MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 46)

ROSA MYSTICA 
OTTO MAUER 
Zu den drei 
Pergamenien von 
Ems} Fuchs 
in der 
Rosenluanzkilche 
Wien, Hehendori 
1957 wurde die Rosenkranzkirche, Wien-Hetzendorf, von 
den Architekten Georg Gsteu und Friedrich Achlcitner 
im Inneren völlig umgestaltet; der neo- und pseudoroma- 
nische Raum, von dessen Vierungskuppel ein monströscr 
Eisenluster schwebte,war pompös mit nachnazarenischen 
Fresken und landläufigen Serienfigruren dekoriert. Die 
Purgierung des Innenraumes und die völlige litur- 
gische Neuordnung trugen dem Pfarrer, Joseph Lirnst 
Mayer, und den Architekten den bitteren Vorwurf des 
Puritanismus, der Pietätlosigkeit und des Ikonoklasten- 
tums ein. Aber die Campagne der „Kochenden Volks- 
seele" verlief im Sande, intellektueller Mut und mora- 
lische Konsequenz blieben Sieger gegenüber dem Diktat 
der Straße. Schon 1957 veranstaltete das „Institut zur 
Förderung der Künste in Österreich" (Präsident Manfred 
Mautner Markhof) in Zusammenarbeit mit der Galerie 
St. Stephan einen geladenen Wettbewerb unter den 
Malern Absolon, Fuchs, Lehmden, Mikl, Rainer, Szysz- 
kowitz, aus dem Ernst Fuchs als Lirstprämiierter hervor- 
ging. Er faßte die originelle Idee, die verlangten drei 
„Bildcr" zu den drei Geheimnissen des „freudenreichen", 
des „schmerzhaften" und des „glorreichen" Rosenkran- 
zes, auf drei Pergamenten (3X3m) zu realisieren; so 
entstanden in der Folge von September 1958 bis Weih- 
nacht 1960 auf zwölf Ziegenhäuten drei „Standarten" 
marianischer Mystik. 
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In der ersten Standarte (1960) mischen sich, ikonogra- 
phisch betrachtet, die Geheimnisse des „frt-udenreichen" 
Rosenkranzes mit den Bildern der apolyptischen Vision 
vom „großen Zeichen" (Apk 12, 1), der „Frau, mit der 
Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und eine 
Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupt" (ebd); es 
ist Maria - Ekklesia, die historische Gottesgcbiircrin 
(Theotokos) und zugleich die Kirche auf dem Weg, in 
der Verbannung, die noch immer der Aggression des 
Bösen unterliegt. Die Frau „war gesegneten Leibes" 
(Apk 12, 2), „den du, o Jungfrau vom Heiligen Geist 
empfangen hast", sagt der Rosenkranz, sie ist aber schon 
auf der Wanderung zu Elisabeth begriffen (gleichzeitig 
ist es die Wanderung der Kirche aus dem Ägypten der 
„Welt" in das verheißene Land des Reiches Gottes). Hinter 
der Jungfrau-Mutter (die Kirche ist „Braut des Lammes" 
und doch mütterlich fruchtbar in zahllosen Kindern, steht 
Gabriel, der vielhändige Erzengel der Verkündigung; er 
hebt eine der Hände ankündigend, denn seine Heilsbot- 
schaft ist nicht Lehre, sondern Verheißung des göttlichen 
Faktums der Fleischwerdung des Wortes; er hebt die an- 
dere lland schützend über das Kind der Frau; im Engel 
jahwes erscheint die rettende Anwesenheit des Allerhöch- 
sten selbst; mit einer dritten Hand und dem Amethyst- 
stab besiegt er den dämonischen Drachen, „die alte 
Schlange, die Teufel und Satan heißt" (Apk 12, 9). Im 
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