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Full text: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 6)

ZISTERZIENSER UND BETTELORDEN 
ZUM WERDEN DER GOTISCHEN BAUKUNST IN NIEDERÖSTERREICH 
Von RICHARD KURT 
DON 
Schon in der Spätromanik hatte die Gotik, wenn auch nur bei 
vereinzelten Bauten, in Niederösterreich und in seine, mit ihm 
bis in die neueste Zeit verbundene Hauptstadt Wien Eingang 
gefunden. Aber erst die Zisterzienser und Bettelorden brachten 
auf breiterer Grundlage die Gotik ins Land. Vorerst die Gotik 
Burgunds, dem die ersten Klöster des von Robert von Molesmc 
1098 gegründeten und durch Bernhard von Clairvaux ausgebau- 
ten Zistcrzienserordens: Citeaux, La Ferte, Pontigny und Mari- 
mond, entstammten. In Loslösung von der feudalen Wirtschafts- 
ordnung betonten sie in einsamen, wenig kultivierten XValdtä- 
lern die handwerkliche Tätigkeit und die Feldbebauung, zu wel- 
chem Zweck sie vom Herrscherhause und reichen Adeligen ins 
Land berufen wurden. Sie nahmen auch zahlreiche Laienbrüder 
(Konversen) in den Ordensverband auf, mit denen gemeinsam sie 
den Boden urbar machten und auch in der Baukunst (Verein- 
fachung des Kirchenhaues durch Verzicht auf Türme, figurale 
Plastik, Vereinfachung des Grundrisses) in Verbindung mit 
technischen Neuerungen (Wölhungsbau, Tiefbau, Wlasserbau) 
bahnbrechend wirkten. 
Die Bcttelorden (Minoriten, Dominikaner, Karmeliter, Augu- 
stiner-Eremiten) wirkten im Gegcnsatze zu den Zisterziensern 
ihr askctisches Armutsideal in den neu aufstrebenden dichthe- 
völkerten Städten, wo sie ihre auf christlicher Lehre aufgebau- 
ten, sozialen Bestrebungen durch Beispiel und Wort verkündeten. 
Ihre weiträumigen Predigtkirchen folgten vor allem Vorbildern 
aus dem Norden Italiens und dem Süden Frankreichs. Da die 
Mendikantenorden aber weniger einheitlich, nicht durch ihre 
eigenen Angehörigen, sondern auch städtische Arbeiter bau- 
ten, wurden auch asketischc Baugcdanken der Zisterzienser ver- 
WENCI. 
Hatten die Zisterzienser im Langbaus ihrer Stiftskirche in Hei- 
ligcnkreuz noch die klassische Ausprägung romanisch-burgun- 
discher Bauideen nach 1235 im festen gebundenen System, aller- 
dings bei bereits gotischcm Höhendrang des Mittelschiffcs, ins 
Land gebracht, so hatten sie auch wieder als erste diese, bau- 
schöpferische Kräfte auf die Dauer beengende Bauweise verlas- 
sen und waren zu dem durch alle drei Schiffe laufenden Joch 
übergegangen, das sie in ihrer französischen Mutterkirche Pon- 
tigny bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts angewendet 
hatten. Die sogenannte durchlaufende Travee, bei welcher die 
Mittelschiffjoche, wie auch bei den nordfranzösischen Kathedra- 
len, immer schmäler querrechteckig wurden, brachte große 
Fortschritte für eine freiere, gotische Entwicklung, vor allem 
in dem raschen Aufeinanderfolgen von Arkaden und Gewölbe- 
jochen. Diese wurden aus konstruktiven Gründen zwangsläufig 
mit spitzbogigen Kreuzrippcn zum Unterschied von den ro- 
rnanisch quadratischen gewölbt. Während der noch ro- 
manisch rechteckige Chor der Lilienfcldcr Stiftskirche die frü- 
heste kirchliche Halle in Österreich darstellt und dem 1230 ge- 
weihten Kirchcnbau zugehört, ist das Langhaus einschließlich 
des in den älteren Chorbau eingebauten, in fünf Zehnecksciten 
geschlossenen Mittelschiffchores erst um die jahrhundertmitte 
entstanden, wofür auch die auffallende Übereinstimmung mit 
der unter dem Przemysliden Ottokar II, nach 1253 erbauten Zi- 
sterzienserkirche in Saar in Miihrcn spricht. 
Gleichzeitig mit dem Langhausbau von Lilienfeld setzen die 
Bettelordenskirchcn mit ihrem frühesten gewölbten Kirchen- 
