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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 6)

Kreuznbnahmc. Prcdellenilügel des Hochallarcs der 
Pulknu. Meister von Pulkau, um 1520. 
Heil 
gblulkirchc in 
der Plastik in Niederösterreich so entwickelte, daß zu Ende des 
_]ahrhunderts die schöne Madonna und die Pietät geradezu be- 
herrschend für einen weiten Kreis geworden sind. Die böhmi- 
schen Einflüsse mögen hiebei nicht übersehen werden. Sie sind 
aber letztlich nicht bestimmend für die Gesamtrichtung. Der 
Realismus der Parler-Schule hat die Kunstübung in Niederöster- 
reich wohl gefärbt, aber nicht von ihrer Richtung abgelenkt. 
Die schlanken und eleganten Figuren der Eligiuskapelle bei 
St. Stephan in Wien aus dem Ende des 14. Jahrhunderts sind 
frei von diesen Einflüssen. 
Sehr traditionell und bestimmt in seiner Auffassung ist ein 
Kunstwerk, das dem Stift St. Florian gehört und aus der XVa- 
chau stammen dürfte, eine liegende Madonnenfigur aus Ton in 
zwei Stücken gebrannt, zusammengesetzt und schließlich poly- 
chromiert. Die Gruppe ist nicht vollständig, es fehlt eine Figur 
des hl. Joseph zu Füllen der liegenden Figur, ein kleiner Engel, 
von dem nur Hände und Füße vorhanden sind und vielleicht die 
Figur einer Magd mit dem Wasserschaff, zu welchem das Kind 
hinabgercicht wird. Das Anekdotische ist in diesen Darstellungen 
immer stark betont worden. Das Kind spielt mit den Zehen 
seiner Füße. 
Vielleicht handelt es sich um das Weihegeschcnk einer Dame, 
die Kindersegen erhofft oder erhalten hat. Das Volkstümliche 
der Darstellung ist darin begründet, daß der Künstler sich eines 
Hafners bedienen mußte, um dieses einzigartige Kunstwerk zu 
schaffen. 
Die Hochblüte niederösterreichischen Kunstschaffens in der go- 
tischen Zeit ist durch die Figur einer Pietät aus der Burg 
Kreuzenstein dokumentiert. Es ist ein Werk von hoher 
Qualität. Unzählig sind die Variationen dieser Kunstwerke, die 
in Gulistein oder Naturstein entstanden sind. Die Ausstellung 
Croccfissi e pieta, welche 1958 in Udinc gezeigt wurde, wies 
nach, wie weit nach Süden, bis nach Aquilea, Venzone, Gemona 
diese Darstellungen exportiert worden sind. Die Darstellungen 
der Pietät sind letzten Endes auf die Marienklage zurückzufüh- 
ren, wie sie in den Frauenklöstern zur privaten Andacht immer 
wieder in vielen literarischen Nachweisen sich findet. Die Her- 
kunft der Pietä aus Kreuzenstein ist unbekannt. Der Stein kommt 
aus Bayern, es ist ein Kehlheirnerblock. Spuren von Polychro- 
mierung sind vorhanden, leider hat die Spaltbarkeit des Steines 
frühzeitig zu einer Beschädigung am Kopf Christi geführt, wel- 
che durch eine Restaurierung behoben werden mußte. Die stark 
lyrische Note, die in diesen Marienstatuen hervortritt, ist wohl 
für das Gebiet von Niederösterreich sehr bezeichnend, doch geht 
die Verbreitung des Themas in dieser Gestaltung weit über die 
Grenzen Österreichs hinaus. Eine sehr rustikale Abhandlung 
dieses Typus ist in der Pietä von Gars-Thunau zu sehen, 
einem Kunstwerk aus Gußstein mit Spuren ältester Poly- 
chromierung. 
Die Ausstellung bringt eine Fülle von Plastiken, die bisher kaum 
bekannt gewesen sind. Darunter befindet sich auch ein Werk 
aus der Schule Jakob Kaschauers aus Hundshcim, eine Ma- 
donna mit Kind, welche ohne Zweifel in der Türken- 
zeit schwere Beschädigungen erfahren hat und durch eine ba- 
rocke Restaurierung wiederhergestellt ist. Zum Unterschicd von 
der berühmten Freisinger-Madonna ist das Kind schlafend dar- 
gestellt, ein Motiv, das sich vielleicht daraus erklären läßt, 
daß nach der Türkenzeit die schwer beschädigte Figur des 
Kindes in dieser Form wiederhergestellt worden ist. Es ist der 
Kunstgeschichte entgangen, daß in Niederösterreich im 17.]ahr- 
hundert viele Plastiken, sei es durch die Schweden, sei es durch 
die 'l"ürken schwer beschädigt wurden und sonach in barocker 
Zeit eine Wiederherstellung erfuhren, die natürlich manche 
Veränderung mit sich brachte. S0 konnten vor kurzem bei einer 
Restaurierung an der Madonnenfigur aus der Pfarrkirche in 
Lunz am See, die den Namen „Maria auf dem goldenen Sessel" 
trägt, einwandfrei die Spuren der türkischen Säbel und Äxte 
aus dem jahre 1532 nachgewiesen werden. Es wäre interessant, 
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