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Volltext: Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 9)

hauslehren gegenüber unzugänglich zeigten. Denn eben weil 
die Ergründung nicht anders als die Darstellung des Bezuges 
auf die Erseheinungswelt bedurfte, blieh die bildnerischc Aus- 
einandersetzung mit ihr nach wie vor das Um und Auf der 
Schulung. 
Einzig auf dem Gebiet der mit der Entwicklung der 'f"eelinik 
immer dringlicher werdenden Formung der industriell gefer- 
tigten Gebrauchsgüter fanden, zumal nach dem Zweiten Welt- 
krieg, die inzwischen geläuterten Bauhatls "GrundlehreTMetho- 
den Eingang, weil hier ohne spekulative Gedanklichkeit eine 
früher oder später zu leistende Synthese von konstruktiver 
Funktionsform und bildnerischer Seinsgestalt fast unerläßlich 
ist. Wie weit daher nicht überhaupt zugunsten solcher Syn- 
thesendringlichkeit bei gleichzeitiger Erlahmung und Rück- 
läufigkeit des Interes: s an der „freien" Kunst die gesamte 
bildnerische Nachwuchsschulung nach der Synthesenbildung hin 
  
Streckung der in ihnen selbst enthaltenen und zunächst noch 
verborgenen Gestaltanträge zu verfahren ist. 
Ein Vergleich zwischen den WelthiId-Situationen im Mittel- 
alter und in unserem spezifischen lleute macht das vielleicht 
noch klarer, während die dazwischenliegenden Stationen der 
„Darstellung und Ergründung" eher verwirrend wären. Das 
Mittelalter aber ist sozusagen der echte Gegenpol, die echte 
Enlsprechungslage zu unserer Situation. Denn damals wurde die 
Welt als „Gottes Schöpfung" im Sinne der Genesis verstanden 
und vorgestellt. Nachdem jedoch der Mensch in den Zwischen- 
phasen die Welt erobert (und sich damit die Fähigkeit. sie dar- 
zustellen errungcn) und sie anschließend aufgeschlüsselt (also 
ergründet) hat, was der Verwandlung der „Sehöpfungf in eine 
Art von Nutz- und Sachwert gleichkam, stellt sich nun wieder 
die Potenz der Schöpfung, und zwar eben als das Wirken der 
Gestalt- und Ordnungs-lntentionen innerhalh der „gesehaflt-ncn" 
 
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tendieren und die Ausbildung zur „freic-n" Kunst nur noch als 
einen Annex dazu behandeln sollte, ist eine zweite Frage, die 
hier jedoch nicht näher erörtert werden soll. Es ist und kann 
hier einzig von den Ausbildungsstätten für die freie Kunst die 
Rede sein. 
In diesen Schulen jedoch steht auch heute noch das Darstellungs- 
und Ergründungsprogramm obenan, als ob sich inzwischen 
nichts geändert hätte. Das und das allein ist die Ursache zu 
den eingangs zitierten Schwierigkeiten und Konflikten. Denn 
wenn die jungen Leute auch noch nicht wirklich wissen sollten 
und können, um w: es geht, das eine wissen sie. daß mit der 
darstellenden oder ergründenden Bewältigung von Erscheinungs- 
welt oder gar mit irgendwelehcm "sthetischem Arrangement in 
der freien Kunst nichts Neues im Sinne von neuer bildnerischcr 
lirkenntnis- und Siehtbarmachungsleistung mehr geschaffen 
werden kann. Auch spüren viele von ihnen schon, daß es für 
sic auf die bildnerisehe Abtastung der Wirklichkeit und auf 
ihre persönliche Übereinstimmung mit deren objektivcm Ge- 
staltverlangen ankommt. Ist es da verwunderlich, dafi sie wia 
derspenstig werden? 
In der Tat gewinnen erst solche Lehrmethoden wieder einen 
aktuellen und verbindlichen Wert, die einer theoretischen und 
praktischen Erfahrung des Bildnerisehen an sich den Weg be- 
reiten, des Bildnerischen nämlich als einer Weise der Lebens- 
wirklichkeit schlechthin, soweit wir ihrer im „Stoff", in der 
Farbe, der Linie, der Fläche, im Rhythmus und als RIiumlichA 
keit habhaft werden können. In diesem Zusammenhang frei- 
lich sind die Farben, um nur sie als Beispiel herauszugreifen, 
keine Materialien im Hinblick auf irgendwelche Darstellungs-, 
lnterpretations- und Formalzweeke mehr, sondern sie werden 
als lebendige Wesen und Wirklichkeiten mit eigenen (in-hallen 
und Aussagequalitäten offenbar. Wie alle anderen zum liins ' 
kommenden bildnerischen Mittel und Elemente also sind sie 
schon an sich und als solche Gleichnisträger und wvokabcln", 
mit denen nicht mehr von einem außerhalb von ihnen gelegenen 
Konzept her „ vediebtet" und „komponierf wird. sondern 
geradezu "exekutiv" im Sinne einer Durchführung und Voll- 
 
