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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 51)

Großaufträgen der öffentlichen 
Hand leben und alle Jahre wieder 
bei Ausstellungen mit ihren neuesten 
Produkten in Erscheinung treten. 
Erst 1960 stellte er sich zusammen 
mit Fritz Martinz in der Zedlitz- 
halle einer sehr bestürzten und rat- 
losen Öffentlichkeit vor, die seinem 
Schaffen Lob und Anerkennung 
nicht versagen konnte, es aber bald 
genug aus ihrem Gesichtskreis ver- 
drängte. llrdlicka kann unter sol- 
chen Umständen natürlich von sei- 
ner Kunst nicht leben, aber er hat 
Mut genug, sich als „Baraber", als 
körperlicher Schwerarbeiter weiter- 
zubringen: das garantiert ihm auch 
das Verbleiben in jener Wirklich- 
keit, die er immer wieder darstellt 
- nicht mit Grausamkeit, Zynis- 
mus, Hall oder Besserwisserei, son- 
dern mit einer Art bedingungsloser 
Hingabe, die nicht nach Gut und 
Böse fragt, sondern das festhält, was 
ihr an den Menschen äußerlich und 
innerlich auffällt. Hrdlicka, ein 
Graphiker von virtuosem Können 
in technischer Hinsicht, schuf 1951 
sein vielleicht eindrucksvollstes 
Blatt, das „Kleine Weltgerieht" 
(Abb. 2), das uns in die versoffcne 
Welt der Wiener phäakischen Drah- 
rer führt, deren zwei ihr bereits zur 
Alkoholleiche gewordenes Idol aus 
dem Raum tragen, während im Hin- 
tergrund eine „lustige" Runde in 
viehischer Nacktheit weiterfeiert; 
rechts oben schweben Genien mit 
einem Luftballon aus dem Keller. 
Sinn und Symbolik dieses Blattes 
sind von so fürchterlicher Eindeu- 
tigkeit, scine Figuren von so schau- 
riger Realität, daß es absolut unnot- 
wendig ist, mehr sprechen zu lassen 
als nur das Werk selbst. 1952 stellte 
Hrdlicka eine „Stehende" (Abb. 3), 
in Lebensgröße auf die Beine. Si- 
cherlich ist das Motiv noch typi- 
sche Akademie, das Bild ist also 
vom Thema her gesehen so konven- 
tionell wie nur möglich. Aber im 
Gegensatz zu den unverbindlich-di- 
stanzierten Arbeiten gleieher Art, 
die nur die Form, nicht aber das 
dargestellte Lebewesen sehen, macht 
uns l-lrdlicka hier, um ein Scherz- 
wort seiner Freunde anzuwenden, 
mit einer richtigen „Venus von 
Kladno" bekannt, einem vulgären, 
ganz alltäglichen Weibsbild aus der 
Vorstadt, das uns mit solcher Vita- 
lität und Unmittelbarkeit entgegen- 
tritt, daß wir geneigt sind, die Fak- 
tur des Werkes glattweg zu verges- 
sen. Hier siegte das Leben über die 
Form! 
Aber llrdlicka ist sich der Gefahren 
bewußt, die die Auseinandersetzung 
mit der Erdenwirklichkeit bietet. In 
einem Wiederum ganz unzeitgemäß 
monumentalen Gemälde stellt er 
seine Kenntnis des Menschen in den 
Dienst der Auseinandersetzung mit 
einem der schrecklichsten Ereignis- 
se unserer Zeit, nämlich der Ver- 
folgung und Vernichtung der Juden 
(Abb. 4). „Die Badenden" schildern 
in einer bereits ins Mythisehe über- 
höhten Weise jene unvorstellbar ge- 
meinen Akte, die darin bestanden, 
daß man Gruppen von Verfolgten 
glauben ließ, sie würden zum Bad 
geführt werden, sie nötigte, die 
Kleider abzulegen und sie dann ver- 
tilgte wie Ungeziefer. Auch hier 
spricht die Komposition für sich 
selbst; zwar sind Formen und Far- 
ben gespenstisch und a-naturali- 
Stisch geworden und die Figuren 
hören auf, Individuen zu sein, aber 
an der hier ins Typische erhobenen 
Wirklichkeit und Tatsächlichkeit 
des Ereignisses besteht kein Zwei- 
fel: so war es und nicht anders, ist 
die Botschaft dieses Mahnmales, das 
alleine schon in Anbetracht des Mu- 
tes im Anpacken des Themas einer 
breitesten Öffentlichkeit vertraut 
gemacht werden sollte. In den „Drei 
Grazien" von 1961 schließlich (Abh. 
7) ist ebenfalls, ja fast noch stär- 
ker, die Überhöhung des Individuell- 
Anekdotischen ins Typische bei 
voller Beibehaltung einer spontan 
faßbaren Realität geglückt. 
Als Bildhauer meißelt Hrdlicka 
ohne allzu viel vorbereitende Stu- 
dien seine Figuren unmittelbar aus 
dem Stein, er ringt sie ihm ab, 
kämpft in beiden Richtungen, mit 
Gestalt wie mit Materie, in gleich 
berscrkerhafter Unmittelbarkeit uno 
läßt auch noch in der fertigen 
Schöpfung das Erlebnis ihres Wer- 
dens naehschwingen (Ahb. 5, 6). Die 
männliche Gestalt mit dem Spiel 
ihrcr Muskulatur und dem auch am 
Modell immer unverkennbaren 
Durchprägen des Skelett-Gerüstes 
gibt er hier vor dem weiblichen, 
weichen, geschlossenen Körper den 
Vorzug. Seine bildhauerischen 
Schöpfungen können rein von der 
ldce her getrost mit Arbeiten des 
späten Michelangelo verglichen 
werden, so stark ist das Erleben des 
Lastens, Tragens, llängens, Tau- 
melns, des Sichentwindens in einer 
„Linea serpentinata" („Schreiten- 
der", Abb. S). Und im „Gekreuzig- 
ten" von 1958159 (Abb. 1) stößt 
Hrdlicka, ähnlich wie in seinen Ge- 
mälden, tief bis zum Kern alles Lei- 
dens und Gequältwerdens der Krea- 
tur vor, als wahrhaft Mitleidender 
und Mitfühlender, als echter, leben- 
diger Mensch in einer von Schemen 
bevölkerten Umwelt.
	        

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