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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 1 und 2)

Der Schreiber dieser Zeilen möchte aus seinen brasiliani- 
schen Erfahrungen berichten und sogleich auf die Frage, 
0b die vorn österreichischen Biennale-Kommissär eine 
geschlagene Ausstellungspolitik wirksam war. die klare 
Antwort geben: ja, sie war wirksam, wie die Verleihung 
des „SanbrzW-Preises im Werte von 50.000 Cruzeiros an 
den österreichischen Maler Fritz Hundt-rtwasser be- 
weist. Daß dagegen der in Sao Paulo zwar von vielen, 
Seiten gewürdigte und geschätzte Bildhauer Rudolf 
H 0 f l e hn e r ohne Preis ausging, ist auf eine unerwar- 
tete Reihung ungünstiger Umstände zurückzuführen. 
Vom Bundesministerium für Unterricht beauftragt, den 
österreichischen Ausstellungskommissär, Unim-Professor 
Dr. Vinzenz Oberhztmmer, in Brasilien zu vertreten und 
die österreichischen Exponate zu placiercn, hatte ich in 
fast dreiwöchigem Aufenthalt vielfach Gelegenheit, mit 
Persönlichkeiten der Biennaleleitung, so mit ihrem Prä- 
sidenten und Mäzen Francisco Matarazzo-Sobrinho, mit 
dem Generalsekretär Profili, dem Präsidenten der jury 
dell Aqua, den Muscumsdirektoren Grote, Hammacher, 
Davis, Gomez-Sicre, Mendes de Almeida, Lourival Go- 
mes Maehado, Porebski, Hulten, Celebonovic, Tokudaiji 
und anderen ins Gespräch zu kommen, deren Beurteilung 
der österreichischen Auswahl zu vermerken, aus ihren: 
Wertungen Schlüsse auf eine zukünftige Biennale- Politik 
zu ziehen. , 
Um weiter in Sao Paulo mit Preisen rechnen zu können 
(die Aussicht hiezu wird immer geringer, da Österreich 
schon durch eine Reihe von Jahren mit größeren und 
kleineren Prämien bedacht wurde) ist eine Straffung des 
Ausstellungsprogrammes gewiß unvermeidlich. 
Die Zeiten der Querschnitv, um nicht zu sagen, Durch- 
schnitt- oder Proporz-Ausstellungen, das heißt also: Ent- 
sendung einer größeren Anzahl von Künstlern mit je nur 
fünf bis acht kleinen Werken, dürften wohl definitiv 
vorbei sein. Man muß sich stets vorstellen, daß auf; 
dieser schon annähernd der Biennale von Venedig 
an Bedeutung gleichenden gigantischen Ausstellung 
tausende von Bildern präsentiert werden. Wenn ein 
Künstler in einem Ozean von Formen und Farben nicht 
deutlich „herausgestellF, in der Exposition noch einmal 
auffällig exponiert wird, muß er von den Fachleuten, 
wie erst recht vom Publikum, übersehen werden. Die von 
Professor Oberhammer zum erstenmal in voller Absicht 
und Deutlichkeit zum Ausdruck gebrachte Idee, zwei 
Künstler mit einer wesentlichen Auswahl von großfor- 
matigen Werken ins Zentrum zu setzen, hat sich be- 
währt. Andererseits dürfen und sollen die neben den 
„Stars" Ausstcllenden nicht zu „Füllseln" degradiert wer- 
den. Eine Biennale verlangt, wie großes Theater, sorg- 
fältige Vorbereitung und auch etwas Regie. Möglichst 
auch eine Planung auf lange Sicht. Selbst kleinere Rollen 
gehören mit gewissenhaft ausgesuchten Künstlern be-' 
SCIZI. 
llundertwasser mit acht großen Malereien, Hoflehner 
mit vierzehn Skulpturen aus massivem geschmiedetem 
Eisen, (darunter nur fünf kleinere) sind in der Riesen- 
halle des mehrere hundert Meter langen, drei Stock 
hohen Nicmeyer-Baues von Sao Paulo so deutlich prä- 
sentiert worden, daß sie geradezu eiligen Besuchern den 
Weg verstellt haben. 
