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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 9)

rialien gebe, daß der Künstler imstande sei, sein Gefühl 
unter Umständen durch ein Stück Pappe auszudrücken, 
das er cinklebt, oder auch durch ein Hemd, das er auf 
ein Brett nagelt. Das epater le bourgeois habe bei den 
Kubisten fröhliche Urständ gefeiert. Man wolle den Bür- 
ger verblüffen, der so sehr an der Vorstellung von der 
Kunst als etwas Vornehm-Eeierlichem und Objektivem 
hängt. 
Nach etwas Objektivem freilich strebten die Kubisten 
auch. Die Erforschung gegenständlieher Realität und 
kompositionelle Verfestigung sind ja seit eh und je ihr 
Anliegen gewesen. Als sich ihnen aber, gleich den Im- 
pressionisten, deren Antipoden sie waren, im Zug der 
eigenen Entwicklung beides gleichfalls zu verflüchtigcn 
drohte, setzten sie den Gegenstand als Rohzustand kur- 
zerhand selber ins Bild. Erstens um Wirklichkeit zu 
gewinnen und zweitens um an den so eingemeindeten 
Fremdkörpern den Bildaufbau wieder zu härten. Wenn 
um 1910 die Malerei auf den verschiedensten Wegen hin 
zur abstrakten Kunst tendierte: Braque und Picasso woll- 
ten keine abstrakten Maler werden. 
Für die Dadaisten (ab 1916) und Surrealisten (ab 1924) 
vor allem ist die Collage ein Mittel der Ironie gewesen. 
Und eines, die Wirklichkeit zu ver-rücken. Die Isolie- 
rung der Dinge interessierte und ihre alogische Koppe- 
lung, die magische Wirkung, die von einer auf solche 
Weise desorganisierten Welt ausging, das Unwirkliche, 
Traumhafte der Dinge. Max Ernsts „Zusammentreffen 
zweier einander wesensfremder Elemente auf einem 
ihnen wescnsfremden Plan" - wie besser als durch die 
Technik der Collage konnte es bewerkstelligt werden? 
Die harte Realität der Illustrationsstiche in den alten Illu- 
strierten und wissenschaftlichen Werken faszinierte. Das 
schon Vorhandene gewann eine eigentümliche Magie, 
regte an, diese realistischen Bilder durcheinander zu 
bringen. Oft zitierte Beispiele: Ein optisches Gerät hängt 
in einem Baum. Das Abbild eines durchschnittenen Kä- 
fers wird zum Bug eines Schiffes und über ihm schwebt 
auf rauehigem Himmel ein Fischgerippc. Aus einem Fen- 
ster stürzt ein brennender Baum oder eine Giraffe. Ein 
iichzendcr Ochsenkarren knarrt durch einen Louis-Scize- 
Salon. 
Von all dem ist in den Collagen Arnulf Neuwirths nichts 
zu finden. Das Klehebild aber hat bei ihm auch nicht 
die Funktion, die es bei den Kubisten hatte. Was er her- 
stellt, sind Schaubilder mit möglichst vielen Meditations- 
objekten, kombinatorischen Möglichkeiten für die Phan- 
tasie. Es finden sich zuweilen geometrische Elemente 
(gleichsam als Komposilionsschemata), öfter tachistische 
Einsprengsel. Der Künstler kritzelt, er zeichnet und malt 
zwischen den eingeklebten Dingen. In ihm steckt Roman- 
tik. Er hat viel zu erzählen. Eine Verliebtheit in die 
Welt spricht aus ihm, ein naiver Glaube an ihre Schön- 
heit, deren Konterfei er sich aus Abfällen zusammen- 
setzt. ljin Stück, das er irgendwo findet, fügt er nicht 
mit Verfremdungsabsicht ein, sondern damit es neu auf- 
blühe. Das Unedelste kann einen Zauber entfalten. Der 
Künstler ist von der Idee der noblen Armut, einem 
Zenga-Prinzip, beeindruckt. Mit Vorliebe rühmt er, daß 
er seine Schätze vom Lumpenhändler bezieht. 
Neuwirth wurde 1912 in Gablitz, Niederösterreich, ge- 
boren. Seine Kindheit verbrachte er in dem Dorf Rad- 
schin im oberen Waldviertel. Malerei hat er an der Wie- 
ner Kunstakademie (Paris-Preis 1937) und in Paris stu- 
diert. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges reiste er in 
Portugal, Spanien. Marokko, in der Wüste Sahara und 
auf den Kanarischen Inseln. Magisch-realistische Afrika- 
landsehnften entstanden. In Las Palmas wurde Neuwirth 
1941 zur Deutschen Wehrmacht geholt. Als Soldat hat er 
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die Vernichtung von Dresden erlebt. Nach 1945 war er 
sowohl als Maler wie auch als Kunstkritiker tätig. Seit 
1950 ist er Präsident der Künstlergruppe „Der Kreis", 
seit 1956 Professor. 
