MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 9)

Entwicklungsprozeß relativ rasch vor sich gegangen ist, 
mag nicht zuletzt darin seine Ursache haben, daß die 
Werkstätten, mit praehtliebenden Fürsten und Edelleuten 
als Auftraggebern. Entwicklungsmöglichkeiten fanden, 
wie sie es bis dahin nicht gegeben hatte. Die Stärke der 
keltischen Kunst liegt daher auch auf den verschieden- 
sten Zweigen des Kunstgewerbes. In der Verarbeitung 
von Eisen - die Kelten waren in der Antike als treff- 
liche Schmiede bekannt und geschätzt -, Bronze, Edel- 
metall und manch anderem Material wurden technische 
und künstlerische Hochleistungen erreicht, die unsere 
uneingeschränkte Bewunderung verdienen. Architektur 
und Großplastik kamen nur dann zu einiger Entfaltung, 
wenn eine unmittelbare Berührung mit griechischer und 
später mit römischer Kunst bestand, vor allem in Süd- 
frankreich, wo man auf ehemals keltisch-ligurischem Ge- 
biet Heiligtümer mit Bauwerken und Skulpturen aus 
Stein entdeckt hat. 
1m Latenestil zeigt sich ein starkes Anpassungsvermögen 
und eine geradezu unbegrenzte Fähigkeit, fremde Ele- 
mente aufzunehmen, in höchst eigenwilliger Weise um- 
zudeuten, umzugestaltcn und in neue Formen umzu- 
schmelzen. Die keltische Kunst ist daher nicht epigonen- 
haft, sondern von Anfang an zu Eigenleistungen von 
erstaunlicher Gestaltungskraft befähigt. Was man ehe- 
mals als Verballhornung, Verzerrung oder Barbarisie- 
rung klassischer Kunst interpretiert hatte, wertet man 
heute als den Ausdruck einer den Volkscharakter der 
Kelten bestimmenden schicksalhaften Dynamik, die sich, 
oft bis zur Hemmungslosigkeit gesteigert, auch in an- 
deren geistigen und seelischen Bezirken, in Kampfweise 
und politischem Verhalten auslebte. 
Die keltische Kunst machte nach P. jacohsthal beim 
Übergang von der llallstatt- zur Latenezeit eine Ent- 
wicklung durch wie dic griechische vom geometrischen 
zum orientalisicrenden Stil. Die Übereinstimmungen lie- 
gen aber nicht im inhaltlichen, sondern in der künst- 
lerischen Haltung. Hier wie dort gaben Formen benach- 
barter Hochkulturen den Anstoß zur Bildung eines neuen 
Stils. Auf den am Beginn stehenden und bis etwa 350 
v. Chr. reichenden Frühlatenestil folgte als Höhepunkt 
keltischer Kunstentfaltung der „reife", nach einem pro- 
minenten Fund auch „Waldalgesheimef genannte Stil, 
den K. Schefold in eine der griechischen Hochklassik 
analoge „strenge Phase" und eine phaseologisch dem 
schlichten Stil der griechischen Kunst des zweiten Vier- 
tels des 4. Jahrhunderts v. Chr. entsprechende „Kon- 
traststuie" unterteilt. ln dem durch freies Rankenspiel 
charakterisierten „Plastischen Stil", der Endphase der 
keltischen Kunst, sieht K. Schefold eine Analogie zum 
Hellenismus. Mit dem Überwiegen fabriksmäßiger Mas- 
senerzeugung - in den Großsiedlungen (oppida) hatten 
Schmiede, Bronzegießer, Glaserzeuger und andere Hand- 
werker und Gewerbetreibende ihre Werkstätten und Lä- 
den in eigenen Bezirken - verlor sich schließlich das 
keltische Kunsthandwerk am Ende der Latenezeit in aus- 
drucksloser Eben- und Gleichmäßigkeit (F. Eppel). 
