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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 4)

sehen, stark im Vordergrund die Michaelerkirche, deren Turm 
neben dem Stephansturm am deutlichsten ausgeführt ist. Be- 
merkenswerterweise zeigt der Michaelerturm bereits klar seine 
im Jahre 1590 geschaffene spitzige Gestalt (von heute), wäh- 
rend er auf allen früheren Ansichten noch den alten knorren- 
gezierten Steinhelm trägt. Gleich wichtig für die Festlegung der 
Entstchungszeit der Zeichnung wie dieses Baudatum sind zlie 
Daten der benachbarten Bauten. Wir erblicken die Amalienburg 
(früher Cillierhoi) mit ihrem eigenartigen, mächtigen Uhrturm, 
dessen Existenz für 1601l1602 bezeugt ist. Die Skizze des Uhr- 
turms mit dem Dach erscheint auf der Rückseite des Blattes am 
unteren Rand im Umrill. aber sehr deutlich wiederholt. (Der 
Neubau der Amalienhurg an Stelle des Cillierhoies dauerte von 
1575 bis 1611.) Neben dem Turm des Dorotheerklosters (heute 
Dorothecrgasse 17) ist der Turm des gegenüber gelegenen Nona 
nenklosters zur hl. Maria, Königin der Engel, sichtbar, dessen 
Kirche 1582 1583 erbaut wurde. (Der Komplex des Königinklo- 
sters, heute Dorotheergasse 18, erstreckte sich bis zur Stallburg. 
Auf seinem Terrain steht jetzt u. a. das Palais Fries-Pallavicini, 
joseisplatz 5.) 
Die angeführten Daten erhellen, daß die Zeichnung um 1600 
entstanden Sein rnuß. Das Blatt überliefert damit auch die irü! 
hesten, wenigstens andeutungsweisen Darstellungen des neuen 
Turmhclms von St. Michael, des alten Uhrturms der Amalieit- 
burg und des Königinklosters. Denn erst die graphischen An- 
sichten des 17. jhs. nehmen diese Bausituzitinnen im Stadt- 
hild auf. 
Wieder weiter östlich ist die Anlage der Burg mit ihren Tür- 
men eingefügt. Die Türme sind schematisch angeordnet und 
geben uns keinen Begriff vom Bau der Burg. Hingegen erhält 
man aus dem Umriß auf der Rückseite des Blattes (neben dem 
Umriß des Uhrturms an den Rand gezeichnet) ein gewisses Bild 
von der Anordnung der Türme um den Burgbau. Den Abschluß 
des Stadtprofils im Osten bildet die langgestreckte, turmlose 
Augustinerkirche und der deutlich gezeichnete Turm der Or- 
denskirche der Johanniter (Malteserkirche in der Kärntner- 
straße). Als charakteristisch für die Auffassung unseres Zeich- 
ners hat ein besonders ausgeführter Teil der Stadtbefestigung 
zu gelten, der seinem künstlerischen Auge offenbar auffiel. Vor 
der Burg - zwischen Amalienburg und Augustincrkirche - ist 
die Stadtmauer sichtbar, mit großen Schießscharten und einer 
Dachbedeckung, unter der die Streichwehr vermutet werden 
kann. Diese Darstellung ist sicher unrealistisch, aber ausgespco- 
chen malerisch und vermittelt ungemein lebendig den mittel- 
alterlichen Eindruck, den das Wiener Stadtbild zu jener Zeit 
noch machte. 
Die Seitenverkehrung der Skizze läßt an eine Vorzeichnung 
für den Holzschnitt denken. Unter den Wiener Holzschnitten ist 
die Ausführung nicht zu finden. Möglicherweise gibt es sie über- 
haupt nicht, weil diese künstlerische Zeichnung den Erforder- 
nissen der graphischen Ansicht um die jahrhundertwende nicht 
Rechnung trägt. Die Betonung der vervielfältigten Ansicht lag 
bereits im Aufzeigen der Fortifikation, auf der Darstellung der 
neuen Festung Wien. Nicht künstlerische Betrachtung, sondern 
eingehende, möglichst geometrische Aufnahme des Stadtbildes 
forderte die Zeit vom graphischen Blatt - der Kupferstich 
übernimmt hiebei die Führung -, das Ortskenntnis verbreiten 
sollte. 
