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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 48)

KLOSTERNEUBURG 
FLORIDUS ROHRIG 
Zur Zeit ist im Stift Klosterneuburg eine Sonderaus- 
stellung unter dem'Titel „Klosterneuburg - Zentrum 
der Gotik" zu sehen. Alle darin gezeigten Objekte, 200 
an der Zahl, stammen aus dem Besitz des Stiftes, die 
Ausstellung enthält keine einzige Leihgabe. Dies allein 
rechtfertigte schon ihren Titel. Es sind hier Kunstwerke 
von internationalem Rang zu sehen, die zum überwie- 
genden Teil im Auftrag des Stiftes und für dasselbe, 
vielfach sogar an Ort und Stelle entstanden sind. Tat- 
sächlich war das Stift Klosterneuburg eines der wich- 
tigsten Zentren gotischer Kunst, sein Einfluß reichte 
sogar über Österreich hinaus. Diese künstlerische Stel- 
lung wurde durch die Nähe des Herzogshofes bestimmt, 
dem das Stift als das eigentliche „Hausklostcr" des Hau- 
ses Österreich seit seiner Gründung eng verbunden war, 
weiters durch die im Spätmittelalter meist sehr gün- 
stige Vermögenslage des reich bestifteten Klosters und 
durch den Kunstsinn seiner Mitglieder, namentlich der 
Pröpste, unter denen einige als bedeutende Mäzene her- 
vorragen. , 
Die Gotik setzt in Klosterneuburg mit einem vollen 
Akkord ein: mit der berühmten „Capella specinsa", die 
Herzog Leopold Vl. um 1220 im Zusammenhang mit 
der Erneuerung der alten Babenbergerburg von hurgun- 
dischen Baumeistern errichten ließ. Sie war der erste 
rein gotische Sakralbau Österreichs. Leider wurde sie 
auf Befehl Kaiser josephs H. geschlossen und später 
abgebrochen, die prachtvollen Architekturteile fanden 
beim Bau der Franzensburg in Laxenburg Verwendung. 
Wenn Leopold VI. auch seine Residenz bald wieder nach 
Wien zurückverlegte, so blieb doch der hölisehe Glanz 
an der Kunst Kloslerneuburgs halten. Aus demselben 
Jahrhundert stammen die älteren Teile des Kreuzgangs. 
Seine Süd- und Westseite gehören erst dem 14. jahr- 
hundert an. 
Die große Zeit der Gotik ist für Klosterneuburg die erste 
Hälfte des 14. Jahrhunderts. Um 1310 entstand jene be- 
rühmte Sitzligur, die unter dem Namen der „Kloster- 
neuburger Muttergottes" bekannt ist. im Ausdruck 
hoheitsvoll und mütterlich zugleich. Ihr Meister ist iden- 
tisch mit dem Schöpfer des verlorenen Grabmals der 
Herzogin Blanko. (gest. 1308) in der Wiener Minoriten- 
kirehe, das wir nur aus einem Kuplerstich kennen. Viel- 
leicht war er ein Franzose. Das im besten Sinn klassische 
Werk zeigt jedenfalls sehr starke Anklänge an den We- 
sten. Um dieselbe Zeit blühte in Klosterneuhurg eine 
urkundlich überlieferte Glasmalerwerkstätte, der wir 
wohl die frühesten hoehgotischen Glasgemälde Öster- 
reichs verdanken, und ein bedeutendes Buchmaleratelier. 
Der unmittelbare Anlaß für eine Kunsthetätigung in 
großem Ausmaß war der Brand Klosterneubtirgs von 
1330. Es fügte sieh glücklich, daß damals im Stilt als 
Propst ein Mann von hohem künstlerischen Verständnis 
regierte: Stephan von Sierndorl (1317 bis 1335). Dieser 
Propst wußte nicht nur die bedeutendsten Künstler für 
den Wiederaufbau heranzuziehen, sondern liebte es auch. 
auf deren Werken sein Bild und seinen Namen vcrv 
ewigen zu lassen, - darin nimmt er einen Zug viel spä- 
terer Zeiten voraus. Er ließ nach dem Brand das herr- 
liche Emailwerk des Nikolaus von Verdun (1181),
	        

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