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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 6 und 7)

gen Bildauffassung, die Gauguin im wesentlichen schon 
in Frankreich entwickelt hatte, aber erst hier zur vollen 
Entfaltung brachte. 
Die totemartigen Plastiken der Südseegötter müssen ihm 
wie Vorstufen seines Wollens erschienen sein, und er 
begann monumentale Schnitzereien auszuführen. In der 
Bretagne hatte er sich mehr an kleineren Objekten, Holz- 
schuhen, Pfeifen, Spazierstöcken, aber auch Keramiken 
versucht, auf Tahiti, das 01'189} völlig mittellos veif- 
lassen mußte, entstanden Plastiken von monumentaler 
Wucht. Und noch eine Technik war für Gauguin inter- 
essanter geworden: Der Holzschnitt. Die Blätter der 
Jahre 1894 und 1895, die Gauguin, Dank einer Erb- 
schaft, sorglos, allzu sorglos. wie sich bald zeigte, in 
Paris und der Bretagne verbrachte, stellen mit ihrer 
extremen Reduzierung auf einfache Formen, mit ihrer 
Umkehrharkeit von Licht und Schatten und der eigen- 
artigen Technik des Mehrmaldruekcs nicht völlig aus- 
gefärhtcr Stöcke eine für die Graphik des 20. jahr- 
hunderts nicht zu unterschätzende Anregung dar. 
Wieder blieb der erhoffte Erfolg aus, und nachdem der 
einst so klug rechnende Bankmann alle Mittel verbraucht 
und eine Versteigerung seiner Bilder so gut wie keinen 
Erfolg gebracht hatte, kehrte er 1895 Europa für immer 
den Rücken. Schwieriger als vor Jahren schien er sich 
diesmal in der Südsee einzugewöhnen. Gauguin wurde 
krank, setzte sich mit polemischen Zeitschriften in 
Gegensatz zu der offiziellen Gesellschaft und fand zu- 
nächst auch künstlerisch sich nicht zurecht. Der vitale 
Mann, der nie ohne Frauen leben konnte, der mit Matro- 
sen Raufhändel angefangen hatte und ein fester Trinker 
war, wollte verzweifelt aus dem Leben scheiden. Ein Arzt 
auf Tahiti, einige Freunde in Paris, die, nicht immer zu- 
verlässig, seine Angelegenheiten betrieben und ihn mit 
Geld versorgten und schließlich eine Bürostcllung im 
Katasteramt halfen ihm über diese Krise, von deren kör- 
eprlichen Folgen er sich allerdings nie erholte. 
1901 übersiedelte Gauguin auf die kleine Marquesas- 
Insel Hivavoa, schuf sich nochmals ein Heim, das er 
„Haus des Genießens" nannte, und malte Bilder, die trotz 
ihrer exotischen Themen die Linie der französischen 
Malerei von Poussin über Ingres, Puvis de Chavanne und 
Cezanne, die er alle hoch schätzte, weiterführen und mit 
der Kunst unserer Tage verbinden. Er gewann dem Holz- 
schnitt durch das Mitspielenlassen der weichen Druck- 
stöcke neue Ausdrucksmöglichkeiten ab und entwickelte 
 
eine eigene Technik, die der heute so beliebten Mono- 
typie weitgehend entspricht. Aber die dauernden Schwie- 
rigkeiten mit den Kolonialhchörden wegen seiner Ein- 
geborenenfreundlichkeit und sein durch Krankheit ver- 
wüsteter Körper erlaubten ihm keine lange Ruhezeit und 
am 8. Mai 1903 starb Paul Gauguin, von den Kanakcn 
betrauert, von Europa fast vergessen. 
Wie viele schöpferische Naturen hatte Paul Gauguin 
versucht, seine Aussage auf verschiedenen Gebieten zu 
formulieren. Theoretisch in den Briefen schon lange vor- 
bereitet, iaßte er in dem aphoristischen Buch „Avant et 
Apres" seine Kunstlehre noch einmal zusammen. Diese 
Gedanken sind, ungeachtet der Wichtigkeit seiner Bilder, 
Plastiken und Graphiken, in denen er den Blick frei- 
machte für das Ursprüngliche, Primitive und in denen er 
im Laufe weniger Jahre den Sprung vom Vor-Impressionis- 
mus zu einer Inhalt und Form verbindenden Ausdrucks- 
kunst vollzog, wohl eines der für die Kunst des 20. jahr- 
hunderts wichtigsten Fundamente. Dadurch halte Paul 
Gauguin in wörtlichem und in tieferem Sinne den Weg 
bereitet für die moderne Malerei. 
1 Landschaft bei Arles. 1888. John Herron Art Institute, 
Indianapolis, USA. 
2 PMau-Parau (Die Unterhaltung). 1892. Sammlung Mr. und 
Mrs. john Hay Wilhney, New York. 
3 T: Poipoi (Der Morgen). 1892. Sammlung Mr. und Mrs. 
Charles S. Payson, New York. 
4 Blumen und Früchte aus Tahiti, Um 1895. Sammlung Nnthan 
Cummings, Chicago.
	        

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