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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 52)

hcinc Wunder. Der tatsächliche Name 
der Heiligen soll Wilgefortis (virgo for- 
tis?) gewesen scin. 
Die Darstellung weist aller Wahrschein- 
liehkeii nach auf einen im hohen Mit- 
ttlaller bereits nicht mehr verstande- 
nen frühen 'l'_vp eines ganz bekleideten 
Uekreuzigten hin, wie er uns z. B. noch 
im „Volto santo" in Lucca (10. Jahr- 
hundert) überliefert ist. 
 
"n. ..i.u...u..,_-,..., „xiillltauxt u: vvutu ..V 
gure", zurück, den der 1592 93 in Naney 
geborene Radierei" und Zeichner Jac- 
ques Callot wiihrcnd seines von 1609 bis 
1622 wahrenden Aufenthaltes in Italien 
unter Verwertung von Typen der Com- 
media dell'Arte geschaffen hatte. Callot- 
figuren wurden bis ins 18. Jahrhundert 
hinein in allen G len und Materialien 
hergestellt; die Groteskfigurun des Salz- 
hurger „ZxvCrgIgnrtt-ns" gehören ebenso 
zu diesem Genre wie die ins Humorvoll- 
Volkstümliche transponiertun Typen der 
Wiener Porzellanmanufaktui" („Walper 
llöllriglin", „jupantsehti Fcrenz", „Os- 
wald von Stroblhart"). Die hier abgebil- 
deten Figuren lassen sich mit den Typen 
der Porzcllanpteodulction hervorragend 
vergleichen. Besonders hervorzuheben ist 
die qualiiittvollc Durehhildung der Ein- 
zclheitt-n. 
ilIonumeiilalmibincu, Buchsbaum. Arbeit 
von Andrea Bruslnlon (1662-1732, Vene- 
dig), 180 ivi 140cm, Lichte 117 x 81 cm. 
Mit der Persönlichkeit von Andrea Bru- 
stolon geht das Schaffen der veneziani- 
sehen Bildhauer mit der Fertigkeit der 
Kunsttisehlcr eine. letzte, großartige 
Synthese ein, die ganz unter dem Zei- 
chen Wuchernder Phantastik steht. Die 
Möglichkeiten einer geistvollen Ver- 
sehlingung von Ritnkcntverk. Blüten und 
Puttenfigtiren sind hier vollendet aus- 
geschöpft, ohne daß es - wie bei so 
manchen Arbeiten der Brustolon-Werk- 
statt _ zu hybriden und monstr en, 
unserem Zeitgeschmack {umstehenden 
Bildungen kommt. 
ROhOI-ZO-Rtlfliilfll, Birnholz. Gesamthöhe 
35 cm, Lichte 21 X 15 cm. Arbeit von 
Johann Peter Sehwanthaler (1720 bis 
1792). 
Die außerordentlich graziöse, rhyth- 
misch besehtvingte Arbeit bringt all ihre 
ornamentalen und figuralen Elemente 
zu freier. entspannter Entfaltung, hei- 
tere Musikaliliit ist der (irundtori des 
tmpfindens. das sie irn Betrachtet" aus- 
löst. 1m Vergleich mit dem Brustolon- 
Rahmen zeigt diese kleine österreichi- 
sche Arbeit unverkennbar den Wandel 
des Zeitgcschmacks und die Unterschie- 
de der nationalen Temperamente. Das 
Stück ist in die Mitte des 18. jahrhun- 
derts zu datieren und wäre damit ein 
relativ frühes Werk  P, Schwanthav 
lers. 
Schrank. Nuli- und Nußwurzelholz auf 
Nadelholz furnit-rl. 228 X 223 ,-( 90 cm. 
Dieses priitihtige, wohlcrhaltene Stück 
von unzweifelhaft süddeutscher Her- 
kunft ist in die ersten Jahre des 
I8. jahrhunderis zu dat ren. Von be- 
sonderem Interesse ist die Gestaltung 
der erhabenen Mittelfeldt-t" der ' 'ren in 
Verbindung mit den darunterliegeriden 
qucrstehcnden Feldern und den pyrami- 
denartigen Verbindungsstüeken; ohne 
Zweifel werden hier norddeutsche An- 
regungen in die weichere LtnCl reichere 
Sprache der Landschaft südlich des Mai- 
nes übertragen. m. Köller 
 
