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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 44)

nicht Haubitzenschüssen, sondern 
Anschüssen aus den Leitartikeln des 
Gegners widerstehen - aber auch 
das ist Kampf, und auch ein solcher 
kann, wenn nur genug Leidenschaft 
in ihm ist, stilbildend wirken, wie 
das Exempel lehrt. Es sei der Hin- 
weis auf feinere Parallelen zu Bur- 
gen früherer Zeiten erlaubt: so auf 
die deutlichen Bestrebungen, jede 
größere Gemeindebaueinheit durch 
eingeplante Kindergärten, Gemein- 
schafts-Nutzräume, Geschäfte und 
Parteibüros von der Umgebung un- 
abhängig zu machen, was nach 1920 
gewiß nicht so auf der Hand lag 
wie in unseren Tagen, in denen die 
Vorstellung von halb-autarken 
Nachbarschaften-Wehnbauten oder 
ebensolchen Satellitenkleinstädte 
sozusagen eine urbanistische Selbst- 
verständlichkeit geworden ist. Und 
schließlich sollte man nicht verges- 
sen, daß auch die bekannte Glei- 
chung „Wohnblock : Wahlblock" 
sehr wohl den Gedanken nahelegt, 
den Wohnblock besonders mächtig 
und wenigstens im propagandisti- 
schen Sinn platzbeherrschend zu 
machen - wobei wiederum, be- 
wußt, unbewußt und am wahr- 
scheinlichsten halb und halb-be- 
wußt, strategische Gesichtspunkte 
ins Spiel kommen (denn auch Wahl- 
strategie ist Strategie), die nicht 
viel anders auch für die Anlage ei- 
nes Sperrforts oder, besser, einer 
Stadt-Burg maßgebend gewesen sein 
mögen. 
Aber Burgen dienen nicht nur dazu, 
erkämpfte Gebiete zu sichern und 
zu schützen, sie haben immer auch 
die Aufgabe, errungene Siege zu 
verewigen und Triumphe zu doku- 
mentieren, Burgen sind immer auch 
Denkmäler. Nicht zu leugnen, daß 
die frühen Wiener Gemeindebauten 
auch diesen Sinn erfüllen: sie sind 
von vornherein als Denkmäler, als 
Monumente des Sieges der österrei- 
chischen Sozialdemokratie konzi- 
piert worden. Das drückt sich schon 
in ihren Namen aus, die damals 
zweifellos viel provokanter auf dcn 
Gegner wirkten als heute, weshalb 
sie im Hin und Her des Bürgerkrie- 
ges denn auch öfters ausgewechselt 
wurden; das zeigt sich, viel bedeut- 
samer, in den Bauten selbst, in der 
alle Grenzen des Praktischen spren- 
genden Großzügigkeit, mit der tri- 
umphbogenartige Riesentore reihen- 
weise nebeneinander gestellt wur- 
den (Karl Marx-Hof), in der fast 
barbarischen Freude an ragenden 
Fahnentürmen und ähnlichen De- 
tails, die den heutigen Gemeinde- 
bauten so fremd geworden sind, daß 
es einem - aus ästhetischen Grün- 
den, versteht sich - fast leid da- 
rum tut. Die Bauten der Zwanziger- 
jahre waren eben von einem Pathos 
erfüllt, das den heutigen Beamten- 
Architekturen völlig mangelt, vom 
Pathos des Sicges und einer bruta- 
len Absage an die Vergangenheit, 
an die Zeiten des monarchischen 
oder bürgerlichen, des individuellen 
Bauens. Aber damit wiederum be- 
hielten auch die Befürworter recht 
bis zum heutigenXTage: was sie 
bauten, war und ist wirklich eine 
neue Architektur, mußte es sein, 
weil es, um ein stilgerechtes Wort 
zu brauchen, dialektisch erforder- 
lich war, neu, d. h. grundsätzlich 
anders als bis dahin zu bauen. Das 
Phantastische ist daher ein sehr we- 
sentliches Stilmittel des lrühen Ge- 
meindehaus. Es wird in der Freude 
an der übergroßen Dimension sicht- 
bar, im oft skurrilen Zierat und 
nicht zuletzt an der last bühnen- 
bildartigen Wirkung mancher Bau- 
ten. Wenn jemals utopische Archi- 
tektur gebaut worden ist, dann hier 
und damals. 
Utopische Architektur - ja, das ist 
das richtige Wort. Alles das, was 
die französischen Revolutionsar- 
chitekten, die Träumer des jugend- 
stils, die russischen Vertreter einer 
„präligurierten" und „p0litisehen" 
Architektur planten und nicht aus- 
führen durften, ist in den expressio- 
nistischen und kubistischen Wiener 
Gemeinclebauten der Zwanzigerjah- 
re verwirklicht worden, ohne daß 
diese doch eigentlich sensationelle 
Tatsache bis heute in das Bewußt- 
sein der Kunst- und Baugesehiehts- 
schreiber gedrungen wäre. 
Charakteristisch zum Beispiel, daß 
in dem jüngst erschienenen, ebenso 
anregenden wie teuren Werk „Phan- 
tastische Architektur" (Ulrich (Ion- 
rads und Hans G. Sperlich, Arthur 
Niggli-Verlag, Schweiz, sFr. 39,50) 
zwar die französischen und russi- 
schen Revolutionsbaumeister aus- 
führlich kommentiert werden und 
der Mangel an realisierten espres- 
sionistischen Architekturen beklagt, 
der Wiener Gemeindebauten aber 
mit keinem Wort Erwähnung getan 
wird. Verwunderlich ist das freilich 
nicht - es gibt eben noch keine 
neuere, wissenschaftlich ernst zu 
nehmende Monographie über dieses 
Thema und noch nicht einmal einen 
Bildband darüber. Das Städtische 
Wiener Kulturamt oder das Bil- 
dungsreferat des Gewerkschafts- 
bundes oder ähnliche eigentlich an 
dem Thema interessiert sein sol- 
lende Stellen könnten wirklich ein- 
mal... naja, aber auf diese Idee soll- 
ten sie schon selbst kommen . . . 
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