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Full text: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 53)

Durch ein Legat des in Klagenfurt gebürtigen Dr. med. 
Franz Ritter von Dreer (gestorben 1872) kam die 
Dreersehe Münzsammlung nach Klagenfurt und wird 
seit nunmehr neunzig Jahren im Landesmuseum ver- 
waltet und betreut. Dreer, der durch vier jahrzehnte als 
Arzt, später Primarius am Irrenhaus in Triest wirkte. 
hatte seine eigene Münzsammlung nach dem Tode seines 
Freundes Dr. Oetav von Vest um dessen Griechen- 
münzen vermehrt. Die rund 4000 Griechen- und 1900 
Römermünzen dieser Sammlung, deren schönste Stücke 
das Landesmuseum kürzlich in einer Sonderausstellung 
zeigte, bergen eine Anzahl hervorragend erhaltener Prä- 
gungen, sie sind aber immer auch eine Fundgrube 
numismatischer Besonderheiten, die von den Sach- 
bearbeitern einzelner Gebiete gerne herangezogen 
werden. 
Neben der Vasenmalerei besitzt die griechische Kunst 
kein Gebiet, das uns in ähnlicher Fülle jene schönen 
Zeugen „höheren Lebensgewerbes" (Goethe) überliefern 
wie die Münzen. Ursprünglich den ehtonischen Mächten 
zugehörig, später den freundlichen olympischen Göt- 
tern, sind diese durch ihr Abbild Garanten der Werte, 
die das wirtschaftliche Leben der Polis bestimmten; sie 
sind aber auch das kleine Heiligtum neben dem Tempel 
der Stadt und auf ihm finden wir ihre Kulte wieder. Mit- 
unter kennen wir eines jener archaischen Götterbilder 
 
GÖTTERGLAUBE UND 
MENSCHENBILD 
Die antike Münzensamrnlung 
POLDINE 
.SPRINGSCI 
TZ 
 
aus längst verschollenen Tempeln nur durch sein Ab- 
bild auf der Münze, so etwa eine thessalische Pallas auf 
einer Münze des Thessalischcn Bundes aus dem 2. jahr- 
hundert v. Chr. Die Münze erzählt uns die Gründungs- 
sage der Stadt und verewigt ihre Eponymen und mythi- 
schen Nationalhelden, wie etwa jenen Phalanthos auf 
dem Delphin von Tarent oder den kleinen prahlsüchtigen 
Kämpfer vor Troja, Ajax aus Lokris, für dessen Schatten 
die Lokrer in ihren Schlachtordnungen stets einen Platz 
offen ließen. Die Mythen Homers erwachen zu ungev 
ahnter Anschaulichkeit im Münzbild der ersten fünf 
Jahrhunderte vor Christi. 
Die Münzen erzählen aber auch von Kriegsnot und Seuf- 
chen, die mit Hilfe der Götter abgewendet wurden, wie 
etwa die Münze von Selinus (Selinunt in Sizilien) mit- 
dem Flußgott Hypsas in Jünglingsgestalt (Abb. 1); er 
bringt, Schale und Zweig zum Besprengen in Händen, 
über dem schlangenumwundenen Altar des Asklepios ein 
Dankopfer für das Schwinden des Sumpfficbers dar und 
wir wissen aus der Literatur, daß Empedokles um 4-80 
v. Chr. für die versumpften Flußufer am Rande der Stadt 
eine Entwässerungsanlage schuf. Unter dem Sellerieblatt. 
dem redenden Stadtwappen, entweicht der Sumpfvogelv 
Götterbildnis und mythologische Szenerie beherrscht das 
Münzbild mit Beginn der klassischen Periode in der 
ersten Hälfte des 5. jahrhunderts, und schon schieben 
sich auch Zeugen historischer Ereignisse ein. Als Ana- 
xilas, Tyrann von Rhegion (Reggio di Calabria), 494 bis 
476[75 v. Chr., auch auf Sizilien übergriff und Messana 
einnahm, führte er. einem Bericht des Aristoteles zufolge, 
den Feldhascn auf der Insel ein; fortan erscheint der 
Hase auf den Münzen Messanas und verdrängt den Del- 
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