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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 44)

WERNER HOFMANN 
Die nachstehende Skizze führt in den Blickpunkt ein. 
den Werner Ilofmann in seinem Buch, „Das irdische Pa- 
radies", Preslel-Verlag. Illüncbvn, 1900, [ür seine Ana- 
lyse des 19. ßzhrhnndr-rts gewählt hat, und gibt einen 
Querschnitt durch die Themenkreise, die darin aus- 
führlich behandelt werden. Die beigegebenen Abbildun- 
gen konfrontieren verwandte Themen in Bilderpuuren 
die verschiedenen, selbst gegensätzlichen Ausdrucksbc- 
reichen angehören. 
Im jahre 1880, wenige Monatevor seinem Tode, schreibt 
Flaubert an Zola: „Nana tourne au mylhe, sans cesser 
d'etre reelle". Jahrzehnte später vergleicht Thomas Mann 
das Epos der Familie RougonAMacquarI mit dem Ring 
des Nibelungen. Das sind Beobachtungen, die heute in 
der Regel nur wenig Gehör finden. Worauf fällt der 
Blick, wenn er die künstlerischen Landstriche des 19. 
Jahrhunderts durchstreift? Zunächst - was die Malerei 
angeht - wohl auf das große Kapitel der malerischen 
Wirkliehkeitshewältigung und dessen weltlrohe Mittags- 
höhe, den Impressionismus, dem die Eroberung des Frei- 
lichts als große Tat gebucht wird. Das ist aus der ge- 
genwärtigen Einstellung zum künstlerischen Arbeits- 
prozcß zu begreifen: eine Zeit, die Gestaltung als Hand- 
lung, als dynamische Geste preist, hält sieh auch in der 
Vergangenheit an die offene, spontane Form. 
ln einer zweiten Schicht treten sodann dem länger ver- 
weilenden Blick die Umrisse jener Künstler entgegen, 
welche den Stil zu erneuern und die große, meist anti- 
kisch gesinnte Form mit erhabenen, mythologischen In- 
halten zu vereinen suchten: Ingres und Puvis de Chavan- 
ncs in Frankreich, Burne-joncs in England, Marc-es in 
Deutschland; dahinter, in beträchtlichem Abstand, Cor- 
nelius und lieuerbaeh; schließlich dic Zwies iiltigen, die 
ihre idealistische Gesinnung mit nahezu peinlicher Na- 
turniihe hemäinteln, d. h. aktualisieren wollen: Böcklin, 
Klinger und einige der englischen Prii-Railaeliten. 
Eine letzte Kategorie fallt schließlich die Publikums- 
liehlinge von einst zusammen, die heute in den Depots 
der Museen ruhen und deren Namen keine Kunstge- 
schichte nennt: die Konfcktionäre des bürgerlichen Gen- 
res, die Regisseure des historischen Sittenhildes, die 
harmlosen Anekdotenerzähler. 
S0 etwa sieht das augenblicklich anerkannte Wertgeiüge 
des 19. Jahrhundert aus. Gewiß, jede Gegenwart blickt 
mit ihren Augen auf die Vergangenheit - aber selten 
nimmt diese Projektion so ollenkundige Formen an. Sie 
gcht so weit, daß sie alle unsere Gegenwart vorbereiten- 
den Strömungen aus dem Jahrhundert herauslöst und 
als Vorwegnahmcn des 20. jhdts. apostrophiert. Aul 
diese Weise wurden auch einige Kronzeugen des jahr- 
hunderts, Gestalten wie Cezanne, Van Gogh, Munch, 
Gauguin, Seurat und Toulouse-Lautrec, ihrer Epoche 
entfremdet. 
