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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 44)

 
Es gibt schließlich nicht nur Leute, die bei der liin- 
richtung ihrer Wohnung bei Null beginnen, sondern zum 
Glück auch eine Vielzahl solcher, denen es vergönnt war. 
llrerbtes über die Erschütterungen der jüngsten Vergan- 
genheit herübcrzurctten. lst es nicht erstaunlich, daß 
nur selten Wohnungen gezeigt werden, bei denen diese 
Voraussetzung zutrifft? Man sollte erwarten, daß e ide 
in einem solchen Falle die Gewähr gegeben ist, vit ltige 
Anregungen dalür zu gewinnen, wie eine zeitgemaßt- 
[mweltgestaltung mit individuellen Mitteln zu erreichen 
sei. 
ln dieser XVohnung lebt eine Familie, eingefügt in den 
Ablauf der Generationen. Davon legen in erster Linie 
die Bilder Zeugnis ab, Olgemäldc, Aquarelle und Mi- 
niaturen, in überwiegender Mehrzahl liamilienport s, 
die aus den letzten zweihundert Jahren, hauptsiichliclt 
tiber aus dem I9. Jahrhundert stammen. Eine Vielzahl 
menschlicher Beziehungen ist hier dokumentiert. Aber 
es geht dabei um viel mehr, als um dic bloße Dokumen- 
tation yenealogischer Fakten und historischer läczüge, 
mehr als um den ästhetischen Genuß eines Kunstwerkcs. 
Wer mit dem Hausherrn vor die Bilder tritt und sich von 
ihm die Namen der Dargestellten nennen läißt, der 
winnt sehr bald dcn Eindruck, daß lür ihn diese Männer 
und Frauen keine Vergangenheit sind. liin seltenes Phä- 
nomen in unscrcr Zeit. dic doch nur das Heute und das 
Modische akzeptiert. llier aber leben Nlcnschcn, die mit 
der Vergangenheit intensiven Umgang pflegen. Anders 
als der Historiker oder der Sammler, - die bcidc nie- 
mals mit der Vergangenheit so aul Du und Du sind. 
Denn hier steht die menschliche Verbundenheit im Vor- 
dergrund und dic Vergangenheit wirkt in der Person des 
nahen Verwandten in die Gegenwart herein. 
Bei den verwendeten Möbeln ist keinerlei Bevorzugung 
irgendwelcher Stile festzustellen, „weil es heute zum guten 
Ton gehört", Mobiliar aus dieser oder jener Epoche um 
sich zu haben. Wir konnten es doch alle schon im Ver- 
laul der Jahre selbst crlahren, wic rasch die Schlagworte 
verblassen und die Meinungen sich ändern, Stile, die vor 
gar nicht langer Zeit als undiskutabel rundweg abgelehnt 
wurden, die Sechzigcr- und Siebzigerjahre des 1'). Jahr- 
hunderts und die Kunst der Jahrhundertwende, der Ju- 
gendstil, sind heute wieder zu hohen Lihren gekommen. 
 
 
  
 
Mobiliar und „kunstindustriellß Erzeugnisse des zweiten 
Kaiscrreiches gelten in Frankreich bereits als beliebte 
Dckorationsstüeke und Sammelobjekle, während der ju- 
gcndstil sogar Anlaß großer Ausstellungen geworden ist 
und von den Fachleuten wiedercntdeckl und intensiv 
studiert wird. 
Hier sind Kunstgegenstände aus dem Barock, Klassizis- 
mus, limpire, Biedermeier und dem späteren 19. jahr- 
hundcrt bis zu zeitgenössischen Möbeln eine gute Ge- 
meinschaft eingegangen. Das Geheimnis dieser ltarmo- 
nisehen Symbiose liegt darin begründet, daß alle Dinge, 
auch wenn sie aus verschiedenen Zeiten stammen. von 
gleich hoher Qualität sind. Allen ist gemeinsam, daß bei 
gediegener, in manchen Fallen sogar vollendeter hand- 
werklicher Ausführung und bei bester, dem jeweiligen 
Stil entsprechender Formgebung jede Übertreibung, jede 
exzentrische Note vermieden ist. Zurückhaltung iäßt 
keinen Mißton aufkommen. jedes Ding, ob Bild, ob 
Möbel ist so angeordnet, daß es möglichst wirkungsvoll 
zur Geltung kommt. Kein Cvcgenstixnd hat seinen Platz 
unmotiviert erhalten und darum wirkt nichts „ge- 
stellt". 
Die wohltemperiertc Atmosphäre und die gastliche Ge- 
bärde dieser Wohnung, lädt jeden, der sie betritt, zum 
Verweilen und zu genußvollem Schauen ein. 
 
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