Die aus der griechischen Kunst, von der Klassik bis zum 
orientalisierenden Stil und mit diesem, teilweise viel- 
leicht auch unmittelbar aus östlichen Kunstkreisen, der 
Kunst der Skythen und Perser, übernommenen Motive 
werden in ihre Bestandteile zerlegt, umgedeutet und in 
phantasievoller und phantastischer Weise in die be- 
herrschte Formcnsprache einer spannungsreichen Orna- 
mentik mit raumfüllender Tendenz übersetzt, in der ein 
pflanzlicher Rankenstil griechiseh-etruskischer Herkunft 
dominiert. Solche Motive sind Palmetten, Palmetten- 
und Perlenreihen, Knospen und Blüten, Rosetten, inter- 
mittierende und fortlaufende Spiralreihen, Spiral- und 
Dreiwirbel und viele andere Zierelemcnte, die einen 
geradezu unerschöpflichen Motivenschatz ergeben, dem 
die keltische Kunst ihre Anregungen entnimmt. Das Er- 
gebnis sind Ranken, Schwellranken und andere blasig 
geblähte Ornamente, wie das typisch keltische Fisch- 
blascnmotiv, zu Masken erstarrte oder fratzenhaft ent- 
stellte Menschenköpfe, häufig mit starker Betonung der 
Augen und aufgesetzten Tierohren, Verbindungen und 
Verschränkungen von Details des menschlichen und tie- 
rischen Körpers, nicht selten mit Übertreibung von Ein- 
zelheiten, z. B. an Maskenfibeln und Henkelattachen von 
Sehnabelkannen, alles in den verschiedensten Abwand- 
lungen und Kombinationen, Waffen, Gerät, Schmuck und 
Münzprägung bieten dem Kunstschaffenden ein reiches 
Betätigungsfeld. Die beliebte Steigerung der Wirkung 
von blankem Eisen, glänzender Bronze und Edelmetall 
- Gold, Silber und Elektrum (Gold-Silberlegierung). 
durch Auf- und Einlagen aus Email, llarz, Bernstein 
und Korallen - verraten einen starken Sinn für das Far- 
bige, der sich auch beim Glasschmuck zeigt, Perlen von 
oft bizarren Formen und Armreife aus weißem, gelbem, 
rütliehem und blauem Glas, häufig mit aufgelegten Fä- 
den in anderen Farben verziert. Eigenschöpfungen kel- 
tischer Handwerkskunst und keltischen Kunsthandwerks 
sind u. a. Röhrenkannen und Fcldflasehen aus Bronze 
und zahlreiche Schmuckformen wie Arm- und Halsreife 
mit kerbsehnittartiger Verzierung und Puffcrenden, die 
Nußarmringe, eine aus schalenförmigen Hohlbuekeln zu- 
sammengesetzte, übcrsteigerte Form, glatte und verzierte 
Fingerringe aus Gold und Elektrum; Fibeln (Gewand- 
spangen) in einer langen Entwicklungsreihe, deren ein- 
zelne Phasen sieh als besonders brauchbar für die relative 
Chronologie der Latenezeit erwiesen haben; Gürtelhaken 
in filigranartiger Durchbruehsarheit und Gürtelketten, 
deren Endhaken zu Vogelköpfen gestaltet sind; Helme. 
darunter die typischen Spitzhelme der lirühlatenezeit; 
verzierte Lanzenspitzen und lange Hiebschwerter mit 
ornamentierter Scheide aus Bronze oder Eisen. Mit ihren 
kräftigen kurvigen Profilen und ihrem sparsamen Dekar 
entspricht auch die keltische Keramik auf der Höhe ihrer 
Entwicklung den liormtendenzen des Latenestiles. Es 
verrät daher auch die Tonware der Frühlatenezeit einen 
ausgeprägten Formsinn: Fußvasen, Linsenflaschen und 
sonstige flaschenartige Gefäße mit geblähtem Körper, 
wohlfeile Nachahmungen von Metallgefäßen wie Feld- 
flasehen, Schnitbel- und Röhrenkannen, scharfprofilierte 
Schüsseln und Schalen, häufig mit Bodendelle (Ompha- 
los), alle diese Gefäßformen in zahllosen Varianten, die 
1 Kopfplastik keltischer Art aus Untcrsberger Marmor von 
der Festung Hohensalzburg. 
2 Bronzefibel mit Koralleneinlnge vom Dürrnherg. 

	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.