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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 51)

NOTIZEN AUS 1 
DEM KUNSTLEBEN 
Henry Zll00re: Wechselspiel von 
Schale und Kent 
Zur Ausstellung der Österreichischen 
Kulturvercinigung in der Akademie der 
bildenden Künste, Wien. 
liines der interessantesten Werke dieser 
Ausstellung ist eine „Liegende Figur" 
(Außcniorm). Bronze, 193i. Dieses Ge- 
bilde wirkt von der Rückseite, trotz des 
Materials wie ein kaum geglieder- 
tcr erratischcr Block. Die Schauscitc 
hingegen offenbart eine Folge von 
Höhlungen, die miteinander kommuni- 
zieren: das scheinbar Massive, Ungefüge 
erweist sich also als von inneren Kraf- 
tcn geformt und organisiert bis ins 
Letzte. Werden diese Höhlungen nun 
wiC etwa in der „Licgendcn Figur (in- 
nt-re und äußere Formen)" mit einem 
Gefüge Slißlßllhälflßll Charakters ver- 
sehen, so ist Moorc's bildhauerisches 
Crcdo vollends ollenhar: es gibt kein 
Attßen ohne ein Innen, keine Schale 
ohne Kern, keine gestaltete Masse ohne 
sie gestaltende Energie. Das wechsel- 
weise Zusammenwirken beider Elemente 
ist das Wesentlichste im Schaffen dieses 
nicht nur größten, sondern auch einzig 
echten englischen Bildhauers, wenigstens 
was das Formale anbelangt. Hinsichtlich 
des Inhaltes wurde erst unlängst (Siehe 
unsere Buchbesprechung, in Helt 50, p. 33, 
Ncumann, Die archetypischc Welt Henry 
MoorCs) nachgewiesen, daß Moore im- 
m " nd immer wieder die „Große Mut- 
tc n all ihren Aspekten darstellt, bald 
in urtümlichcr Vcrhaltcnheit, dann wic- 
der als Herrin der Höhlen und Luft- 
schutzkeller (die „shelter drawings" als 
 
 
 
eine Art von universcllcm Utcrus) oder 
als „böse Mutter" von raubvogelhaftem 
Charakter, die von ihrem Kinde ange- 
griffen und bedroht wird. 
Von greller Bedeutung bei Moore sind 
die „Hclmplastikrn", eine Abwandlungs- 
iorm der Schale-Kern-Idec; der aus der 
Schale ausgelöste Skelett-Kern türmt 
sich in vielen Fällen zu meterhohen 
(icrüst-Gcbilden auf, die mit ihren Ten- 
takeln in den Äther vorstoßcn. (Abb. 2.) 
Riesige, totumhalte Idole variieren die 
ldee ins Massive. Der männliche Kör- 
per spielt bei Moore quantitativ nur 
eine Rolle zweiten Ranges. Vor- 
nehmlich werden Gestürzte, Gefallene, 
Verkrüppeltc dargestellt, vernichtete 
Krieger, sozusagen die „Miinnchcn" der 
„Großen Mutter", die nach getaner 
Schuldigkeit dem Tode anhrimiztllcn. 
Auch das Menschenpaar (Abb. 1), 
manchmal als „König und Königin", 
manchmal in seiner Elternrollc zeigt in 
denkmalhaftcr Monumentalitat das An- 
 
ders-Scin der Geschlechter 
AndCrS-Scin in Aggressiv tt mündet. 
zeigt das kleine Gebilde „Thrcc Pointe" 
(193140), eines der radikalsten Zerstö- 
rungssymbole, die in neuer Zeit geschal- 
lvn wurden. - 
Der Ausstellung der Ostci hischen 
Kulturvereinigung ist es entschieden ge- 
lungCn, uns das Wesentliche in Moore 
an Hand einer großen Reihe rr "asen- 
tativer Werke nahezubringcn. liin un- 
verschuldet großes Manko allerdings 
haltet ihr an, nämlich die Tatsache, daß 
die Werke im geschlossenen Raum und 
nicht im Freien gezeigt werden. Moore 
selbst hat immer wieder betont, wie we- 
sentlich ihm das Zusammenspiel zwi- 
schen Kunst- und Naturform erscheint. 
Unser Abbildungsmatcrial versucht. hier 
als Ersatz einzuspringen. Dr. Köller 
  
 
 
2 
1 Zwei sitzende Figuren, 1952 53, Gips, 
Höhe 164 cm. 
2 Stehende Figur, 1950, Bronze. Höhc 
220,5 cm. 
Au: dem Besitz der Galerie Scbebesta 
Wien I, Plankcngnsse 7: 
johann Baptist Reiter (1813 bis 1890), 
„Heimkehr vom Einkauf" (Die Toch- 
ler des Künstlers), Ol auf Leinwand. 
77 X 60 cm, sig.  B. Reiter. 
Reiter, einer der geschätztestcn Gesell- 
schahsporträtistcn seiner Zeit, schuf auf 
der Höhe seines Lebens das ebenso zin- 
mutige wie frische Bild seiner Tochter. 
Das Gemälde wird in dem zu Weihnach- 
ten dieses Jahres bei Wolfrum erschei- 
nenden Werk über Alt-Wiener Malerei 
von Bruno Grimsehilz veröffentlicht 
Aus der Galerie Herbert Asenbaum „Zum Antiquar", WiCn1,Käl'nlflCl'bll' 
lße 28 
 
Abb. I: Moses, Nußholz, Höhe 36 cm, 
Anfang 14. jahrhundert. 
Abb. 2: Aaron, Nußholz, Höhe 36 cm. 
Anfang H. Jahrhundert. 
Diese beiden Plastiken des Bruderpaares 
Aziron und Moses stammen von einem 
jener Propheten und Apostclzyklen. die 
zumeist in typologischer Anordnung rm 
den großen Altären zu Anfang des 
14. Jahrhunderts üblich waren und des- 
sen prominenteslcs Beispiel der Hochk- 
nllar der Oberwelser Stiftskirche Unse- 
rer Lieben Frauen ist, der 1308 begon- 
nen wurde. Obwohl bei den beiden Fi- 
guren noch in lrühgotischcr Art Kör- 
per und Gewand durch die Schultern 
hochgezogen wird, läßt sich doch be- 
reils in der Körperhaltung die „S„-Li- 
nie der Hochgotik erkennen. Verinner- 
lichter Ausdruck im Antlitz, Fnltenge- 
hung und Körperhaltung weisen auf das 
Rheinland hin, in die Umgebung von 
Köln und in die Nachfolge der durch 
die Kölner Domapostel geprägten Ty- 
pen. Ein verwandtes Beispiel ist die 
Heiligenfigur aus Filsen bei Boppard im 
Kölner Schnültgen Museum. 

	        

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