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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 6)

VON DEN ANFÄNGEN DES 
EXPRESSIONISMUS 
GOTISCHEN 
Von GERHARD SCHMI 
Die packende Ausdruekskunst der Spiitgotik ist nur scheinbar 
eine Leistung ausschließlich des 15. Jahrhunderts. Schon das mo- 
numentale 13. Jahrhundert hatte zwei neuc Probleme aufge- 
griffen: die Lösung der Gebärdensprachc aus hieratischcr 
Strenge und formelhafter Überlieferung ciners '15, anderseits 
die Individualisierung des menschlichen Amlitzes, entweder 
 
 
Judas enrbietet sich zum Verrat. Aus einer Armenbihel um 1331. 
(Östcrr. Nar. Bibl., cud. 1198, folg. 5'). 
durch den szenisch begründeten Ausdruck, oder durch die un- 
motivierte, gleichsam nur studienhalber fixierte „Grimassdh 
Hzme die früh- und hochmittelalterliche Kunst ihr Auslangen 
noch damit gefunden, den physiognomischen Ausdruck drei! 
fach zu differenzieren, indem sie einer unbewegte-n „Normal- 
lage" auf der einen Seite die Verzerrung in Schreck oder 
Schmerz, auf der anderen die Verklärung zum Lächeln zuge- 
sellte, so bringt nun das 13. Jahrhundert einen neuartigen Nu- 
ancenreiehtum hervor. Hier wird nicht mehr allein zwischen 
affekt-neutralen Gestalten und solchen unterschieden, die 
Bösewichte und Verdammte oder aber als gnadenspendende 
begnadete Personen (wie Maria, die Engel und die Seli 
zu gelten haben, sondern es werden nun jenen drei Gemü 
gen, die den Charakter wie ein Attribut bezeichneten und 
her von der jeweiligen Situation unabhängig waren, schon r 
cherlei andere Spielarten abgewonnen, wie sie sich nur 
übergehend und aus einem bestimmten Anlaß manifestiert 
So haben die berühmten „Masken", jene eigenartig zu K 
mer oder Verzweiflung, zu Schmunzeln oder Gelächter 
zerrten Zierköpfe an der Kathedrale von Reims, nichts r 
mit ihren romanischen Vorgängern gemein, deren maskenl 
Bildung viel Öfter einem spezifischen Willen zur Stilisiei 
entspringt, als daß sie als seelisch motivierter mimischer . 
druck zu deuten wäre. Im Gegenteil: die gewaltige Ausdrt 
kraft der Romantik war letzten Endes nie „von dieser W 
und bezog ihre Anlässe aus den Bereichen des Visionären 
Dämonischen. Hier nun, in Reims, scheint sie völlig übert 
den und abgelöst von einem sehr „modernen" Interesse, 
sich auf den psychologisch fruchtbaren Augenblick und auf: 
Spiegelung im menschlichen Antlitz richtet. „Le sourii 
Reims", jenes vielbewunderte Lächeln an den Engeln des 
sephsmeisters", kennzeichnet diese zwar noch ganz allgei 
als Boten aus einer heiteren Überwelt, nimmt aber unter 
Hand des Künstlers jenen besonderen Charakter an, der e: 
auf einen bestimmten Moment gemünzt erscheinen läßt. 
mit tritt es zugleich auch zu den „transitorischen", augenbl 
haften Bewegungsmotiven in Beziehung, welche dieser g 
Meister seinen Figuren zu geben liebte und welche - die 
tuen aus dem strengen Zusammenhang der Architektur lö 
- sie dort gleichsam nur zu Gast sein lassen, wo ihre Vor 
ger noch eine unverrückbare Heimstatt hatten. 
Diesen französischen Bildwerken des mittleren 13. Jahrhun: 
ist freilich zunächst ebensowenig eine echte Nachfolge best 
den wie der Kunst jenes großen Plastikers, dessen spannu 
geladene Reliefs an den Lettern von Mainz und Naumburg 
Dramatik einer Szene auch gestisch und mimisch ausschöt 
- Möglichkeiten der Kunst vcrwegnehmend, die Giottos l 
ken ein halbes Jahrhundert später in einem empfänglicheren 
lieu neuerlich verwirklichen sollten. Das gilt auch von den 
dcrcn großen Einzelleistungen des 13. Jahrhunderts: von 
„terribile" in den Gestalten eines Nicola Pisano, von der E 
gung, die aus den Propheten der Straßburger Westfas 
spricht, von der explosiven Gestik in den XVerken des „E 
noldmeisters" oder von den Figürchen des englischen Bucl 
lers W. de Brailes, der schon im zweiten Jahrhundertviertel s 
Szenen mit dem Humor einer naiven und ungemein treffsich 
Psychologie würzte. 
Alle diese Versuche gehen nebeneinander her, treten kaut 
Wechselwirkung, und scheinen dann völlig yergessen zu 
den, um im frühen 14. Jahrhundert einer viel ausdrucksärm: 
ganz der Lieblichkeit eines manieristisehen Schönheitsit 
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