Formen noch ein wichtiges Element ist, die aber durch 
die Raffung der Mäntel, durch eine bewegtere Stellung bereits 
eine stärkere Raumempfindung zeigen. Die größere Zahl der 
Langhausfiguren folgt dieser Richtung. 
Der Kopf des hl, Ulrich steht auch durch seine innere Beseelt- 
heit mit dem johannes des Dorotheerklosters in Verbindung. D 
etwas nach vnrne geneigte Haupt mit dem großgeformten, l l- 
tigcn Gesicht, leicht forschend, voll geistiger Spannung, geho- 
ben noch durch die in den einfachsten Formen gehaltene Bi- 
schofsmütze, zeigt dit- ruhige Abgeklärtheit einer starken gei- 
stigen Persönlichkeit. Aber erst die Statue Herzog Albrecht II. 
mit seinem ungemein sprechenden Gesichtsausdruck entspricht 
dem Bestreben der 7-it, historischen Persönlichkeiten auch in 
Statuen bildnishafte Züge zu verleihen. 
Die johannesfigttr des Dorotheerklosters steht an einem XVende- 
punkt der Entwicklung. Mit ihrer Versteifung und Verhärtung 
der Gewandfztltcn, der neu gewonnenen Standfestigkeit des Kör- 
pers ist Sie dem Stilc der zweiten Hälfte des lijahrhundcrts im 
gleichen Maße verbunden wie mit ihren Formen dem Stil des 
jahrhundertanfttnges. Der Ausdruck des intensiven Leidens 
kommt dem beginnenden Realismus in gleicher Weise entgegen. 
lhre Entstehung kann um 1430 angenommen werden. 
Daneben aber hat dicjohannesfigur für Wien noch insoferne Be- 
detttung, weil sie als einzige erhaltene "Fonfigui" beweist, da}! 
auch dieser Kunstvweig, der mehr als ein anderer an den Ort 
seiner Erzeugung gebunden ist, hier bereits in der ersten Hälfte 
des 15. jahrhunderts geübt wurde. Die leichte Zerbrcchlicb- 
   
 
 
 
Kopl des hl. Lllrichs; Wleiterführung 
der im Kopf des hl. Johannes ange- 
bahntcn Ausdrucksmtäglichkcit der 
(Pesichtszüge. 
keit der Tonplttstiken ist wohl Ursache, daß sich auch aus der 
zweiten Jahrhunderthiilfte nur dic Figuren der beiden Heili- 
gen Martha und Magdalena erhalten haben, auch sie nicht un- 
beschädigt, denn die Hiinde mit ihren Attributen sind eine 
[Ergänzung neuerer Zeit. 
 
 
verursacht, die einer bald in weiterem Ausmaße einsetzenden 
Lösung des Körpers aus den umhüllenden Gewandstücken voran- 
geht und zusammen mit den gequetschlen Falten des Mantels 
oben entscheidende Züge der Plastik der zweiten jahrhundert- 
hälfte erkennen läßt. Auch die Haltung des Symbols des Heili- 
gen, der in ungewöhnlicher Größe gebildete Fisch, mildert schon 
den Parallelismus der Kleiderfalten. Der hl. Ulrich ist Vorbild 
und Ausgangspunkt jener Langhausfiguren, bei denen zwar die 
Härte der Formen noch ein wichtiges Element ist, die aber durch 
die Raffung der Mäntel, durch eine bewegten: Stellung bereits 
eine stärkere Raumempfindung zeigen. Die größere Zahl der 
Langhausfiguren folgt dieser Richtung. 
Der Kopf des hl. Ulrich steht auch durch seine innere Beseelt- 
heit mit dem johannes des Dorotheerklostcrs in Verbindung. Das 
etwas nach vorne geneigte Haupt rnit dem großgeformten, fal- 
tigen Gesicht, leicht forschend, voll geistiger Spannung, geho- 
ben noch durch die in den einfachsten Formen gehaltene Bi- 
schofsmütze, zeigt die ruhige Abgeklärtht-it einer starken gei- 
stigen Persönlichkeit. Aber erst dit- Statue Herzog Albrecht II. 
mit Seinem ungemein sprechenden Gesichtsausdruck entspricht 
dem Bestreben der Zeit, historischen Persönlichkeiten auch in 
Statuen bildnishafte Zügc zu verleihen. 
Die Johannesfigur des Dorothcerklosters steht an einem Wende- 
punkt der Entwicklung. Mit ihrer Versteifung und Verhärtung 
der Gewandfalten, der neu gewonnenen Standfestigkeit des Kör- 
pers ist sie dem Stile der zweiten Hälfte des lijahrhunderts im 
gleichen Maße verbunden wie mit ihren Formen dem Stil des 
jahrhundertanfnnges. Der Ausdruck des intensiven Leidens 
kommt dem beginnenden Realismus in gleicher Weise entgegen. 
Ihre Entstehung kann um 1430 angenommen werden. 
Daneben aber hat die johannesfigur für Wien noch insoferne Be- 
deutung, weil sie als einzige erhaltene Tonfigur beweist, daß 
auch dieser Kunstzweig, der mehr als ein anderer an den Ort 
seiner Erzeugung gebunden ist, hier bereits in der ersten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts geübt wurde. Die leichte Zerbrechlich-
	        

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