 
 
 
ouzanne valauon war eine neute nei- 
nahe schon wie eine Fabelfigur ,wii4,- 
kende „totale" Bohemienne, die im Paris 
eines Toulouse-Lautrec, eines Degas, 
eines Puvis de Chavannes (um nur die 
Namen ihrer prominentesten Geliebten 
zu nennen) lebte, liebte und malte. Wie 
aus den ausgezeichneten, auf genaues 
Quellenstudium basierenden Ausführun- 
gen des durchaus gewissenhaften und 
verläßlieh wirkenden Autors hervor- 
geht, war eine der Quellen ihrer künst- 
lerischen Kraft eine sehr SpCZiflSChC Art 
von völliger Enthemmtheit, aus der sie 
die Fähigkeit bezog, alles an Menschen, 
Dingen und künstlerischen Anregungen 
zu absorbieren, was sich ihr, der un- 
ehelichen Tochter eines Mädchens vom 
Lande, das bald genug zur Trinkerin 
wurde, in buntem Durcheinander dnrbot. 
Uns Heutigen will es unbegreiflich er- 
scheinen, daß ein an sich empfindsamer, 
sehr subtil organisierter und eben künst- 
lerischer Mensch unter den gegebenen 
Umständen überhaupt existieren konnte, 
aber aus Storm's Darlegungen wird 
einem wieder einmal klar, daß echte 
Begabung von äußeren Bedingungen des 
Daseins unabhängig ist und es stets ver- 
steht, auch den gefährlichsten Stier hei 
den Hörnern zu packen. Und vielleicht 
ist es eben doch so, daß gerade der 
übelrieehendste Dünger die prächtigsten 
Früchte hervorbringt. 
Storm versucht nur ansatzweise, die 
Kunst der Suzanne Valaclon zu analy- 
sieren und ihr einen Platz im Mosaik 
der Zeit zuzuweisen. Sein Anliegen war 
es, uns den Menschen näherzubringcn, 
sine ira et studio, ohne zu moralisieren 
oder sich im Sumpfe wohlzufühlen. Die 
ausgezeichnete Übersetzung von Jutta 
und Theodor Knust wird dem leicht 
lesbaren Buche sicherlich eine weit ge- 
streute Verbreitung sichern. 
Alain, Spielregeln der Kunst (Prelimi- 
naires z. Flisthetique). Karl Rauch Ver- 
lag, Düsseldorf 1961. 
Dieser Band vereinigt neunzig Essays 
eines bei uns fast unbekannten, aber in 
Frankreich hochberühmten Autors. Sie 
entstanden in den jahren 1907 bis 1936, 
sind - wie nicht anders zu erwarten 7 
spritzig und witzig geschrieben, aber 
doch so sehr bloße „Kunst des Tages". 
daß sie heute schon eher als Quellen 
zur Kulturgeschichte ihrer Zeit denn als 
gültige Aussagen zu den vielfältigen 
Themen angesehen werden können. 
Wenn er z. B. die Möglichkeit einer 
farbigen Plastik ableugnet, so beweist 
er nur, daß seine Gesinnung immer noch 
die des Spätklassizismus ist und er sich 
über die Plastik vergangener Zeiten 
wenig informiert hatte. Und wenn er 
behauptet: "Mit armiertem Beton bauen 
ergibt nicht Schönes", so wird einem 
klar, wie wenig dieser geistvolle, ele- 
gante und gewandte Mann uns noch zu 
sagen hat. 
Dr. Ernst Köllcr
	        

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