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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 1 und 2)

 
Eine moderne 
Wiener Wohnung 
FRANZ W'INDlSCH-(}R.ÄE'I'Z 
DIESMAL BRINGEN WIR BILDER EINER WOHNUNG, BEI DEREN EINRICHTUNG BEWUSST AUF DIE 
VERWENDUNG ALTEN MOBILIARS VERZICHTET WURDE. DAFÜR HANDELT ES SICll AUSSCHLIESS- 
LICH UM SOLCHE MOBEL, DIE VON WIENER ARCHITEKTEN IN NEUER UND NEUESTER ZEIT 
ENTWORFEN WURDEN. 
Wer die großen Architekturzeitschriften auf die darin, 
enthaltenen Interieurs hin ansieht, wird feststellen kön- 
nen, daß zum überwiegenden Teil Wohnungen abge- 
bildet sind, die durchwegs von Architekten geplant wur- 
den; schon gar, wenn es sich um die Inneneinrichtung 
eines Einfamilien- oder Landhauses handelt. Ohne Zwei- 
fel sind diese Wohnungen wegen ihrer künstlerischen 
Geschlossenheit als vorbildliche Leistungen und wich- 
tige Dokumentationen der modernen Innenarchitektur 
anzusehen und somit als Anregungen von höchstem Wert. 
Aber sie stellen doch in jeder Hinsicht hohe Ansprüche 
und gehen von verhältnismäßig exklusiven Voraus- 
setzungen aus. In der Mehrzahl der Fälle verhält es sich 
doch so, daß man, was die Raumverhältnisse anlangt, vor 
gegebenen Tatsachen steht, mit denen man sich, abge! 
sehen von geringfügigen Veränderungen, abfinden muß; 
und daß man dann die Einrichtung der Wohnung selbst 
in die Hand nimmt, sie nach eigenem Gutdünken und 
Geschmack gestaltet. , 
Bei der abgebildeten Wohnung handelt es sich um 
einen solchen Fall. Sie befindet sich in einem alten 
Haus der Wiener Innenstadt, das von den monumen- 
talen Bauwerken des Barock umgeben ist. Ihre Räume 
haben Ausmaße, die den Ansprüchen und dem Lebens- 
gefühl einer völlig anders gearteten Zeit, dem wohl- 
situierten 19. Jahrhundert mit seinem herrschaftlichen 
Aufwand, entsprachen; und dennoch ist es möglich ge- 
worden, in dieser Umgebung und unter diesen Bedin- 
gungen eine Wohnung entstehen zu lassen, die ganz und 
gar den Stempel unserer Zeit und der heutigen Lebens- 
art trägt. Die Einrichtung der beiden Zimmer, die wir 
zeigen, umfaßt Möbel, die aus den letzten vier jahr- 
zehnten stammen. Dabei waren die Besitzer der Woh- 
nung bemüht, für deren Möblierung ausschließlich solche 
Stücke zu verwenden, die von namhaften Wiener Ar- 
chitekten und Künstlern entworfen worden waren. 
Da gibt es einen Rahmen von Dagobert Peche, dem 
Antipoden Josef Hoffmanns in der Wiener Werkstätte. 
Denn Peche versuchte. die Sachlichkeit, der sich jene 
Zeit verschrieben hatte, mit barocken Formen, Remi- 
niszenzen an die große Wiener Vergangenheit, zu ver- 
schmelzen. Diese kontradiktorische Verbindung von 
kühler Strenge und bewcgtem Ornament gibt allen sei- 
nen Werken eine Note preziösen und perfekten Kunst- 
gewerbes. Wie ganz anders ist der Charakter der Lehn- 
sessel von Josef Frank. lIier geht es vor allem um die 
Bewältigung der praktischen Erfordernisse in klarer 
Form. Jede Einzelheit ist daraufhin durchdacht und alles 
zu einem wohlproportionierten Ganzen gefügt. Aber 
auch hier ist in der Anlehnung an angelsächsische Vor- 
bilder ein traditioneller Einschlag verarbeitet. Es be- 
steht kein Bruch mit der Vergangenheit. sondern Kon- 
tinuität. Obwohl 30 Jahre älter als die übrigen Möbel, 
fügen sie sich harmonisch der Umgebung ein. Denn auch 
bei dem aus den späteren und letzten Jahren stammen- 
den Mobiliar geht es stets um das gleiche Prinzip, - 
der Funktion ohne jeden Aufwand mit ruhigen Formen 
zu dienen, die dem Auge wohltun. Dabei - und das ist 
formgesehichtlich nahelicgend, - sind Anklänge an die 
Möbelkunst des Klassizismus, was die Feingliedrigkcit 
und die betonte Wirkung schöner Holzflächen betrifft, 
nicht von der Hand zu weisen. Da diese Möbel die Mo- 
derne nieht utriert und modernistisch verspielt dar- 
stellen, können wir ihnen das Zeugnis einer für unsere 
Zeit gültigen Formgebung ausstellen. Allen Möbeln die- 
ser Wohnung ist gemeinsam: die Schlichtheit und das 
Wienerische, das bei aller Zeitniihe doch die Vergangen- 
heit nie ganz aus den Augen läßt. Hier berühren wir den 
Punkt, warum wir unsere Leser mit dieser Wohnung 
bekannt machen: weil hier mit Erfolg der Versuch unter- 
nommen wurde, eine harmonische Ensemblewirkung zu 
erzielen und weil diese Einrichtung eine ausgewählte 
Dokumentation der Wiener Möbelkunst der letzten 
dreißig Jahre bildet. 
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