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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 6)

Krems, Ehcmnl. Domini- 
kzmerkirchc: Krönung 
Mariae und Kreuzigung 
Christi mit licclesizx, Sy- 
nagoge und Fragment des 
Ahcndmahlcs (um 1280). 
lerei des 14. Jahrhunderts aufbaut. Von Norden, aus der böhmi- 
schen Keimzelle des „Weichen Stils" kommen die Formgedankcn, 
denen nach dem ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts u. a. 
die Apostelfiguren und die Halbfiguren _der Propheten im Chor 
der Pfarrkirche von Lits e h a u verpflichtet sind. Die Lust die- 
ses Malers an der Wiedergabe der typischen Schlängelsäume 
überreich fließender Drapericn hat ihn freilich über jedes Maß 
hinausgetragen, hat die körperliche und seelische Erscheinung 
entwertet und - hier wird der provinzielle Charakter des Mal- 
werkes üherdeutlich - zur reinen Stilkarikatur werden lassen. 
Das 15. Jahrundert, eine Zeit, in der die Produktion in der 
Wandmalerei ungeheuer in die Breite wächst, ohne daß der 
Menge auch die künstlerische Bedeutung entsprechen würde (sie 
gelangt nun in der Tafelrnalerei zum Ausdruck), hat in Nieder- 
österreich nicht viel hinterlassen. Als typisch für die Wieder- 
belebung mystischer Gedanken sowohl, wie für das Stilgepräge 
der ersten Jahrhunderthälfte, mag das gemalte Sakraments- 
häuschen im Chor der Pfarrkirche von Stratzing gelten. 
Ausdrucksstark, und in ihrer Kleinteiligkeit eher dem Geist 
der Tafelmalerei als dem der Monumentalmalerei entsprossen, 
zeigt sich die Passionsfolge der Zeit um 1470 an der Außenseite 
der Schatzkammer von St. Stephan in Wie n. Erst um die Wen- 
de zum 16. Jahrhundert und nach 1500 finden sich einige Werke 
von gewissem Rang, die nun, im Zeichen der allgemeinen Stil- 
erscheinung, graphische Elemente in die Monumentalmalerei 
einführen und sie damit, auch in technischer Hinsicht, von ihrem 
ursprünglichen Wesen entfernen. Die feinen Strichlagen, die 
in A l t l i c h t e n w a r t h die Gestalten der Madonna oder des 
Seelenwägers Michael, oder in Amstetten die Figuren des 
Jüngsten Gerichtes formen, sind nicht nur als Vorzeichnung 
gedacht: die lasierend aufgetragene Farbe koloriert ein Gefüge, 
dessen Gerüst wieder die als Ausdrucksmittel empfundene Linie 
bildet, wenn auch in einem anderen Sinn als zur Zeit der be- 
ginnenden Gotik. Innerhalb der österreichischen Wandmalerei 
der Gotik stellt ihr niederösterreichischer Zweig keinen Sonder- 
fall dar; es gibt auch keine Phase, in der sich eine eigene, etwa 
stammesbedingte Note abzeichnen würde. Die Züge fügen sich 
in das Gesamtbild, dessen Umrisse wir bereits kennen. Es gibt 
aber einen Höhepunkt: Die Kremser Malerei in den Jahrzehnten 
vor und nach 1300. Sie hat zum erstenmal in Österreich und in 
einzigartiger Weise die Gedanken der Gotik in der Monumen- 
talmalerei ausgesprochen. 
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