Der erste Blick scheint dieser Auffassung recht zu ge- 
ben: hier eine Malerei, deren larhenhungriger Blick 
 
wahllos die Erfahrungswirklichkeit durchstreift, um sie 
in chromatische Gleichnisse umzusetzen -- dort ein lite- 
rarisch gefärbtes Grübeln nach erhabenen Formen und 
anspruchsvollen, würdigen Inhalten - eine derartige Ge- 
genüberstellung leuchtet ein, denn sie entspricht unserer 
Sehweisc, die in den letzten fünfzig Jahren immer mehr 
auf das Wahrnehmen von liorm- und Strukturwcrten ge- 
lenkt wurde. Dennoch ist sie falsch, weil sie nur einen 
Ausschnitt sieht. Das 19. Jahrhundert ist komplexer. Was 
an der Oberfläche der Form oft in krasser Gegensätz- 
lichkeit auscinanderklafft - etwa Degas und Böcklin, 
Görieault und C. D. Friedrich -, steigt aus gemeinsamen 
Erlebnisschichten empor. Freilich: die Form entscheidet 
über die evokative Macht der Bilder - das geschichtliche 
Urteil kann von ihr nicht absehen, doch darf es das For- 
male nicht verabsolutiercn. Dieses Jahrhundert ist voll 
von mythischen Wunschbildern, mehr noch: es ist diesen 
Erlebnisschichten gerade dort am stärksten verhaftet, 
wo es sie arglos - ohne archäologische Regie -_, in 
das Gewand der Gegenwart gekleidet, vorträgt. Darum 
hat lilaubert den Kern getroffen, als er Zolas Nana eine 
„babylonischc Schöpfung" nannte. 
2. 
Das 19. Jahrhundert erlebt den Höhepunkt und die Über- 
windung des Historismus. Der Mensch des geschicht- 
lichen Selbsthewußtscins setzt sich der Natur und ihren 
Kräften entgegen. „Der Verstand zerreißt alle Natur- 
systeme und bringt seine künstlichen an deren Stelle" 
(Görres),Er ersetzt mit dem Gemachten das Gewordene, 
das Bewußte entledigt sich des Unbewußten, die abstrakte 
Begrifflichkeit stellt sich hochmütig über das Stoffliche, 
Sinnliche, Natürliche. Das Weibliche verstummt in die- 
ser männlichen Welt. Und mit ihm versiegen die Quel- 
len, aus denen der Mensch die ersten Gcwißheiten - 
Offenbarungen, keine XlVissensdaten - über das Rätsel 
der Schöpfung und sein eigenes Dasein empfing. 
In den Jahren, in denen in Frankreich Gustave Courhet 
seine Apotheosen des Weiblichen und der Naturmiiehte 
malt, denkt Johann Jakob Bachofen in Basel über das 
Verhältnis von Natur, Geist und Geschichte nach. Er 
will die engen Grenzen des geschichtlichen Begreifcns 
für neue Erkenntnisse durchlässig machen und in die 
Erfahrungen der frühesten Menschheit eindringen. Dort 
warten, keiner abstrakten Vernunftsonde zugänglich, die 
„dunkeln Tiefen der menschlichen Natur". In der mutter- 
rechtlich geordneten Welt entdeckt der Forscher „die 
Unterordnung der Geistigen unter physische Gesetze, die 
Abhängigkeit der menschlichen Entwicklung von kos- 
mischen Mächten". 1862, ein Jahr nach dem „Mutter- 
recht", erscheint Flauberts „Salammbö". Bachofen faßt 
um diese Zeit die Erforschung des Orientalismus in Rom 
und in Italien ins Auge. Daraus entsteht „Die Sage von 
Tanaquil" (1870). In großliniger Gegenüberstellung wird 
darin das oricntaliseh-sensualistische Lebensprinzip mit 
dem geschiehtlich-vaterrechtlichen des Okzidents kon- 
frontiert. ln den asiatischen Königsfrauen beschreibt 
Bachofen die männerbeherrschende „femme fatale" der 
alten Welt - genau in dem Augenblick, da die Phantasie 
der Maler und Dichter - man denke an ßaudclaire, 
Gautier, Banville, Swinburne, Rossetti, Mureau - von 
den großen Hetärengestalten gefesselt wird, 
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