Um Hoflehners Eiscngiganten die beste Wirkung zu 
sichern, war geplant, Sockel aus rohen Ziegeln zu bauen, 
diese an der Innenseite nur leicht durch Mörtel verhun- 
den. Nach tagelanger Maurerarbeit sollte der erste Riese 
von mehreren 100 kg Gewicht durch vereinte Kräfte von 
acht Arbeitern auf einen Sockel gestellt werden, wo er, 
- Moment, der in der Erinnerung heute mit einer 
Dosis Komik vermischt bleibt, damals jedoch Kopfweh} 
und schlaflose Nächte bereitet hat - die weichen bra- 
silianischen Ziegel sogleich wie mürbes Biskuit zer- 
quetschte, so daß die Sockel ein zweites Mal solider auf- 
gebaut werden mußten. 
Hoflchners Unglück war sozusagen der sehr ehrenvolle 
Platz Österreichs, inmitten der Biennale-Großmächte 
(links und rechts, England und Deutschland, gegenüber 
Italien und Spanien) in unmittelbarer Nachbarschaft der 
englischen Bildhauerin Barbara Hepworlh. In einer 
höchst suggestiven Weise verstanden es die Engländer 
(deren Biennale-Politik schon mehrere Male in Venedig 
durch kluges Dosieren und geschicktes zur Schau stellen 
der spezifisch englischen Werte, sich bestens bewahre 
hat) auch in Sao Paulo auf insgesamt dreißig Werke ihrer, 
Kandidatin Barbara Hcpworth so nachdrücklich auf- 
merksam zu machen, daß den Juroren mit aller Selbst- 
verständlichkeit nahegelegt wurde, dieses imponierende 
Lebenswerk einer weltbekannten Künstlerin fordere den 
großen Biennale-Preis. Die Jury zog auch wirklich Bar- 
bara Hepworth's Werk dem des österreichischen Bild- 
hauers Hoflehner und dem des Italieners Somaini vor, 
weil anscheinend manche der glatten „klassischen" po- 
lierten, in ihrer Art perfekten Formen, im Ocuvre der 
Engländerin einem Forum, in dem die lateinischen Na- 
tionen bestimmend sind, eher zusagen mußte als Hof- 
lehners im alpinen Bereich gewachsene, vielleicht auch 
etwas sprödere, nicht so leicht zugängliche Art. 
Der Erfolg Hundertwassers ist dagegen recht einfach zu 
erklären: jede Biennale drängt durch die Vielzahl ihrer 
ausgestellten Werke dem Besucher rasch das ungute Ge- 
fühl einer Nivellierung auf. Der Betrachter wird durch 
zu viel rasch Gleichartiges ermüdet. Hundertwasser aber 
ist es gelungen, sich deutlich von aller Mittelmäßigkeit, 
von jeder Generallinie abhebend, etwas spezifisch Oster- 
reichisches, eine überraschend legitime Fortsetzung der 
Linie Klimt-Schiele den ebenso erstaunten wie erfreu- 
ten latein-amerikanischcn Kunstfreunden vorzudemon- 
strieren. 
Aus dem Experiment Sao Paulo darf wohl die Schlußfol- 
gerung gezogen werden: in zukünftigen Biennalen 
Künstler nur mit einer größeren Anzahl von Werken 
vorzustellen, „Nachexerziercn" von Ideen früherer Bien- 
nalcn zu vermeiden. Nur eine kleine, wohlausgewählte 
Gruppe mit deutlich profilierter persönlicher Eigenart 
und österreichischer Note hat in reizüberfluteten Riesen- 
Veranstaltungen wie Venedig, Sao Paulo, Pittsburg oder 
Tokio, wo sich nach harten Gesetzen sehr rasch Stär- 
keres von Unbedeutendem abheben muß, wirklich Aus- 
sicht auf Erfolg. 
1 Fritz Hundertwasscr, Der große Weg - 
158 X 158 cm, 1955 
Mischlechnik, 
2 Fritz Hundcrlwasser, Vegelairakcte _ Mischlechnik, 51 mal 
25 cm, 1956. Eigentümer: Bundesministerium für Unterricht 
20
	        

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