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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 9)

auch wenn heute mancherlei unter- 
nommen wird, Plastik und Aktion 
zur Deckung zu bringen, wie das 
nicht zuletzt fast alle ausgesprochen 
abstrakten Eisenplastiker versuchen. 
Die XXX. Biennale weist nun, wenn 
man von den typischen Klischee-Fi- 
guren der meisten Ostblockländer 
absieht, für die es offensichtlich 
keine bildnerischen Probleme, son- 
dern nur solche der Propaganda und 
der Organisation gibt, vier Haupt- 
artcn der Plastik vor. Da ist zu- 
nächst einmal der geistige Vater des 
Plastischen als solchem, Constantin 
Brancusi, zu erwähnen, dem die 
Biennale eine gut gewählte kleine 
Gedächtnisausstellung eingeräumt 
hat, die den Weg Brancusis zum 
Plastischen als reiner Form vor Au- 
gen führt. Wenn auch anders ge- 
artet, so gehört auch der Belgier 
Oskar jespcrs in diese gleichsam 
historische Gruppe, weil sein qua- 
litäts- und umfangreich belegtes Le- 
benswerk in Stein, Holz und Bronze 
der traditionellen plastischen The- 
matik zugehört, auch wenn jcspers 
seine Köpfe, Büsten und Figuren zu 
ebenso expressiver wie konzentrier- 
ter Gestalt entwickelt. 
Eine zweite Gruppe jüngerer und 
jüngster Plastiker wie Roszak bei 
den Amerikanern, Mirko bei den 
Italienern, Paolozzi bei den Eng- 
ländern, Dlamonja bei den Jugo- 
slawen (die in der Kunst nichts 
Ostblockisches an sich haben), der 
Brasilianer Cravo oder der Japaner 
Tadahiro Ono, stellt Plastik von 
geradezu surrealem Charakter aus, 
wobei das Surreale verschiedene Be- 
züge aufweist. Einmal wie bei Ro- 
szak mit seinen Bestien oder wie 
vom Meercsboden heraufgeholten, 
„vermuschelten" Trümmern, bei 
Mirkos „Totempfählen" und „Ido- 
len", bei Paolozzis seltsam ins Pre- 
ziosenhafte aufgeputztem „Keller- 
und Bodenkram", dem manchmal 
auch noch indische Lichter aufge- 
setzt sind, und nur zum Teil auch 
bei Diamonja haben die entstande- 
nen Gebilde noch etwas mit der er- 
kennbaren Außenwelt zu tun, wenn 
sie sie auch deutlich „verfremden". 
Ein anderer Teil von Diamonjas 
Arbeiten, besonders die mit Glas 
kombinierten, die recht interessant 
sind, kommt rein aus der bildneri- 
schen Phantasie. Die Eisenplastiken 
Onos aber lassen überhaupt nur an 
zerstörte technische Komplexe den- 
ken. lIier zeigt sich gleichsam der 
Untergang unserer maschinellen 
und mit allerlei Dienstleistungs- 
nctzen bestückten Zivilisation be- 
siegclt und zum bildnerischen Ma- 
terial verschrottet. 
Die Plastik also bringt ungleich ne- 
gativere und dämonischcre Aspekte 
als die auf der diesjährigen Bien- 
nale ausgestellte Malerei. Diamon- 
ja „erschreckt" dabei noch auf be- 
sondere Weise. Die Oberfläche der 
meisten seiner Figuren besteht aus 
zusammengeschweißtcn Nagclköp- 
fen. Die Nagelspitzen stehen wie 
eine Stachelwehr nach innen. Das 
Erschreckende daran ist diese (viel- 
leicht unfreiwillige) Symbolik: Das 
Außen hat gesiegt - der Feind ist 
innen. Kommentar überflüssig. 
Eine dritte Gruppe, als deren Ver- 
treter hier nur der Schweizer Ro- 
bert Müller und vielleicht noch der 
schon 1890 geborene Spanier Angel 
Ferrant genannt seien, macht ein- 
fach Eisenplastiken, wobei die Mül- 
lers, der vor vier Jahren stärker 
wirkte, mit den Elementen Schuppe, 
Schale und Schlauch operieren, 
während Ferrant dem Prinzip des 
Ausstrahlens und der federnden 
Gleichgewichtigkeit huldigt, was 
manchmal zum Verspielten führt. 
Wirklich ernst und gewichtig aber 
und außerdem dem Humanen auf 
eine zeitlose Art verpflichtet sind 
eigentlich nur die im österreichi- 
schen Pavillon auf vorbildliche Weise 
aufgestellten 21 Eisenplastiken von 
Rudolf l-loflehner, über den hier 
schon anläßlich der Biennale von 
Sao Paulo ausführlicher die Rede 
war. Sie haben bei fast allen Ver- 
nissage-Besuchern einen starken 
Eindruck hinterlassen. Nur die inter- 
nationale Preis-jury hielt sie nicht 
einmal eines der privaten Preise für 
würdig, wie sie zum Beispiel Fer- 
rant und Paolozzi zugesprochen 
wurden. Diese jury hat sogar, du 
man sich angeblich über die Verge- 
bung des großen internationalen 
Plastik-Preises nicht einigen konnte, 
kurzerhand den Plastik-Preis auf die 
Malerei überschrieben, wodurch 
eben auch Hartung zu einem zwei- 
ten höchstcn internationalen Male- 
rei-Preis von zwei Millionen l.ire 
kam. Man kann über diese Um- 
schreibung verschiedener Meinung 
sein. Mit Gerechtigkeit hat sie be- 
stimmt nicht viel zu tun. Es ist je- 
doch kaum zweifelhaft, daß Hof- 
lehner nicht nur in dem durch den 
diesjährigen Kommissar Prof. Dok- 
tor Vinzenz Oberhammer in jeder 
Hinsicht mustergültig hergerichte- 
ten Österreichischen Pavillon mit 
seinem jetzt erst auf eine sachge- 
mäße Form gebrachten Plastikhof, 
sondern auch unter den auf dieser 
Biennalc ausstellenden Plastikern 
auf Grund seiner handwerklichen 
und künstlerischen Leistung mit in 
der ersten Reihe steht. 
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