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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 8)

 
4 Maurice Utrillo, Bcrlioi Haus au! 
dem Mnntmarlrc (La rue du Mont- 
Cenis). 
5 Marc Chngall, Die in eine Frau 
verwandelte Katze, Radierung nach 
La Fontaine. 
6 Paul Klee, Agnus Dci. 
typus, das Urbild aus der Zeitlosigkeit, aus einem für 
uns nur denkbaren, nicht erlebbaren Bereich herabsteigt, 
herabsinkt und eintaucht in die Zeit und in der Zeit zu 
leben beginnt, in ihr individuelle, einmalige, subjektive, 
ja auch zufällige Züge annimmt, und damit „Sehicksal" 
bekommt. Diese individuellen Züge, die es in seiner 
konkreten Gestaltwerdting gewinnt. machen uns das Ur- 
bild erlebbar, greifbar, geben ihm Realität - ohne daß 
es deswegen seinen Charakter als Urbild verlöre. 
Poesie ist das Ewige in seiner Zeitliehkeit, im Gewand 
des Unwiederholbaren, Unverwechselbaren, Einmaligen, 
Vergänglichen. Sie ist die Gottheit in ihrem bunten, 
lebendigen Kleid. Das menschliche Herz hängt am Ver- 
gänglichen, an den Konstellationen des Augenblicks 
mehr als am Absoluten. Die jüdische Religion spricht 
in diesem Sinne vom "Knoten des Herzens". 
Ein Stück Flitter, von der Hand der Geliebten berührt, 
wird dem Herzen kostbar. Oft lieben wir eine Neben- 
sächliehkeit zuerst an einem Menschen, die Farbe seines 
Schals, den Klang der Stimme, Dinge, die in uns Asso- 
ziationen wachruien. Das menschliche Herz ist wie eine 
schöne Frau: wankelmülig und leicht zu täusehemDarum 
wendet sich die moderne Kunst so oft gegen die Trun- 
kenheit des Herzens. Sie möchte frei werden von allen 
Täuschungen, sie sucht etwas Umfasscndcres, Gültiger-es 
- Edgar Allen Poe nennt es zuweilen Seele, fügt aber 
immer hinzu: „nicht Herz". Baudelaire sagte: „Die Emp- 
findungsfähigkeit der des Herzens ist dem dichterischen 
Arbeiten nicht günstig", wohl aber die „Empfindungs- 
fähigkeit der Phantasie". 
Verzweifelt und großartig sind die Versuche, die Kunst 
aus ihrer irdischen Verklammerung zu lösen und zum 
Absoluten hinzuführen, in eine Zone hoher geistiger 
Klarheit, die Baudelaire, Mallarme, Valery, die Paul 
Cezanne und Piet Mondrian geschaut haben. Das Feuer 
des Intellekts kann nur brennen, wenn die Zuckungen 
des pochenden Herzens überwunden sind durch äußerste 
Selbstdisziplin, Ruhe, Gleiehmall, mathematische Ge- 
nauigkeit. Paul Klee sah die Vergeblichkeit dieser Ver- 
suche; „Kunst geht an der letzten Richtigkeit vorbei." 
Poetische Kunst kann nicht absehen von all der llcrr- 
lichkeit und Einmaligkeit dieser unserer Welt. Sie bleibt 
an das Leben, an das pochende Herz und seine Schmer- 
zen, an das „vergängliche, ausrottbare, ewige Fleisch", 
wie Faulkner sagt, gebunden, an all diese wunderbaren 
Gegensätzlichkeiten. 
Zwei Merkmale unterscheiden das Poetische von der 
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