bau in ganz Süddeutschland, mit der 1264 geweihten Minori- 
tenkirche in Stein ein. Sie klingt im unteren Teil noch an eine 
romanische Pfeilerbasilika im gebundenen System an, wird a 
im Mittelschiff schon mit frühgotischem seehsteiligen Gewi 
bedacht, das frü Äste dieser Art in Österreich, das dann 
Chor der Dominikanerinnenkirche in Imbach, später c 
Gruppe von Jochen im Südwestflügel des Klosterneuhur 
Kreuzganges, ferner der Chor und die Berhardikapelle in I- 
ligenkreuz sowie eine Reihe von Pfarrkirchen übernehmen. 
Bei der einstigen Basilika der Wliener-Neustädter Dominikat 
(heute Zisterzicnser Neukloster-) kirche werden vor 1300 ni 
mehr Pfeiler, sondern schon Säulen kreuzweise nach franz 
scher Art (Notre-Dame in Paris, Kathedralen in Soissons, C 
lons-sur-Marne, Dijon, Mantes, Bourges, Reims, Amiens) 
schweren Runddiensten besetzt, worin die spätromanis 
Chorherrenstiftskirehc (heute Domkirche) in St. Pöltcn (n 
1267) vielleicht vorangegangen war. 
Eine Weiterentwicklung der Basilika im Sinne der nordfr 
zösischen Gotik gab es nicht, denn schon frühzeitig setzte 
unserem Lande der Hallengedanke mit seinen gleich hol 
Schiffen sich fest. Hier ist Österreich für ganz Süddeutschl 
führend. Der spätromanische, aber schon frühgotisch hoch i 
kende Chor der Lilienfelder Stiftskirche halte die bei Prol 
räumen (Kapitelhaus, Mönchsoffizin, Frateria und Dorm 
rium in Heiligenkreuz) übliche mehrschiffige Halle erstm: 
auf einen kirchlichen Chorhau übertragen, der anscheinend 
Chor der Zisterzienserstiftskirche in Hradist in Böhmen ei 
Doppelgänger hatte. Der Chor von Heiligenkreuz (vor 12 
hatte dann die Hallenidee wohl unter erneuertem französiscl 
Einfluß in hochgotisch anmutenden Formen weitergeführt. 
sollten dann in Neuberg (1. Hälfte des 14. Jahrhunderts) bei 
gesamten Anlage einer Zisterzienserkirehe zur Anwendi 
kommen. Dazwischen schiebt sich nun eine Bettelordenskirt 
die der Dominikaner in Retz, welche die bisher nur bei Zis 
zienserchören angewendete Halle schon vor 1295 auf das La 
haus übertrug. Verhältnismäßig spät (1304-40) kommt die V 
ner Stcphanskirche im „AIbe-rtiniSChen" Chorhaus zur Ha 
Trotz manchen Zusammenhängen mit dem Heiligenkreuzerc 
(vor allem in der Bündelung und den Basen der Pfeiler) sind 2 
die Außenmauern weniger aufgelöst als in Heiligenkreuz. 
vermute, daß hier die leider abgetragene, schon 1290 gewei 
dreischiffige Hallenkirehe des Dominikanerinnenklosters 
Tulln, das als kaiserliches Frauenstift dem Herrschcrhause 
sonders nahestand, eingcwirkt hatte. jedenfalls ist das bewu 
Abweichen des Chores von St. Stephan von dem hasilikalen ß 
bau des Regensburger Domes ein Zeichen der hohen Selbst 
digkeit Österreichischen Kunstschaffens um 1300. 
In der Wiener Minoritenkirche kommt dann die Halleui 
bei fast quadratischen jochen und schlankeren Bündelpfeil 
ihrem Ziele einer beabsichtigten, fast richtungslos wirken 
Weiträumigkrit am nächsten, wie sie dann von zahlreicl 
Pfarrkirchen abgewandelt wird. Von dieser Grundform der d 
schiffigen Hallenkirche gab es Abweichungen, einerseits du 
Verbreiterung, anderseits durch Überhöhung des Mittelschif 
Die Bettelordcn der Augusliner-Erenliten, Dominikaner t 
Karmcliter (Kirche zu den neun Chören der Engel) in W 
und ungefähr gleichzeitig mit der Wfiener Augustinerkirche 
Zisterzicnser in Ncuberg verbreitetsten, wahrscheinlich in d 
Streben nach einem zentralen Predigtraum, das Mittelschiff 
genüber den Seitenschiffen. Eine auch technisch kühne Rat 
gestaltung, die Acneas Sylvius Piccolomini so sehr gefiel, 4 

	        

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