 
 
Welt ein und dar. Es geht also tatsächlich nicht mehr um eine 
bloße „GlaubensWVorstellung von der Schöpfung, sondern um 
eine durchaus bewußte und zugleich gehorsam mitvollziehcnde 
Erfahrung und Anteilhaftigkeit an jenen Intentionen. 
Einen weiteren Aufschluß können die Worte „Skiz2e" und „Stu- 
die" auf der einen und „Übungf auf der anderen Seite bieten., 
Skizzen und Studien macht man auf ein bereits im Konzept be_ 
stehendes Form- und Bildziel hin. Übungen hingegen nicht allein 
um einer manipulierenden Fertigkeit in irgendeiner bildneri- 
sehen Verfahrensweise willen, sondern auch und vor allem, um 
von deren Schwierigkeiten frei zu werden und so zu einer me- 
ditativen Anteilhaftigkeit an Geist und Wesen der in der Ver- 
fahrensweise zur Gestalt drängenden Mittel zu gelangen. Wenn 
Studien und Skizzen natürlich auch derartige Ziele für sich in 
Anspruch nehmen, so bleiben sie im Grunde doch und ihrem 
eigentlichen Zweck nach Versuche auf eine Besitzergreifung hin, 
während die Übungen als Lockerungen, eben als Freiwerclungen 
auf eine gleichsam empfangende Bereitschaft hin zu gelten 
haben. Sie wollen und sollen den Übenden dazu befähigen, mit 
dem Wesenskern der Übungswelt eins zu werden und sich aus 
ihm heraus und mit ihm im Bildtun zu vollziehen. 
Von hier aus stellt sich die passive (oder auch aktive) Resistenz 
gegen den üblichen Kunstsehulbetrieb erst recht als Widerstand 
gegen eine Fehlleitung „von oben" dar. Klassen- oder gar 
generationsweise, aber auch schon Obstruktion geweckter Ein- 
zelner ist stets das Zeichen dafür, daß ein System versagt. Denn 
würde man, statt auch heute noch die für Darstellung und Er- 
gründung nötige Auseinandersetzung mit der bloßen Erschei- 
nungsweise der Natur die mit den bildnerischen Mitteln und 
dem reichen Sprachschatz ihrer Aussagequalitäten pflegen, so 
wäre die lebhafteste Resonanz fast aller, die sich jetzt „unbe- 
lehrbar" zeigen und mit oft lächerlichen Klecksereien herum- 
zustümpern für richtig halten, wahrscheinlich, wenn nicht gar 
gesichert. Was hier demnach verfehlt wird. fällt auf die Lehrer 
und sie allein zurück, wie sie sich auch nur selber treffen, wenn 
sie die unbeholfen-kläglichen, weil völlig ungeführten Mach- 
werke der „Faulen" mit ihren Spott verfolgen. 
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