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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 46)

Umgesialiung eines hisiorischen Bauwerkes 
zu einer modernen Kuliursiäüe für 
Sludenlen aus aller  JwSIeF KRAWINA 
Das Haus in Wien I, Annagasse 20, 
Seilerstätte 30, Krugerstraße 19, ist 
seit seiner Erbauung im 16. jahr- 
hundert eng mit der Geschichte 
Wiens und Österreichs verknüpft 
und daher - nicht nur vom Künst- 
lerischen wegen seiner schönen Ba- 
rockfassade und der Baukörper - 
auch eine historisch und kulturell 
wertvolle Stätte. Aus diesem Grund 
wurde der Denkmalschutz auch 
nicht als Last empfunden, sondern 
als Verpflichtung aufgefaßt. Die 
Umgestaltung dieses von Tradition 
erfüllten Gebäudes in ein alle For- 
derungen erfüllendes, optimal ver- 
wendetes Haus, ein Studentenhaus, 
versprach eine schwierige, aber 
reizvolle Aufgabe zu werden. 
Diese wurde unter das Motto ge- 
stellt: Bewahrung des schönen, histo- 
risch bedeutenden Gebäudes durch 
vorsichtige Restaurierung, um so 
der darin wohnenden Jugend die 
Atmosphäre einer großen Vergan- 
genheit nahe zu bringen, gleichzei- 
tig aber alle neuen Zu- und Ein- 
bauten und Adaptionen so zu ge- 
stalten, wie es uns hie et nunc ent- 
spricht und unsere Gegenwart re- 
präsentiert, in der Meinung, daß das 
gute Alte und das gute Neue sich 
auf Grund eben ihrer Werte ver- 
tragen müssen. 
Im Zuge der Restaurierung wurde 
der im Lauf der Jahrhunderte gänz- 
lich verbaute und verunzierte 
Innenhof von seinen Auswüchsen 
befreit. Auf diese Weise gewannen 
wir nicht nur wieder die schönen, 
ruhig-würdigen Hoffassaden, son- 
dern auch einen besser besonnten, 
verblüffend großräumig anmuten- 
den Hof, der im Verein mit einer 
lebendig wirkenden Kleinkopf-Pfla- 
sterung und einer kleinen Grün- 
anlage zu einem lärmabgcwandten, 
friedlichen Bereich mit einer Akzen- 
tuierung durch die Sandstein-Pla- 
stik von Erwin Thorn wurde. Da 
das Parterre des Hauses früher für 
Pferdestallungen, Lagerräume und 
Gesindewohnungen verwendet wor- 
den und daher architektonisch nicht 
gestaltet war, konnten wir hier un- 
schwer die Stiegen-Eingangshalle 
Seilerstätte, die Mensa im Kruger- 
straßenteil und die klassizistische 
Einfahrt von der Annagasse durch 
große Glasflächen oder zarte Git- 
tertore zum Hof hin öffnen und so- 
mit den Strailenpassanten einen Blick 
ins Grüne schenken und dem Haus 
Großzügigkeit verleihen. 
I)as Grundrißkonzept wurde von 
dem Gedanken ausgehend erstellt, 
daß ein Studentenhaus mit zirka 
170 Betten die Gefahren von Mas- 
senquartieren und -ansammlungen 
birgt. Um dem entgegen zu wirken, 
wurden in die Drittelpunkte jeden 
Stockwerkes, d. h. für 16 bis 18 Stu- 
denten, eine Gruppe mit WCs, 
Brause- und Wannenbädern, je einer 
Tceküche mit Eisschränken, Elek- 
trokochplatten und Abwäsche, so- 
wie pro Stockwerk eine Schuhputz- 
kamrner und ein Bügelzimmer ge- 
legt. Die Zimmer der Studenten 
enthalten jeweils nur ein oder zwei 
Betten. jedem Studenten stehen 
nebst Bett, Nachtkästchen, Bücher- 
bord und Kasten auch ein Arbeits- 
tisch zur Verfügung. Den verschie- 
denen Studienrichtungen angepaßt 
wurden z. B. für Techniker und Ma- 
ler größere Räume vorgesehen und 
die Zimmer der Musikstudenten aus 
Lärmgründen noch durch separate 
Zwischenflure von den Gängen ge- 
trennt. Von der Heimleitung geht 
zur leichteren Verständigung eine 
elektrische Rufanlage in jedes Zim- 
mer. Zum Studentenheim gehören 
noch eine Kapelle, Klub- und Spiel- 
zirnmer, eine Küchenanlage mit 
Kühlräumen und eine Studenten- 
mensa mit Bar, eine Waschküche 
und diverse Personalzimmer. - Das 
im ersten Stock befindliche „Inter- 
nationale Kulturzentrum" hat einen 
großen Festsaal mit Klimaanlage 
und Bühnen- und Filmeinrichtungen, 
ein Foyer samt Büfett und Kleider- 
ablage und mehrere Mehrzweck- 
säle. Studentenheim und Kultur- 
zentrum sind voneinander gänzlich 
durch eigene Zugänge und Stiegen 
getrennt, nur der Festsaal und die 
Kapelle sind von beiden Bereichen 
zugänglich gemacht. 
Diesem unkonventionellen Raum- 
programm und einer sehr indivi- 
duellen Anordnung der Räume ent- 
sprechen auch die verwendeten Ma- 
terialien, die in besonderem Maß 
geeignet sind, eine persönliche At- 
mosphäre zu erzeugen und keinen 
kasernenartigen Eindruck aufkom- 
men zu lassen. In den Gängen 
wurde schallschluckender, schwar- 
zer Asphalt als Bodenbelag verwen- 
det, dazu kontrastiert die ricmen- 
artig verlegte, abgesenkte Decken- 
untersicht aus Tannenholz als orga- 
nisches Material. Aus dem gleichem 
Grund wurden auch fast alle Türen 
mit Lärchenholz furniert, das durch 
seine Maserung und Farbe keine 
Gleichförmigkeit zuläßt. Die Wand- 
malerei aller Räume ist in intensi- 
ven, schönen Farben zusammen mit 
Weiß- und Grautönen gehalten, die 
jedem Zimmer trotz der aus Billig- 
keitsgründen gleichen Möblierung 
einen eigenen Charakter verleihen. 
Auch die maßvolle Verwendung von 
Nirostaflächen, Möbellinol, Natur- 
steinplatten, ungebleichten Leinen- 
Vorhängen usw. dienen einer zweck- 
mäßigen, klaren Architektur. 
Wie die Auswahl der Materialien 
und ihre Zusammenstellung unse- 
rer Zeit entsprechen, so wurden 
auch die Konstruktionen aller neuen 
Teile mit den heutigen Mitteln und 
Möglichkeiten durchgeführt. Als 
Beispiele seien einige besonders 
augenfällige Details erwähnt. 
Aus organisatorischen Gründen 
mußte ein neues Stiegenhaus ein- 
gebaut Werden. Es war die Absicht, 
nicht nur funktionell die richtige 
Stelle dafür zu finden, sondern auch 
die barocke Hoicinfahrt dafür her- 
anzuziehen. - Die vorhandenen, 
etwa 1m dicken Mauern forderten 
geradezu zum Kontrast durch gra- 
zile, das Material bis zur äußersten 
Belastbarkeit beherrschende Kon- 
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