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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 4)

 
 
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teilung, wie sie die Porträts der älteren Generation noch 
in den aufgeschlitzten Ärmeln bewahrt hatten, ist nun 
der einheitlichen geschlossenen Form gewichen. Der cin- 
fach geschnittene Rock, der die Weste und zum größten 
Teil auch die Hose verdeckt, bot reichen Stoffen und vor 
allem einer üppigen Stickerei Gelegenheit zu voller 
Entfaltung. 
Der wesentliche Wandel. der den Gesamteindruck des 
Kavaliers am Ende des I7. Jahrhunderts entscheidend 
veränderte, vollzog sich in der Haartracht und der da! 
mit wieder eng zusammenhängenden Form des Kragens. 
Schon Ludwig XITI. hatte sich der Perücke bedient, die 
um 1700 ihre größte und reichste Form in der Allonge- 
perücke erhielt. Die reiche Fülle des kunstvoll gelock- 
ten Haares, das weit über die Schultern herabreichte, 
beraubte den breiten Kragen seiner Wirkung. Sein Er- 
satz, auch was die luxuriöse Verwendung von Spitzen 
anlangt, wurde die Krawatte, deren breite finden in dem 
oben geöffneten Rock sichtbar werden. Bis zur Mitte des 
18. Jahrhunderts sind die feinsten und schönsten Meister- 
werke der französischen Näh- wie der niederländischen 
Klöppelspitzen für diese Krawattenenden und Man- 
schetten geschaffen worden. 
Es ist eigenartig zu beobachten, wie in demselben Zeit- 
raum, da die Herrenmode zu voluminöserer Gestaltung 
fortschreitet, für die Damen die schmale Silhouette auf- 
kommt. Die breite Frisur, der weit abstehende Kragen 
und der von den Hüften ausladende Rock weichen den 
hängenden Lockemdem breiten Decellete und dem unver- 
steift in Falten gelegten Rock. Das Bildnis der Schwester 
des Grafen Ferdinand Bonaventura, Maria Elisabeth Grä- 
fin Waldstein (Abb. 8) zeigt vollendet die elegante 
schmale Modelinie. ln der allegorischen Auffassung des 
Porträts als Diana entspricht sie einem weitverbreiteten 
Typus, auch in der betont einfachen Ausführung des 
Kleides ohne Stickerei und Spitzen. Bezeichnenderweise 
entspricht das Kleid demjenigen, das die Kaiserin 
Claudia Felicitas auf ihrem 1672 datierten Bildnis 
von Carlo Dolci trägt. Entgegen der sonst so ge- 
ringen Wirkung, die Kleiderverordnungen und Lu- 
xusverbote an den europäischen Höfen ausübten, könnte 
man in diesen Kleidern, die selbst den Rand des 
Ausschnittes nur mit einem einfachen Batisttuch dra- 
pieren, den Niederschlag des schon 1633 von Lud- 
wig XIII. erlassenen Spitzenverbotes sehen, wie es 
Abraham Bosse in einer Reihe von satirisch gefärbten 
Stichen illustriert hat, die die Hofgesellschaft zeigen, 
die ihren reichen Spitzenschmuck ablegt und sich dem 
königlichen Gebot folgend ganz einfach kleidet. 
Ein eigenartiges Bild ergibt sich beim Vergleich dieses 
Kleides mit denen, die die Gräfin johanna Thcresia, Ge- 
mahlin des Grafen Ferdinand Bonaventura und ihre 
Tochter Maria Josepha auf ihren Bildnisse-n tragen. 
Allein nach den Lebensdaten der Dargestellten (geb. 
1664) kann das letztere (Abb. 9) nicht vor 1680 entstan- 
den sein. Von der einfachen Frisur mit seitlichem Schei- 
tel und breiter Schmuckspangc über den Schnitt des 
Kleides bis zur Form und Anbringung des Schmuckes, 
der großen Brosche und der am Mieder angehängten Uhr 
stimmt jedoch dieses Bild mit dem Porträt der Herzogin 
von EI Infantado aus dem Jahr 1655 überein, zeigt also 
eine Mode, wie sie in Spanien eine ganze Generation 
früher getragen wurde. Nur in Einzelheiten, wie dem 
schweren Relief der Spitzen, verrät sich die späte Ent- 
stehung, die modische Gesamterscheinung dagegen 
würde es nahclegcn, dieses Bild zeitlich eher noch vor 
das der Gräfin Waldstein einzuordnen, aber keineswegs 
wesentlich danach. Angesichts der mehrfachen jahre- 
langen Aufenthalte des Grafen Ferdinand Bonaventura 
als kaiserlicher Gesandter in Madrid, möchte man hier 
wohl an eine unmittelbare Übernahme spanischer Mode 
denken. Betrachtet man dazu das Bildnis der Mutter der 
Gräfin Maria josepha, johanna Theresia (Abb. 10), so 
wird der Unterschied besonders deutlich. Die schmale 
hochaufgetürmle Frisur, in Paris seit den achtziger 
jahren als Fontange bezeichnet, der tiefe, von einer 
zarten Spitze umsäumte Ausschnitt, die bis zum Ella 
bogen verkürzten Ärmel, mit gefältelter Spitze besetzt, 
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