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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 9)

 
und sei sie noch so frei - auf bestimmte Harmonien und eine 
bestimmte Tonart bezieht, ein strenges Gefüge aufweist und in 
ihren Grundzügen vorher festgelegt wird. S0 hat der Saxo- 
phonist Colcman Hawkins an seiner „Picassoßlmprovisation, 
die etwa vicr Minuten dauert, acht Stunden „gearbeitct", bis sie 
eine ihn befriedigende Form gefunden hatte. Was die chinesische 
Kalligraphie betrifft - und es ist trotz seiner vagen Ausdrücke 
anzunehmen, daß sich Mathieu auf sie bezieht - so steht bei ihr 
keineswegs der Begriff der Schnelligkeit der Ausführung im 
Vordergrund. sondern die beiden Begriffe „Ya" und „Su". „Ya" 
heißt dabei etwa „geschmackvoll, elegant" und „Su" „gewöhn- 
lich", wobei sich der Begriff des Geschmackvollen, lilegantcn 
mit dem des Ausdrucksreichen verbindet, der nur durch lange 
Übung erreicht werden kann. Im übrigen nimmt die chinesische 
Kalligraphie Bezug auf bestehende Zeichen, auf Pictogramme, 
war anfänglich Darstellung des Gegenstandes. die sich erst durch 
Reduktion zum Idcogramm wandelte. Abgesehen davon, daß 
nach dem großen Sinologen Paul Pelliot die Kalligraphie nicht 
am Anfang der chinesischen Malerei steht, geht hier das Ab- 
bild und die Bedeutung dem Zeichen voraus, genau das Gegen- 
teil von dem, was Mathieu will und behauptet. Denn er möchte 
Zeichen setzen, denen keine Idee vorausgeht, will die Malerei 
endgültig von jedem Bezug zum Thema, zur Natur, zu einem 
Schönheitskanon lösen, sie „befreien". Der sogenannte „schöpfe- 
rische Akt" des Malcns selbst wird Gegenstand des Malcns, die 
Gebärdc, die Schnelligkeit, die Gymnastik der Exekution. Das 
ist nach ihm die „wahre schöpferische Freiheit". 
Erst damit sieht er das „schwere jochh aristotelischen und pla- 
tonischen (hcllenischen) Geistes, das auf dem Abendland 
„lastet", abgeschüttelt, des Geistes, der seit dem 13. Jahrhundert 
die Dekadenz unserer Zivilisation und vor allem die „geistige 
Verkalkung der Renaissance: Botticelli. da Vinci, Raphael, Ti- 
zian", verursacht habe. 
Worin nun drückt sich für Mathieu dieser Geist aus, gegen den 
er im „Aufstand gegen die Väter" sein Verlangen nach absoluter 
und bindungsloser Freiheit plakatiert? Seiner Meinung nach 
darin - und hier zeigt sich „le terrible simplificateur" -, daß 
in ihm der Mensch das Maß des Kosmos bestimmt und „ver-
	        

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