Im selben Jahr begann er mit jener Art von Collage, die, 
nach einem Wort Michel Seuphors „im bewußt abstrakt 
komponierten Bild stellenweise extrem naturalistische 
Deutungen zuläßt" (1957). Das fabulierende, erzählerische 
Element wurde seither reicher. Eine ganze phantastische 
Geographie klebte sich der Künstler zusammen, Länder, 
die er bereist hat_er ist nach 1945 auch in N0rd- und 
Südamerika gewesen - und solche, die er nur mit dem 
geistigen Auge sah. Das „Thayatal", Collage auf Per- 
gament, Schwarz-Weiß (auf Gelb) und grüne Landschaft, 
ist ein Gruß an die Heimat. Besonders schön sind die 
„Böhmischen Wälder", überreich, farbenfroh, heiter, aus 
den verschiedensten Materialien zusammengesetzt. Auch 
Partien von k. und k. Ansichtskarten spielen hinein. 
Eine sanfte, kühle Harmonie geht von diesem Bild aus. 
Sie dient als Folie von farbigen jubeltönen. Am Regen- 
wald von „Panama" wirken neben malerischen Details 
nicht nur Plüschzeitxylographen, sondern auch Burri-, 
Rainer, Prachensky-Kataloge und exotische Banknoten 
mit. In der „Magellan-Straße" bildet eine Strickmuster- 
vorlage den Himmel, Norwegerstich auf Rasterpapier. 
Viel läßt sich mit Kuvertfutter machen, Schiffahrts- und 
Auktionskatalogen, Fahrschcinen, Stoff- und Leder- 
abfällen, Papageienfedern, Schlangenhaut. Am „Suez- 
kanal" stehen Matrosen, aus der Verpackung von Navy- 
cut-Zigaretten geschnitten. Schön gedruckte Stempel 
finden sich neben Siriuszünder-Palmen. Was in dem 
„Traum des Cortez" wie Glut, wie Höllenfeuer, aussieht, 
ist das Papier, in das man sonst Orangen hüllt. Auch 
schwarz oder rot bekleckstes Löschpapier mit Tinten- 
spuren von Magistratsschreibtischen wird verwendetfDer 
pompöse Cortez aus einem alten Buch erscheint in halb- 
antiker Gewandung. Sein Traum zeigt ihm prophetisch 
das Heim des Menschenfreundes Manccra, welcher ein 
Gegenspieler des Kaisers Max von Mexiko war. Es ist ein 
Wohnpalast vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Druck- 
schrift in spanischer Sprache erzählt, um welches Haus 
es sich handelt. 
„Stanley in Afrika" ist ein zerlegtes Knabenhuch, von 
Kugelschreiberzeichnung in verschiedenen Farben und 
von Papier unterstützt, auf dem Aquarellfarben auspro- 
biert wurden. Das Schiff „M0nit0r" im Golf von Hon- 
duras ist aus einer Gartenlaubezeitschrift, der „Illustrier- 
ten Welt" vielleicht, geschnitten. Aus einem jugendbuch 
des Verlags Spaun und dem Pergament eines alten Mis- 
sale wurde „Eldorado, hommage ä Voltaire" geklebt. 
„Osterinsc-l" gibt eine Druckreproduktion von Oster- 
inselschrift wieder. Auch Bast und Birkenrinde können 
sich als brauchbare Mittel der Collage erweisen. Viel 
ist aus der Struktur des Pcrgaments herauszuholen. In 
dem eindrucksvollen „Teotihuacan" ist mehr Zeichnung 
(auf Pergament) als Collage, in „Merry old England" 
fast keine Spur von Zeichnung. Immer geht es darum, 
einer Wirklichkeit habhaft zu werden; was der Zweck 
der Collage von allem Anfang an war. 
Die Abart, die Neuwirth aufbrachte, ist dem phantasie- 
vollen Normalbild näher als jede andere Form der 
Collage vor ihm. 
Das heißt nicht, daß sie dem gemalten Bild gleich ist. 
In der Beschäftigung, in der Zauberei mit Dingen, welche 
vom Lumpensarnmler kommen, in der poetischen Ver- 
wandlung, die gerade darin besteht, daß Isoliertes, Ab- 
gelebtes wieder einen Zusammenhang bildet, der glän- 
zende Augen, rote Backen hat, liegt ein spezifischer Reiz.
	        

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