MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 9)

Kunst in den Oratorien des Domes 
geschah. Zunächst: Ein „lebender" 
Dom ist vom Geistigen wie vom 
Technischen her kein Ausstellungs- 
lokal. Es muß verhindert werden, 
daß Kirchen, in denen heute die 
Kunst ihre letzte echte, gewachsene 
Heimstatt hat, zu Museen und Aus- 
stellungspalästen „umgesehen" wer- 
den. Davon ganz abgesehen, ist die 
Architektur der Oratorien so stark 
und dominierend, so sehr auf die 
zeitstilistisch bedingte, schneeweiße 
Reinheit von Struktur und Dekor 
abgestimmt, daß alles, was in die- 
sem Rahmen zur temporären Auf- 
stellung kommt, einfach hinweggc- 
wischt, in extremen Fällen sogar zu 
Gerümpel degradiert wird. Ferner 
ist zu berücksichtigen, daß sich die 
nun schon eindreiviertel jahrhun- 
dertc andauernde Krise der christ- 
lichen Kunst in der Weise auf- 
zulösen scheint, daß in strenger 
Konsequenz der Prozcß der Wand- 
lung der Gläubigkeit vom 16. jahr- 
hundert bis zur Gegenwart von 
einer objektiv-existenten Bildwelt 
zu einer subjektiv-spirituell-mysti- 
sehen, keiner Bilder mehr bedürfen- 
den Ändachts-Syrnbolik führt. Es 
erhebt sich die Frage, 0b die Kirche 
heute der bildenden Kunst im Sinne 
einer gegenständlich faßbaren Dar- 
stellung der göttlichen Personen 
und der Heiligenwelt überhaupt 
noch bedarf und ob die elementare 
Anrufung des Empfindens durch 
reine Farben und Fnrmrn nicht das 
Biennale an liturgischem Gerät ge- 
zeigt wird, also dem gegenständ- 
lichen Gebrauch des Kultes dient, 
sehr wohl gelungen. Ferner ist es 
nur logisch, daß die qualitativ wert- 
vollsten Beiträge aus dem Calvini- 
stischen Holland kommen, das - 
in seiner protestantisch-orthodoxen 
Komponente - ,.bildender" Kir- 
chenkunst ja längst nicht mehr be- 
darf. Als Inbegriff aller jener Strö- 
mungen, die des Bildes entraten 
können und ganz zum Zeichen stre- 
ben, sei die Custodie von jose Luis 
Coornonte genannt, die von dieser 
Warte her gesehen, einer weiteren 
Interpretation nicht mehr bedarf. 
Aber mit der Feststellung, daß 
gegenständliche Kirchenkunst heute 
nicht mehr möglich ist, da es ein 
seelisch nahes G0ttes-„Bild" imwört- 
liehen Sinn nicht mehr gibt, ist es 
nicht getan: Wie sollen die Bedürf- 
nisse desKirchenvolkes in einer Zeit, 
in der geistige Wahrnehmungen 
weitgehend vom Lesen zum Schauen 
(Kino, Television!) verlegt wurden, 
in angemessener Weise befriedigt 
werden? Das letzte, schaurigste De- 
rivat der mittelalterlichen „Biblia 
pauperum" mit ihren großangeleg- 
ten Bildzyklen sind unzweifelhaft 
die amerikanischen Cartoons - glei- 
ches Mittel zu gänzlich anderem, 
verweriliehem Zweck. Aber ergibt 
sich hier nicht die Möglichkeit eines 
Ansetzens? Sollte gerade im Raume 
der Kirche ein rein narrativer, 
künstlerisch imnz ansnruchsloser 
Wiener Glasfenstern für Hiroshima? 
Ist es nicht der „Personenkult" un- 
serer Künstler, der den Durchbruch 
zu einer auch im tiefsten Sinne 
christlichen Schlichtheit verstellt? 
Hoffen wir. daß die Salzburger 
Dom-Biennale zu Diskussionen an- 
regt und zu einer tieferen Schau 
der Probleme iührt! 
Problematisch ist letztlich, so er- 
staunlich das klingen mag, auch die 
Kunst von Giacomo Manzü, der 
Friedrich Welz im „Zwerglgarten" 
einen prachtvollen temporären Rah- 
men gegeben hat. Manzü ist nach 
all dem Übermaß an „unsinnlicher", 
hephaistiseher Plastik (Hoflehnerl) 
eine wahrc Labsal - aber er ist, 
wie gerade die Salzburger Ausstel- 
lung beweist, letztlich kein Bildner 
von Volumina, ja gerade das Gegen- 
teil dessen, was die Total-Plastiker 
von heute (Wotruba, Moore) sind. 
Manzü malt in Bronze, ganz, wie 
man dies im Frankreich der achtzi- 
ger jahre tat, die platonische Idee 
des Standbildes (um die etwa Wo- 
truba so hart ringt) interessiert ihn 
überhaupt nicht, ja, er schafft Bild- 
werke, bei denen das Labile, Hohle, 
nicht nur Un-, sondern sogar Anti- 
Statische mit voller Absicht betont 
wird. Damit ist Manzü Manierist, 
genau wie seine beiden grdßen 
Landsleute Marini und Greco: 
Klemmt der eine seine Bildungen in 
dingfremde abstrakte Konfiguratio- 
nen ein, zwingt der andere seinen Fi- 
miren Zäsurcn und Rhvthmen auf.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.