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Volltext: Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 11 und 12)

IN UNSERER FORTLAUFENDEN ARTIKELSLERIE 
OFFENTLICHEN WIR DEN 2. AUFSATZ 
„ARCHITEKTUR 
DES 20. JAHRHUNDERTS" 
VER- 
DAS 
HAUS 
MÜLLER 
PRAG 
WILHELM MRAZEK 
hervorgegangen: ich habe die menschheit vom über- 
flüssigen ornament befreit. ,Ornament' war einmal das 
epitheton für ,schön'. Heute ist es aber durch meine 
lebcnsarbeit ein epithcton für ,minderwertig'." 
Im gleichen Jahre 1930 schuf Loos auch sein architek- 
tonisches Hauptwerk. Die Summe der Erfahrungen, die 
Loos hier verwirklichen konnte, macht dieses Haus zu 
seinem architektonischen Bekenntnis und Vermächtnis. 
Allerdings entstand es nicht auf Wiener Boden. Ein 
Prager Bauherr, Dr. Müller, war der Auftraggeber. ln 
ihm fand Loos einen verständnisvollen Förderer seiner 
Ideen, der ihm bei der Realisierung völlige Frei- 
heit ließ. 
Das Haus Dr. Müllers liegt auf einem Steilhang. Seine 
kubische Grundform gewinnt durch den Niveauuntcr- 
schied verschiedene Ansichten. Kein dekoratives Orna- 
ment beeinträchtigt die kristallglatten Außenwände, 
keine vertikale Fenstergliederung schmälert die sterea- 
metrische Würfelform. Durch unterschiedliche Fenster- 
breiten, die herausgeschnittenen Öffnungen gleichen, 
entsteht ein horizontal geführter Rhythmus von drei 
übereinanderliegenden Wohnzonen. Das seharfproli- 
lierte Gesimsband faßt diese Rhythmen zusammen und 
bildet einen kantigen oberen Abschluß der Wände. Alle 
Gestaltungselemente des Außenbaues sind konstruktive, 
notwendige Formen. Sie schaffen eine eigenwillige 
Disposition und einen besonderen Rhythmus, dessen Ur- 
sache im Innercn des Baublockes liegt. 
Betritt man das llaus vom höhergelegenen Straßenzüge, 
so gelangt man über Gang und Vestibül in ein Vor- 
zimmer, das die Garderobe enthält. Von hier kommt 
man über eine Stiege in jene Räume, die dem täglichen 
Leben der Familie und gesellschaftlichen Zusammen- 
künften gewidmet sind: der Halle und dem über einer 
kleinen Treppe zu erreichenden Annex des Speisezim- 
mers. Dieses ist durch eine Anrichte direkt mit der 
Küche verbunden. Über einen zweiten Treppenzug cr- 
reicht man von der Halle das Boudoir der Dame, das 
durch ein breites Fenster die Verbindung zur Halle 
aufrecht erhält. Mit dem Boudoir ist der Übergang zu 
den privaten und persönlichen Räumen hergestellt. 
Über dieser Wohnzone liegen die Räume des Haus- 
herren: Bibliothek und Arbeitszimmer. Sie sind über 
eine Treppe zu erreichen, letzteres aber auch durch 
einen Eingang vom Boudoir der Hausfrau. Die oberste 
Wohnzone enthält Schlafzimmer, Garderoben, Kinder- 
zimmer und Gästezimmer. 
Adolf Loos stattete jeden Raum entsprechend seiner 
Funktion im privaten oder gesellschaftlichen Zusam- 
menhange aus. ln den Nebenräumen des Souterrains 
herrschen einfache Materialien wie Travertin, rote 
Chamotteziegeln, Lack und japanisches Rohr vor. Die 
Wände der weiß verputzten Halle sind mit grünlichem 
Marmor (Cippolin) belegt, das Speisezimmer mit Ma- 
hagoni und schlesischem Sycnit. Im Boudoir leuchtet 
gelbes Zitronenholz, dem Arbeitszimmer des Herrn ver- 
leiht Mahagoni eine ernste Note. jeder Raum entspricht 
bis ins letzte Detail seiner Funktion. Äußeres und 
Inneres sind ein Organismus und repräsentieren alle 
Sphären seiner Bewohner allein mit architektur- und 
materialgerechtcn Mitteln: die geschlossene Monumen- 
talität, die Repräsentation, die Intimität des persönli- 
chen Lebensbereiches. 
Adolf Laos hat als Architekt immer in drei Dimensionen 
gedacht. Er lehrte seinen Schülern ein „kubistisches" 
Denken und befand sich damit im äußersten Gegensatz 
zu den „Ornamentikern" der Wagner-Schule, deren 
ornamentalen Stil er als ein „Verbrechen" ansah. Die 
l Haus Müller in Prag, Außenansicht. 
2 Haus Müller in Prag. Eingang. 

	        

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