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Full text: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 6)

 
Gefungtnnähmc Chrmi. Aus den "Concordumiue Carmnis" des Ulrich von Lilien- 
feld (Lilienfeld, cod. 151. fol. 80'), um 1355. 
pflichteten Gesinnung zu weichen. Man gelangte über ver- 
zelte Ansätze nicht hinaus, deren revolutionäre Züge bei 
Nachahmcrn doch wieder zur bloßen Formel erstarrten. 
hl wurde das Tor zur ästhetischen und sinnlichen Würdi- 
g der Lebenswirklichkeit geöffnet und damit einer „irdi- 
en", auf Beobachtung und Einfühlung beruhenden Ausdrucks- 
ist der Weg gewiesen - die Ergebnisse aber bleiben (trotz 
er künstlerischen Großartigkeit) im Vorspielhaften befan- 
. Noch herrscht auf weiten Strecken eine zwar nicht aus- 
ließlich idealisierendc, stets aber typisierende Kunst, die im- 
' noch der Schlaglichter des alltäglich und konkret Beobach- 
n ermangelt, das der menschlichen Erfahrung entspräche und 
er zwischen Werk und Betrachter jene Nähe unmittelbaren 
:dererkennens und Nachempfindens stiften könnte, die den 
usamen Sujets der Spätgotik ihre peinigende Drastik geben 
d. 
hl aber fallen solche Schlaglichter schon auf einzelne XVerke 
dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts, und von ihnen 
hier die Rede sein. In den betont schönformigen, nicht selten 
leerer Eleganz gesteigerten Stil dieser Epoche dringen ab 
5 die Vorboten jenes Realismus ein, der das Ende des jahr- 
derts völlig beherrschen und, nach dem „idealistischen" Zwi- 
anspiel des Weichen Stils zu Beginn des 15. Jahrhunderts, das 
icht der Spätgotik vollends prägen wird. Daß unsere Bei- 
rle sämtlich der Buchmalerei entnommen sind, ist kein Zu- 
: In dieser gleichsam intimeren Gattung waren Experimente 
glich, die man an den monumentalen Malereien der gleichen 
t noch vermied. Auch bot die Bilder- und Themenfülle illu- 
tierter Handschriften viel eher einen Anlaß zum Erproben 
er Fähigkeiten als die beschränktere und konservativere 
nographie der Tafel-, GlaS und Wandgemälde. 
' Zeichner jener Armenbibel etwa, die vermutlich um 1331 in 
sterneuburg entstand, hatte - wie wir wissen - eine um 
20 Jahre ältere Vorlage vor sich, aus der er seine Szenen fast 
Strich für Strich kopierte 1. Dennoch haucht er ihnen fallweise 
ein ganz neues Leben ein: anstatt sich mit der tänzerischen Zap- 
peligkeit der Figuren zu begnügen, die einer alten Formel für 
den Zustand seelischer Erregtheit entspricht, strebt er nach einer 
psychologischen Durchdringung, die uns den Vorgang auch dann 
deuten ließe, wenn er nicht durch die Pcrsoncnnamen bezeich- 
nel wäre. Ähnlich verschiebt der Illustrator des Schaffhausener 
Evangelienkommentares den Akzent vom Zeichcnhaften auf das 
Konkrete. Die Wunder, die geschahen, während Christus am 
Kreuze starb, werden mit der Unmittelbarkeit eines Augen- 
zeugenberichtes gesehen; die kleine menschliche Figur - ganz 
verkörperte Angst und von ferne an Edvard Munchs packende 
Formulierung des „Schreiens" gemahnend - erscheint in sol- 
chen Zusammenhängen eigenartig „modern", obwohl sie letzten 
Endes doch nur ein Bruchstück aus einer älteren ikonographi- 
sehen Tradition ist: ein „Verdammter" nämlich, wie ihn schon 
die Weltgerichtsdarstcllungen des 13. Jahrhunderts kannten. 
Hier schließen sich zwei etwas jüngere und aus dem gleichen 
niederösterrcichischen Gebiet stammende Handschriften mit 
ähnlichen Experimenten an. Der Illuminator, der die Bibel des 
Kustos Dietrich mit einem oft reproduzierten Titelbild 1 und mit 
zahlreichen, bisher noch völlig unbekannten Initialen schmückte, 
stand offenbar unter italienischem Einfluß. So verdankt er etwa 
die Anregung, seine Zierbuchstaben mit den verschiedenartig- 
sten „Charakterköpfcn" auszufüllen, dem Vorbild bolognesischer 
Dekretalcn-Sammlungen, wie sie damals auch in Österreich ge- 
kauft und benützt wurden. Worin er sie übertrifft, ist die Beob- 
achtung, daß ein menschliches Gesicht, von unten angcleuehtet, 
einen dämonischen Ausdruck gewinnt. Ein solcher Kunstgriff 
muß besonders in einer Epoche überraschen, deren Malerei sonst 
bestenfalls eine diskrete Schattenmodelierung, wie sie diffuser 
Beleuchtung entspräche, kennt, nicht aber den Lichteinfall aus 
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