HIERONYMUS LÖSCHENKOHL ALS MINIATURMALER 
Von P li 
[ER POTSCHNliR 
Den Liebhabern kolorierter Wiener Kuplerstiehe ist Johann 
Hieronymus Löschenkohl (1753-1807) seit den Tagen der ge- 
lehrten Viennensia-Sammler kein Fremder. Freilich verbindet 
sich mit dem Namen nicht so sehr die Vorstellung eines Künst- 
lers als vielmehr die eines rührigen Verlegers kurioser Blätter, 
eines „industriösen" Tausendsassa, des „fixlingerigen Fabrikan- 
ten exekrablet" bemalter Zeitbilder" und „ikonographischen Zei- 
tungsmannes" des josephinisehen Wien - alles Geistesblitze 
Gräffers, die seither x-iach gedankenlos nachgebetetworden sind. 
Eine ausgeprägt eigenartige Künstlerpersönliehkeit drohte in 
Geplapper unterzugehen. Die kommende große Löschenkohl- 
Ausstellung im neuen Hause des Historischen Museums der 
Stadt Wien wird erstmals vollen Überblick und damit Einblick 
in das Werk des aus Elherleld um 1780 zugewanderten Künstlers 
geben, der in einem nicht allzulangen, unerhört produk- 
tiven Leben mit der zur Heimat erwählten Stadt so sehr 
verwachsen ist, daß wir ihn unbedenklich zu den Unsern zäh_ 
len dürfen. 
Unter einer erstaunlichen Fülle meisterhaft kolorierter Kupfer- 
stiche wird den Besuchern der kommenden Ausstellung sicher! 
lieh ein in Gouachefarben miniaturartig ausgefiihrtes Gruppen- 
bild auffallen. Dieses Bildchen war bereits in der Wiener 
Miniaturenausstellung von 1905 als Leihgabe des damaligen Be- 
silZCrS Dr. August Heymann zu sehen. Der Ausstellungskatalng 
lührt es unter Nr. 165i) an, jedoch ohne Angabe eines Künstlers. 
t923'ist die Gouache mit anderen Naehlaßheständen Heymanns 
an das Historische Museum gekommen und wurde dort - ellen- 
bar aul Grund späterer Notizen Dr. Heymanns - als 
mutmaßliches Werk Löschenkohls inventarisiert; daß dem in- 
teressanten Problem seither nicht nachgegangen worden ist, 
darl bei der Fülle ungelöster Fragen, die mit den reichen 
Beständen des Historischen Museums verbunden sind, nicht 
wunder nehmen. 
Bestimmen wir vorerst die historischen Begebenheiten: 
Die Königin von Neapel war in Wien mit ihren drei noch un- 
verheirateten Töchtern und dem kleinen Prinzen von Salerno 
von August 1800 bis juli 1802 zu Gast, sie verbrachte ihre 
Zeit hauptsächlich damit, die Töchter an den Mann zu bringen. 
(Ein früherer und der spätere, letzte Besuch kommen nach allen 
Umständen hier nicht in Frage.) Die Anwesenheit Marie 
Karolines legt die Szene zeitlich lest, was die Bestimmung der 
dargestellten Kinder ermöglicht: es kann sich danach nur um die 
1791 geborene Marie Louise, den 1793 geborenen Kronprinzen 
Ferdinand und die 1797 geborene Leopoldine handeln. 
Die Darstellung wirkt wie eine unmittelbare Wiedergabe der 
sehr privaten Szene, ohne jede höfischc, renräsentative, zere- 
monielle Geste. Alles erscheint wirklich: die verdrießliehe Miene 
des Kaisers (der die Schwiegermutter nicht leiden konnte); das 
versorgte Antlitz der Königin (deren Pläne nicht gerieten, wie 
sie wollte); die Naivität der kleinen Kinder und die Keck- 
heit der „Große-n", die die unziemliche Puppe hinter dem 
Rücken verbirgt. Und doch wird man sich der Erkenntnis nicht 
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