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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 12)

WIENS 
„PHANTASTISCHE 
REALISTEN" 
ZUR AUSST 
LUNG DER „WIENER SC 
{U} 
IM OBEREN BELVEDERE 
Von JOHANN MUSCHIK 
Helmut Lehcrb, Fremde Wesen. Öl und 
37 X 21 cm, 1958. 
Eitcmptrrz 
auf 
Holz, 
Im Oberen Belvedere stellen vier Maler aus, von denen jeder 
seine Eigenart hat. Etwas Gemeinsames im Stil, in der Haltung, 
für das wir den Namen „Phantastischer Realismus" vorsehlu- 
gen, verbindet sie nichtsdestoweniger zur Gruppe. Die Künst- 
ler stehen nicht allein. Was Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter, 
Helmut Leherb (Leherbauer) und Anton Lehmden darbieten, 
datiert ursprünglich nicht von heute. 
Im Jahre 1947 hat sich jene merkwürdige Kameradschaft von 
Malern, die damals allgemein noch als „Surrealisten" aufgefaßt 
wurden, zum erstenmal formiert. Namen fanden sich unten 
ihnen, deren etliche bei der gegenwärtigen Veranstaltung im' 
Belvedere fehlen. 
Neben Hausner, Hutter, Lchmden standen Ernst Fuchs und Fritz 
jansehka. Fuchs ist der Bewegung immer noch zuzuzählen. Über 
die künstlerische Entwicklung des nach Amerika ausgewander- 
ten jansehka weiß man zu wenig. Bald trat der hochbegabte 
Erich Brauer auf. Dann stieß Leherb zur Gruppe. Und in jüng- 
ster Zeit hat sich eine Nachfolge gebildet, der Helmut Kies 
und Elsa Olivia Urbach sowie die Graphiker Robert Doxat, Rai- 
mund Ferra und Richard Matouschek angehören. 
Die „UN-Gruppe, die „Stammvätef, jene erste Gemeinschaft, 
versammelte sich um Edgar jene, einen Maler, welcher inzwi- 
schen naeh Paris übersiedelt ist. Durch ihn wurden die Künstler 
mit der Ideologie und der Methode des orthodoxen Surrealis- 
mus bekannt, mit der „Femme 100 Tetes", mit Bretons Mani- 
festen vor allem. Einzelheiten der Malweise jenes, Züge, die 
gerade ihm eigen waren, werden sich in den Bildern der Wiener 
Schule jedoch kaum wiederfinden lassen. 
Die Maler blicken auf eine andere „Ahstammungf zurück. An 
Brueghel und Bosch zum Beispiel, an Rembrandt, Altdorfer, 
Leonardo, den Gotikern, den Quattrocentisten schulten sich 
Fuchs und Lehmden. Die Unerbittlichkeit der Perspektive, die 
Präzision, der Sinn für die Solidität der Dinge, welche bei Piero 
della Francesca und Uccello begegnen (oder auch bei de Chirico), 
kehren in Hausners Werk wieder. Formendetail der Ring- 
straßen- und Gründerzeit erhält eine Tiefsinnigkeit und Bedeu- 
tungsschwere, die es nie vorher hatte. Arcimboldo und eine 
Linie, die etwa mit Max Ernsts „Schöner Gärtnerin" begann, 
aber vor allem auch A. P. Güterslohs verfremdetes, erschreckt 
starres Traumbiedermeier wurden für Hutters Entwicklung be- 
stimmend. Die Chlorophyllgeister, Waldwesen Ernsts, treten bei 
Leherb jüngst in einer Verwandlung auf, die Hinwendung zu 
vorimpressionistischer Wiener Malerei, zu Rahl, Canon, Ma- 
kart und letztlich auch zu Tiepolo, Rubens und Caravaggio 
zeigt. 
Phantasie, nämlich Vorstellungskraft, Einbildungskraft, Einfalls- 
reichtum ist für die Künstler kennzeichnend, nicht Phantas- 
magorie, was soviel wie Trugbild, Scheinbild, Darstellung von 
Gespenstern bedeutet. Das Deliröse, die „paranoia critique", die 
Salvador Dali zum Um und Auf malerischer Darstellung machen 
will, hat für sie keineswegs jene erstklassige Bedeutung. 
Sie leben nicht „mit dem Tier" (Nadeau). Sie wollen weder 
„die Zivilisation zerstören" noch gehören sie zu den „Defai- 
tisten Europas" (Aragon). Malerei ist ihnen etwas anderes und 
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