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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 52)

 
DÜRERS REISE DURCH TIROL 
OTTO R. v. LUTÜ 
EROT 
Zu den von einem seltenen Glanz erfüllten Frühwcrken 
Albrecht Dürers gehören auch seine Landschaftsaqua- 
rellc, dic der Künstler in Tirol geschaffen hat, als er 
zum ersten Mal von Nürnberg nach Italien zog. Bald 
nach seiner Rückkehr von der sogen. ledigen Wander- 
schaft hatte der junge Albrecht Dürer in Nürnberg am 
7. Juli 1494 Hochzeit mit Agnes Frey gehalten, nachdem 
er ihr ein Jahr vorher wahrscheinlich von Straßburg 
aus sein Selbstbildnis (heute Louvre) als Werhegnbe ge- 
sandt hatte. Es ist das erste gemalte rein autonome 
Selbstbildnis der europäischen Kunst und das älteste 
eigentliche Künstlerportrat des Nordens. Und nun, im 
Herbst 1494, machte sich der junge Ehemann Dürer 
überraschend von neuem auf eine Reise, auf die Reise 
nach dem Süden, nach Venedig. Man hätte erwarten kön- 
nen, daß er, vom Oberrhein zurückgekehrt, der Voll- 
ender des frühverstorbenen Martin Schongauer würde, 
aber da geschah das Neue: er geriet unter den Eindruck 
Italiens, die Wirkung Schongauers begegnete sich mit 
der Mantegnas, deutsche Spätgotik mit italienischer Re- 
naissance. Das ist das ewig denkwürdige und interes- 
sante, immer wieder erregende Schauspiel, das sich uns 
in der Entwicklung Dürers darbietet. Vieles hat Dürer 
damals gesehen, was ihn mächtig erregt haben muß: 
unsere Berge und Täler in Tirol, und dann Venedig und 
seine Kunst. Noch 1506 in einem Brief an Pirckheimer, 
auf der zweiten italienischen Reise, spricht Dürer von 
einem großen Eindruck, den er 11 jahre früher in Ve- 
nedig gehabt habe. 
Der äußere Anlaß zu dieser plötzlichen Reise, die so 
bald nach der Hochzeit wie eine Flucht anmutet, war 
vielleicht, wie Ed. lilechsig dargelegt hat, eine jener 
Seuchen, die verheerend in mittelalterlichen Städten wü- 
teten. Man hat für den Herbst 1494 das große Sterben, 
die Pest, in Nürnberg nachgewiesen, die am 1. September 
1494 ausgebrochen war und bis Weihnachten 149-} viele 
Opfer forderte. Merkwürdig, daß auch 1505, bei der zwei- 
ten Reise Dürers, die Seuche wieder aufgetreten war. Zu- 
gleich aber war diese Flucht die Erfüllung des 'l"r'aumes 
Dürers vorn Süden, der immcr wieder in nie abrcißender 
Folge von deutschen Künstlern geträumt worden ist. 
Vielleicht nahm den Künstler einer der reichen Nürn- 
berger Kaufleute, die in Geschäftsverbindung mit Vene- 
dig standen und im Fondaeo dei Tedesehi ihre Nieder- 
lassung hatten, nach Venedig mit. So eine Gelegenheit 
könnte den Künstler auch zu der plötzlichen Abreise 
bewogen haben. Wer weiß das? Wahrscheinlich reiste 
Dürer nicht allein, oder wenigstens nur streckenweise. 
Wahrscheinlich machte er auch nicht die ganze Reise 
zu Fuß, sondern, wie es üblich war, zu Pferd. 
Die gewöhnliche Straße von Nürnberg nach Venedig 
ging damals über Augsburg, Oberammergau, Partenkir- 
chen, Mittenwald, Seharnitz, Seefeld, Zirl nach lnns- 
bruck, dann über den Brenner. Brixen, Klausen, Bozen, 
Salurn nach Trient. Von da führte der Weg entweder 
über Verona, Vicenza, Padua nach Venedig, oder man 
bog lieber von Trient nach Osten ein in das Tal der 
Brenta, die Val Sugana, und berührte die Orte Pergine, 
Borgo, Bassano, Padua. Möglich, daß Dürer eine Pilger- 
karte benütztc, wie sie um 14-85 in einem Holzschnitt 
zu Nürnberg erschienen war, mit den eingezeichneten 
Stationen „ . . . lspruck . . . Brenner . . . Brixen . . . Klausen 
 Pozen. . .'l'rient" usw. Auch von dem Kompaßmacher 
Etzlaub war 1492 in Nürnberg eine Wiegekarte von Nürn- 
berg nach Rom erschienen, die Dürer benützt haben 
konnte. 
Vielleicht ging Dürers Reise zunächst hastig wie eine 
Flucht vor sich. Der „große Sterb" beschränkte sich ja 
l Ansicht von Innsbruck, H94. Aquarell. Albertina, Wien. 
2, 3 Hof der lnnsbrucket" Burg, 149i Aquarelle. Alberlina, 
Wien.
	        

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