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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 44)

Der 
phaniasiische 
Gemeindebau 
Polemische Bemerkungen zu einem Wiener Archiieklur-Kapifel 
jORG MAUTHE 
Die Wiener Kommunalwohnbauten 
der Zwanzigerjahre - im wiene- 
rischen Sprachgebrauch „Gemein- 
debauten" - sind steingewordene 
Resultate politischen Denkens, po- 
litischer Revolutionen und politisch- 
sozialer Veränderungen. Infdgedes- 
sen hat man sie stets unter poli- 
tischen Vorurteilen betrachtet: die 
politische Linke sah sie durch die 
Brille propagandistischen Stolzes, 
dic politische Rechte wandte sich 
schaudernd ab, denn für sie waren 
diese wuchtigen Baumassive Zeug- 
nisse politischer Niederlagen. 
Und diese Perspektiven haben 
bis heute eine sachliche Würdigung 
jener Bauleistungen unmöglich ge- 
macht. 
Dennoch, nach mehr als dreißig 
Jahren und einem Generations- 
Wechsel sollte man auch den Karl 
Marx- und den Engels-Hol mit küh- 
leren Blicken betrachten und end- 
lich begreifen, daß eben diese Ge- 
meindebauten in der Geschichte 
nicht nur der Wiener, sondern auch 
der europäischen Architektur ein 
wichtiges, faszinierendes und über- 
dies bewunderungswürdigcs Kapitel 
bilden. (Wir sprechen ausdrücklich 
nicht von den nach 1945 entstan- 
denen Wiener Gemeindebauten, die 
weit weniger bewunderungswürdig 
sind.) Um es gerade heraus zu sa- 
gen: man muß schließlich nicht 
notwendigerweise ein Monarehist 
sein, wenn man ein Faible für das 
Wiener Barock hegt _ und also 
auch nicht ein Sozialist, wenn man 
die Baublöckc am Margaretncr Gür- 
tel mit Bewunderung betrachtet. 
Natürlich kann auch drei jahrzehn- 
te später nicht bestritten werden, 
daß es sich bei diesen Gemeinde- 
bauten um politische Architektur 
handelt. Im Gegenteil: man kann 
sogar zugestehen, daß alle die be- 
geisterten und entsetzten Schlag- 
worte, mit denen sie zu ihrer Ent- 
stehungsezit verfochten und be- 
kämpft worden sind, zugetroffen 
haben und noch immer zutreffen - 
nur daß eben im Laufe der Zeit 
die affektive Beladenheit der Pro- 
und Kontra-Parolen geschwunden 
ist und aus Schlagworten Kriterien 
geworden sind. 
Man hat beispielsweise den Ge- 
meinde-Planern seinerzeit vorge- 
worfen, daß_ sie Arbeiterburgcn und 
Bürgerkriegsfestungen zu bauen ge- 
dachten. Und sie, die Baumeister, 
haben sich entrüstet gegen diese Be- 
hauptung gewehrt: nein, nicht Ar- 
heiterfestungenwolltensieerrichten, 
sondern menschenwürdige Massen- 
Wohnungen, ein „neues" Wien. 
Nun, stellt sich heute nicht heraus, 
daß beide Teile recht hatten? Frei- 
lich, es hat sich 1934 klar erwiesen, 
daß Karl Marx-Hof und Reumann- 
Hof als Fortifikationsanlagen im 
militärischen Sinn des Wortes nicht 
übermäßig viel taugten - sie wider- 
standen ja nicht einmal den altmo- 
dischen Feldhaubitzen des damali- 
gen Bundesheeres; aber andererseits 
sind diese Baublöcke ja doch Bur- 
gen und Hochburgen eines politi- 
schen Lagers gewesen und sind es 
heute noch, wenn man sie nämlich 
nicht auf ihren praktischen Zweck, 
sondern auf ihren Stil hin betrach- 
tet: diese kantigen Türme mit den 
schicßschartenartigen Dachluken, 
diese tiefen Torbögen mit den dra- 
matisch dicken Eisen- oder Bronze- 
gitlern, diese Zusammenstellungen 
von Betonklötzen und -kuben - ja, 
das sind doch eindeutige Hinweise 
darauf, daß hier der Begriff „Fe- 
stung" auf eine völlig neue und 
zeitgemäße Weise realisiert wurde, 
mag dies nun mit Absicht oder rein 
zufällig geschehen sein (aber der 
Zufall wäre nur dann glaubhaft, 
wenn man annehmen dürfte, daß 
die Architekten und Baumeister nie- 
mals eine charakteristische alle 
Burg gesehen hätten). Gewiß, aus 
diesen Gemeindebauten sollte nicht 
anders geschossen werden, als mit 
politischen Parolen und sie sollten 
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